Er kann es nicht lassen. Und er will es auch gar nicht: Wer je geglaubt hatte, Verleger Vito von Eichborn würde als Ruheständler in seinem Hotelprojekt in der Dominikanischen Republik aufgehen, wird nun eines Besseren belehrt. Noch einmal geht Eichborn mit einem neuen Verlag an den Start – nicht ohne eine kleine schelmische Anspielung auf sein früheres Erfolgskind, den Eichborn-Verlag : War der als Verlag "mit der Fliege" bekannt, kommt vitolibro nun als Verlag "mit dem Flieger" daher.

Unterwegs ist dieser "Flieger" vor allem in Richtung Mallorca . Schon seit den siebziger Jahren ist Eichborn immer wieder auf die Insel gereist; nun hat er zwei Jahre lang dort gelebt. Und wo er schon einmal dort war, fing er an, eine Bücher-Spur auszulegen – keine Reiseführer, sondern "Zweit- oder Drittbücher", so Eichborn, Lektüre für die wahren Mallorca-Enthusiasten. Entstanden sind auf diese Weise bisher drei schmale broschierte Bändchen, die sich verschiedenen kulturellen und historischen Themen widmen und die zunächst nur an den Kiosken der Insel erhältlich waren. Eichborn wollte einen Testballon starten, um zu sehen, wie viel die Deutschen vor Ort tatsächlich über ihre Lieblingsinsel wissen wollen. Seit Kurzem sind die Bücher auch in Deutschland erhältlich. Jedes zweite Frühjahr sollen künftig ein paar neue Büchlein in der Mallorca-Reihe erscheinen – mit "Themen, Gedanken – und Wegen, auf denen ich nie gegangen bin, auf denen man üblicherweise nicht unterwegs ist", so Eichborn.

Unterwegs etwa zu den Klöstern und Einsiedeleien Mallorcas, die es hier auf engstem Raum in üppiger Vielfalt gibt. Den 69 öffentlich zugänglichen Gotteshäusern widmet sich, reich bebildert, Diego Costellos Klosterführer Mallorca; leider kommt das Buch in äußerst holprigem Deutsch daher. Ein anderer Titel präsentiert Die schönsten Märchen aus Mallorca, gesammelt vom Erzherzog Ludwig Salvator von Österreich-Toskana, der im späten 19. Jahrhundert auf der Insel lebte. Hier bekommt Nicki Wambolts comicartigen Illustrationen das Hochglanzpapier, auf dem sie gedruckt sind, nicht gut. Zusammen mit den flachen Farben wirkt der Band eher billig als erlesen.

Ein spannender Fund in der historischen Schatztruhe Mallorcas ist Eichborn jedoch mit dem Titel Mallorcas vergessene Geschichte. Wie das Inselparadies zur Hölle wurde gelungen. Fesselnd erzählt Autor Martin Breuninger, wie die Baleareninsel "eingedeutscht" wurden, lange bevor irgendjemand an den Ballermann dachte: 1879 eröffnete der erste deutsche Uhrmacher an der Carrer de Colom in Palmas Altstadt sein Geschäft. Als 1933 die deutsche Schule eingeweiht wurde, gab es bereits vom deutschen Arzt über den deutschen Damen- beziehungsweise Herrenausstatter bis hin zu deutschen Zeitungen eine perfekte Infrastruktur.

In den 1930er Jahren lebten Emigranten und Exilanten auf der Insel in direkter Nachbarschaft mit Sonnenanbetern und "strammen Deutschen". Auch die Liste illustrer Besucher der deutschen Kolonie im Mittelmeer war wild gemischt: vom Leipziger Oberbürgermeister über den Inspekteur für das Torpedo- und Minenwesen der Reichsmarine bis hin zum Theologen der Bekennenden Kirche, Dietrich Bonhoeffer . Letzteren zitiert der Autor Martin Breuninger, um einen Eindruck des damaligen Inselpanoramas zu vermitteln: "Weltenbummler, Vagabunden, geflüchtete Verbrecher, Fremdenlegionäre, Löwen- oder sonstige Tierbändiger, deutsche Tänzerinnen. Es ist merkwürdig, wenn man nachmittags oder auch am Vormittag ins Café geht, wie viele arbeitsfähige Leute so herumsitzen."

Wie die Spitzel des spanischen Diktators Franco das Paradies nach 1936 in eine Hölle verwandelten; welch entscheidende Rolle kritische Geister wie Albert Vigoleis Thelen und Heinz Kraschutzki spielten, die immer wieder zu Zeugen von Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil wurden; wie schließlich 1942 die einst blühende deutsche Kolonie "zu einem Häuflein von 80 Residenten zusammengeschrumpft" war – all das ist faszinierend erzählt.

Aber ob sich nicht auch eingeschworene Mallorca-Freunde mit historischem Interesse über eine Inselkarte und Wegbeschreibungen im Klosterführer gefreut hätten? Und dankbar wären für ein Register in dem Band Mallorcas vergessene Geschichte? So charmant die Idee einer kleinen, stetig wachsenden Mallorca-Bibliothek klingt – um zu echten Liebhaberstücken zu werden, brauchen die Bücher doch noch einiges mehr an verlegerischer Liebe, sprich: Sorgfalt.