Vor anderthalb Jahren ist mir ein blöder Fehler passiert, als ich eine Interviewanfrage an die britische Autorin Zadie Smith schrieb. Ich schrieb, dass viele Deutsche das multikulturelle London erst durch ihr Buch Brick Lane wirklich verstanden hätten. Brick Lane ist aber ein Roman von Monica Ali, nicht von Zadie Smith. "Wir sind beide dunkelhäutig", antwortete mir Smith in einer knappen E-Mail, "das ist auch alles, was wir gemeinsam haben."

Zadie Smith wurde 1975 in Großbritannien als Tochter einer jamaikanischen Einwanderin und eines Engländers geboren, Monica Ali kam 1967 in Bangladesch zur Welt und lebt seit ihrer Kindheit in London. Beide wurden als Chronisten der britischen Einwanderungsgesellschaft gefeiert, offenbar hat Zadie Smith schon zu oft erlebt, dass ihr andere aufgrund ihrer Hautfarbe zuschreiben, wer oder wie sie angeblich sei.

So passt es, dass ihr Debütroman Zähne zeigen heißt. Korrekt müsste White Teeth mit "Weiße Zähne" übersetzt werden, das würde verdeutlichen, um was es hier geht: um das, was alle Menschen gemeinsam haben, egal, woher sie kommen und wie sie aussehen. Magid und Millat sind die Söhne des bengalischen Kellners Samad Iqbal, der sie zu guten Muslimen erziehen will. Ihre Freundin Irie Jones hat eine jamaikanische Mutter, Clara, und einen englischen Vater, Archie. Ihre Geschichten sind der ganz normale Wahnsinn, witzig und mal trocken, mal pathetisch erzählt: Archie will sich umbringen, Samad hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft, Clara flieht vor den Zeugen Jehovas, Magid wird nach Bangladesch geschickt, und Millat wird zum Islamisten.

"Mir ist klar geworden, dass die Generationen miteinander sprechen", sagt Samad eines Tages zu Archie. "Es ist keine Linie, das Leben ist keine Linie – ich spreche nicht vom Handlesen –, es ist ein Kreis, und sie sprechen zu uns." Und was erzählen sie? Dass keine der Figuren so ist, wie man erwarten würde. Dass London nicht so ist und England auch nicht. Dass Vorstellungen von historischem und kulturellem Erbe so was von gestern sind. Es ist ein cooles Buch, das Zadie Smith geschrieben hat, es wurde zu Recht mit mehreren wichtigen Preisen ausgezeichnet.

Smith war erst 24, als sie Zähne zeigen im Jahr 2000 veröffentlichte. Die Medien liebten sie, weil sie "jung, weiblich und schwarz" war. Sie liebte diese Rolle nicht. Sie hatte keine Lust auf die Schablone "Multikulturelle Schriftstellerin schöpft aus ihrem Erfahrungsschatz". Der Neuen Zürcher Zeitung sagte sie damals: "Nur die schlechtesten Bücher basieren auf autobiografischer Erfahrung." Smith hat danach andere Bücher über andere Themen geschrieben. Ihr nächster Roman NW erscheint im September. Die Buchstaben stehen für Nordwest-London, die Gegend, in der Zähne zeigen spielt und in der Smith aufgewachsen ist.