Bob der Baumeister trägt jetzt seit Monaten eine schwarze Ledermappe mit sich herum. Sie sieht wie ein zu groß geratenes Schulmäppchen aus und lässt sich normalerweise mit einem Reißverschluss am Rand verschließen. Nur bei Bob nicht mehr, weil er sie mit Unterlagen vollgestopft hat: Stellenanzeigen, Lebensläufen, Bewerbungen – und vielen Absagen.

Es ist ein Donnerstagmorgen, kurz vor zehn Uhr. Bob stellt sich in einer Schlange an, im Hilton-Hotel in Melville, einem Örtchen südöstlich von New York. Er hat sich ein weißes Hemd mit Krawatte angezogen, trägt eine verwaschene schwarze Cordhose und hat die Ledermappe fest unter den Arm geklemmt. Im Salon C, einem fensterlosen Raum, sollen heute 16 Unternehmen Arbeitsstellen anbieten. Zwei Kronleuchter tauchen den Salon in ein schummriges Licht. Jobmesse heißt solch ein Ereignis in den USA .

Bob will seinen vollständigen Namen nicht nennen, nur seinen Vornamen, Bob. Er war 25 Jahre lang in der Baubranche selbstständig. Bob der Baumeister eben, wie der Kinderheld aus dem Fernsehen, der immer sagt: Bob the builder, can we fix it, Bob the builder, yes we can. Bob konnte früher gut leben vom Baugeschäft.

Aber die Immobilienmarktkrise, gefolgt von der Finanzkrise , gefolgt von der Konjunkturkrise, hat den amerikanischen Arbeitsmarkt mit einer Wucht getroffen , die man in den USA schon seit Jahrzehnten nicht mehr kannte. Die Arbeitslosenquote sprang von 4,6 Prozent im Jahr 2007 – das gilt nahezu als Vollbeschäftigung – auf 9,6 Prozent im Jahr 2010. Vier Jahre nach der Krise sind es immer noch 8,3 Prozent. Die jüngsten Arbeitsmarktdaten haben eine leichte Erholung angedeutet, aber die Quote will einfach nicht unter acht Prozent sinken.

Seit den vierziger Jahren gab es nie so viele Langzeitarbeitslose wie heute

Das ist schon schlimm genug, wird aber noch durch einen weiteren Umstand verschärft: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist besonders hoch. Mehr als 40 Prozent der Arbeitslosen sind seit mehr als sechs Monaten ohne Job – und das ist wirklich etwas Neues in den USA. Seit den vierziger Jahren war dieser Wert nie auch nur ansatzweise so hoch. Phasen vergleichbar schlimmer Arbeitslosigkeit gab es gelegentlich, etwa Anfang der achtziger Jahre, aber der Anteil der Langzeitarbeitslosen lag damals nur bei 26 Prozent.

Der amerikanische Wohlfahrtsstaat ist auf diese Situation nicht vorbereitet. Man ging eigentlich immer davon aus, dass Amerikas widerstandsfähige Wirtschaft und die hohe Mobilität der Amerikaner kaum Langzeitarbeitslosigkeit aufkommen lassen. Entsprechend grobmaschig sind die sozialen Netze. Es gibt nur minimale staatlichen Hilfen, und auch die privaten Ersparnisse sind äußerst gering. Doch die Wirtschaft erholt sich diesmal nicht schnell genug. Die Dauerflaute seit der Finanz- und Wirtschaftskrise hält an.

In den USA war früher ein nahezu unerschütterlicher Glauben daran verbreitet, dass ein rechtschaffener und fleißiger Mensch alles schaffen könne. Dieser Optimismus konnte teilweise so ansteckend sein, dass er allein schon gut für die Wirtschaft war und sich sozusagen selbst erfüllte. Doch neuerdings schwindet bei vielen Amerikanern genau dieser Optimismus. Wer lange arbeitslos ist, verliert nach und nach die Motivation und den Glauben an sich selbst.

So wie Bob der Baumeister. Er hat zuletzt eine Menge probiert: Bewerbungen geschrieben und Kontakte angezapft, die ihm in normalen Zeiten sicher einen Job oder zumindest Aufträge verschafft hätten. Vor Kurzem rief er den Sohn des größten Elektrikers seiner Heimatstadt an. »Hey, wir haben schon lange nichts mehr voneinander gehört, wir kennen uns aus dem Camp«, begrüßte ihn Bob. Der Mann aber wollte gar nicht lange reden und entgegnete gleich: »Ich bekomme Tausende Anrufe von Leuten, die mit mir im Camp waren. Ich habe keinen Job für dich.« Bob fragte einen anderen Freund nach einem Job. »Wie sollen wir dich hier unterbringen, wenn wir es nicht schaffen, unsere Söhne hineinzubekommen?«, sagte der.