Unter den Realisten der amerikanischen Gegenwartsliteratur ist Richard Ford vielleicht derjenige, der am konsequentesten von einer wunderbaren Technik des modernen Romans Gebrauch macht: der Zerdehnung der Zeit. Frank Bascombe beispielsweise, der Icherzähler aus Fords berühmter Romantrilogie (Der Sportreporter, 1989, Unabhängigkeitstag, 1995, und Die Lage des Landes, 2007), quasselt mit seinen Monologen buchstäblich die Zeit in die Länge. Auf eine erlebte Minute kommt eine gute Stunde Räsonieren. Unter 600 Romanseiten tut es Bascombe nicht. Ebendies trug Richard Ford hin und wieder die leise Kritik ein, er lasse seine literarischen Großprojekte ins Uferlose, Beliebige laufen, wodurch sie die Vollkommenheit seiner Erzählungen und Novellen um Haaresbreite verfehlten.

Im Fall des neuen Romans Kanada, der es auf 470 Seiten bringt, drängt sich der Vergleich zwischen großer und kleiner Prosaform schon deshalb auf, da in ihm Fords Novelle Wild leben aus dem Jahr 1991 steckt. Derselbe Schauplatz, dasselbe Sujet, dieselbe Erzählerfigur, dieselbe Erzählperspektive: Ein älterer Mann – in Kanada der 66-jährige Highschool-Lehrer Dell Parsons – schaut zurück auf den Moment seiner Jugend, in dem seine familiäre Ordnung einen Totalschaden erlitt und er eine bleibende Beschädigung. In beiden Büchern ereignet sich die Katastrophe im Jahr 1960, in beiden Büchern ist die Kleinstadt Great Falls im nordwestlichen Bundesstaat Montana, wo Richard Ford schon einige Geschichten angesiedelt und selbst einige Sommer zum Jagen verbracht hat, der Schauplatz der Horizontverdüsterung. Damit enden allerdings die Gemeinsamkeiten.

Denn das Schicksal des 15-jährigen Dell Parsons ist weitaus gnadenloser als das seines Vorgängers in Wild leben. Dell Parsons und seine Zwillingsschwester Berner verlieren die Eltern an eine Gefängniszelle, buchstäblich von einem Tag auf den anderen. Wenn der Begriff existenzielle Verlorenheit in seiner vollen Schreckensbedeutung auf eine literarische Figur zutrifft, dann auf den Jungen, der im Sommer 1960 vor den Gitterstäben der Zellen steht, sich von seinem Vater und ein paar Schritte weiter von seiner Mutter verabschiedet. Er wird sie nie wiedersehen. Er wird sich nie wieder als Mensch ohne Trauma erleben. Allzu optimistisch ging es bei Richard Ford nie zu. Derart finster, unheimlich und pessimistisch indes selten. Und noch etwas anderes wird in Kanada vertieft: die Strategie der vorwegnehmenden Handlungsmitteilung. Die ersten Sätze informieren den Leser bereits über sämtliche der unerhörten und monströsen Begebenheiten, die ihn erwarten. Er weiß, was geschehen wird, nur nicht, wann und warum.

"Zuerst will ich", so beginnt der Roman, "von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten. Der Raubüberfall ist wichtiger, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als erstes erzählt wird, ergibt der Rest keinen Sinn. Meine Eltern waren die unwahrscheinlichsten Bankräuber der Welt. Sie waren keine verrückten Leute, keine offensichtlichen Kriminellen. Niemand hätte geglaubt, dass ihr Schicksal diesen Verlauf nehmen würde. Sie waren ganz normal – obwohl diese Aussage natürlich null und nichtig wurde, als sie tatsächlich eine Bank überfielen."

Diese Einstiegspassage ist ein Lehrstück rhetorischer Gegenbewegung. Sie erklärt die Logik zur Bauplanerin und kurz darauf die Unlogik zur Sinnstifterin der Geschichte. Vom ersten bis zum letzten Satz hält der Roman nun die Spannung zwischen kompositorischer Klarheit und retardierenden Erklärungsversuchen. Kanada ist gegliedert in 69 Kapitel und drei übergeordnete Teile. Der dritte, letzte Teil ist schmal. Er spielt in der Gegenwart und berichtet von der Begegnung Dell Parsons’ mit der Zwillingsschwester Berner nach vielen Jahrzehnten. Sie ist schwer krebskrank, hat nur noch zwei Monate zu leben und den Bruder mit einer Suchanzeige im Internet gefunden.

Der erste Teil spielt 1960 in Great Falls und beschreibt, wie Dell Parsons’ Kleinbürgereltern – ein Vater, der nach dem Abschied von der Air Force beruflich nicht mehr auf die Beine findet, eine Mutter, die den Ehemann geistig um einiges überragt – dazu kamen, den stümperhaftesten Banküberfall der Literaturgeschichte zu begehen. Eine lachhafte Bonnie-und-Clyde-Nummer, deren Komik in schreiendem Missverhältnis steht zu den tragischen Folgen. Mit 15 Jahren sind Dell und Berner vollkommen sich selbst überlassen, zwei Kinder, deren depravierte Lage den amerikanischen Mythos vom freien, sich selbst erschaffenden Individuum sarkastisch parodiert. Berner schlägt sich nach San Francisco durch. Dell gelangt mithilfe einer Bekannten über die Grenze nach Kanada.