Manchmal verstecken sich in der Politik die echten Geheimnisse hinter Pseudogeheimnissen. Das Pseudogeheimnis der Euro-Krise ist, dass Griechenland womöglich aus der Währungsunion austreten wird. Sagt es jemand – wie jüngst wieder einmal Wirtschaftsminister Philipp Rösler – laut, fallen alle über ihn her und tun so, als habe er Unerhörtes gesagt. Dabei ist das echte Geheimnis ein ganz anderes: Die Regierung tut nahezu alles dafür, die Griechen im Euro-Raum zu halten, zumindest noch für eine Weile.

Vor dem Antrittsbesuch des griechischen Regierungschefs Antonis Samaras bei Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen Freitag in Berlin geben sich die Koalitionäre zwar nach außen kompromisslos. Für Michael Meister, den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Unionsfraktion , sind die Griechen für die neuerliche Zuspitzung der Krise selbst verantwortlich, weil sie Reformen nicht wie geplant umgesetzt haben. "Um es positiv zu formulieren: Da ist noch erhebliches Potenzial", sagt er. Doch zugleich ist den Fachleuten in der Regierung klar, dass die Griechen nicht in der Lage sind, den Rückstand aufzuholen, selbst wenn sie alles in Bewegung setzen.

Die Konjunkturkrise lässt die Steuereinnahmen schrumpfen, und weil die Investoren ausbleiben, kommt die Privatisierung der Staatsunternehmen nicht wie geplant voran. Nach neuen internen Schätzungen der internationalen Inspekteure in Athen braucht das Land in den kommenden zwei Jahren noch mehr als die 14 Milliarden Euro an zusätzlichen Hilfen, die bisher veranschlagt worden waren.

Wenn die Griechen das Geld nicht haben, droht ihnen die Pleite – und dann wäre es der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht mehr erlaubt, das Land mit Euro-Banknoten zu versorgen. Die Griechen müssten eine eigene Währung einführen und wären raus aus der Euro-Zone . Das wollen in der Koalition viele verhindern – zumindest bis das Verfassungsgericht Anfang September über den Rettungsschirm ESM entschieden hat, idealerweise bis nach der Bundestagswahl.

Tritt Griechenland aus dem Euro aus, könnte sich die Regierung zwar damit rühmen, hart gegen Regelbrecher vorzugehen. Doch ein Austritt hätte mehrere unangenehme Folgen: Es drohten neue Turbulenzen an den Finanzmärkten, die die Konjunktur belasteten. Und auf Deutschland kämen Verluste von rund 80 Milliarden Euro zu, unter anderem weil die Griechen ihre bereits erhaltenen Hilfskredite nicht mehr bedienen könnten.

Bisher hieß es, die Maßnahmen zur Rettung des Euro würden den Steuerzahler nicht belasten, weil es sich um Kredite handele, die zurückgezahlt werden – diese Argumentation wäre nur noch schwer zu halten. Der Zeitpunkt für ein solches Eingeständnis könnte nicht ungünstiger sein: Schließlich schnüren die Europäer in diesen Wochen gemeinsam mit der EZB neue Rettungspakte für Italien und Spanien .