Ernst Barlach sah sich zeit seines Lebens etikettiert, ohne etwas dagegen ausrichten zu können. Die Klischees halten sich bis heute: der Mystiker, Verzweifelte, Zerrissene, Suchende, Leidende. Doch ab und an darf und sollte man den expressionistischen Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller aus den Schubladen befreien, in die man ihn gepfercht hat.

Am Ende eines Sandwegs im Hamburger Jenischpark, vorbei an Ahorn, Eiche und Kastanie, liegt still ein weißer Kubus: das Ernst Barlach Haus. Es ist ein zurückhaltender Flachbau der sechziger Jahre, der sich leise einfügt in den 42 Hektar großen Landschaftsgarten an der Elbe und mit dem nicht weit entfernten, klassizistischen Jenisch Haus in keiner Weise konkurriert. Die äußere Ruhe des Gebäudes setzt sich im Inneren fort. Sanft wird man hineingezogen in die Welt vor dieser Zeit und fühlt sich sofort beim Fries der Lauschenden mit dem ersten Etikett konfrontiert. Tatsächlich erinnern die neun Holzskulpturen an eine Reihung von Propheten- und Heiligenfiguren, vielfältig überliefert und bekannt durch die Fassaden und Innenräume mittelalterlicher Kirchen. Doch Barlachs Figuren sind in keinerlei hierarchisch gegliederte Heilsordnung integriert. Es sind in sich gekehrte Individuen, isoliert und um die eigene Mitte kreisend, die lediglich in ihren Wünschen und Hoffnungen eine Gemeinschaft bilden und auch abseits kirchlicher Gefilde wirken. Wie bei den meisten seiner Skulpturen sind auch bei diesen Figuren Tücher und Umhänge formgebend. Die daraus entstehenden glatten Silhouetten mit einer kontrovers dazu rauen, engmaschig gekerbten Oberfläche unterstreichen die wirkungsvolle Spannung in den ruhigen Holzskulpturen Barlachs.

Seine Bronzeskulpturen sind inmitten des Museums ausgestellt, in einem überdachten Innenhof, der Tageslicht spendet, aber kaum Luft. Bei gefühlten 45 Grad steht in einer Ecke ohne Klimaanlage Der Sonnenanbeter. Breitbeinig, die Handflächen gen Himmel gewandt, ebenso den Blick, öffnet er den ohnehin schon hellen Platz noch ein wenig mehr. In diesem Sommer hat er viel zu tun, wirkt allerdings wenig schuldbewusst, als nun die nächste Gewitterwolke das Glasdach zu überschatten droht.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Das Hauptaugenmerk des Museums liegt klar auf dem bildhauerischen Werk und in diesem auf den Holzskulpturen. Mit knapp 30 Werken verfügt das Haus über fast ein Drittel dieser wichtigsten Werkgruppe Barlachs. Bis heute ist das Ernst Barlach Haus ein privat getragenes Museum. 1934 besucht der Hamburger Fabrikant Hermann F. Reemtsma den Künstler Ernst Barlach in seinen Atelierräumen in Güstrow. Die Begeisterung für den Künstler und sein Schaffen schlägt sich in dem Auftrag zur Vollendung des Frieses der Lauschenden nieder. So markiert die Figurengruppe den Anfang einer Sammlergeschichte, die heute in mittlerweile dritter Generation gepflegt und fortgeführt wird.

Seit fünf Jahren ist Karsten Müller Leiter des Museums. Unterstützt von der Stifterfamilie, ist es ihm offensichtlich ein Anliegen, den Künstler von seinen Etiketten zu befreien. Daher sind Barlachs Werke selten allein und unter sich. Emil Nolde und zeitgenössische Künstler wie Georg Winter oder Mariella Mosler sind nur einige, deren Kunst im Zusammenspiel der Werke oder einfach nur in stiller Koexistenz der Ausstellungsstücke präsentiert wird. Bis Ende September treffen die expressiven Skulpturen auf die aerodynamisch geglätteten des britischen Künstlers Tony Cragg. Im Dialog mit der Gegenwartskunst erscheinen auch Barlachs Holzskulpturen plötzlich nicht mehr radikal vereinfacht und auf die Stille konzentriert, sie wirken vielmehr wild und in ihren Details abstrakt. Man steht zwischen den Skulpturen, und im Kopf beginnen sich die festen Muster aufzulösen, die Schubladen zerfallen. Was den Figuren von Barlach immer bleibt, ist das Leid, tief eingekerbt in ihre Gesichter und Körper.

Die Gewitterwolke zog übrigens vorüber; die lautlose Schwüle im Innenhof blieb unberührt. Wie es wohl bei Regen wirkt? Wenn das Glasdach den harten Tropfen trotzt, sich die Geräuschkulisse wandelt, der Innenhof die Stille und Der Sonnenanbeter die Kraft verliert? Ernst Barlachs wechselnde Facetten lohnen, immer wieder neu auf ihn zu schauen.