"Was hat das mit uns zu tun?"

Michael Horvath blickt sich vor dem Tor des Lagers Mauthausen um. Er weiß nicht so recht, soll er links, soll er rechts oder geradeaus gehen. Zunächst blickt er aber über seine Schulter, um sicher zu sein, dass ihm kein SS-Mann folgt. Es ist Juli 1945. Die Befreiung durch amerikanische Soldaten liegt bereits zwei Monate zurück. Doch nach sechs Jahren KZ-Haft ist es für Horvath kaum vorstellbar, dass er sich dorthin bewegen kann, wohin er will.

"Manchmal haben sie dich viel geschlagen, manchmal wenig. Aber geschlagen haben sie dich jeden Tag", erzählt er in einem Interview, das an einer Videostation zu Beginn der neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte Mauthausen zu sehen sein wird. Seit nunmehr sechs Jahren ist die Ausstellung in Vorbereitung, als Teil einer Gesamtsanierung und Neugestaltung der Gedenkstätte. Im Frühjahr 2013 soll sie eröffnet werden.

Wie ergeht es Michael Horvath nach der Befreiung? Er ist ein burgenländischer Rom aus Oberwart. Dorthin kehrt er nach seiner Freilassung zurück. "Da waren 360 Zigeuner, und 19 sind heimgekehrt", erzählt Horvath: "Der Hitler hat ausgemistet so wie der Bauer in der Früh den Stall. Nichts. Wo sind die Geschwister? Die Fannel, Liesel, Theresia und die Mutter? Niemand ist heimgekommen von den ganzen Zigeunern." Selbst die Häuser der ansässigen Roma-Familien wurden nach deren Deportation geschleift.

Nicht nur für Horvath ist die Vergangenheit ein wichtiger Teil des Alltags in den frühen Nachkriegsjahren. In der jungen Republik setzen sich auch Politiker intensiv mit den ehemaligen Nationalsozialisten auseinander – allerdings nicht, um Verbrechen zu ahnden, sondern um Stimmen für kommende Wahlen zu ködern. Während ehemalige Wehrmachtsangehörigen etwa problemlos ihre Dienstzeiten für ihre Pensionsversicherung angerechnet bekommen, müssen sich die Verfolgten mit Opferfürsorge und der Anerkennung ihrer Ansprüche herumschlagen.

Die Erinnerung an die Gräueltaten blieb in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit den Überlebenden selbst und den Angehörigen der Opfer überlassen. Die Häftlinge von Mauthausen sammelten bereits vor der Befreiung Beweismittel, die hinausgeschmuggelt oder im Lager versteckt wurden. In den letzten Wochen ihrer Herrschaft versuchte die SS die Spuren der massenhaften Vernichtung zu vertuschen, demontierte Tötungseinrichtungen und vernichtete Dokumente.

Die gesammelten Objekte, Fotos und Dokumente dienten in den Kriegsverbrecherprozessen der Alliierten als Beweismittel und wurden für Überlebendengruppen in verschiedenen europäischen Ländern zu wichtigen Erinnerungsobjekten. Tschechische Häftlinge nahmen zum Beispiel die verbliebenen Apparaturen der Gaskammer und Teile der Krematoriumsöfen, ebenso wie die Musikinstrumente der Lagerkapelle, mit nach Hause.

Es waren Überlebende des Konzentrationslagers Mauthausen, Männer wie Simon Wiesenthal oder der Wiener Hans Maršálek, die sich bemühten, gleichzeitig die Erinnerung an die Verbrechen am Leben zu erhalten und die Verbrecher zu verfolgen. Maršálek, der als Polizeirat für das Innenministerium arbeitete, wurde 1964 zum Leiter der Gedenkstätte Mauthausen bestellt, der er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1976 vorstand. Er war es auch, der 1970 die erste Ausstellung in Mauthausen installierte.

Die Gedenkstätte Mauthausen, ein zentraler Erinnerungsort der Republik Österreich, wurde vor allem von Überlebenden selbst gestaltet und genutzt. Der Wunsch, sich an das Geschehene zu erinnern, war außerhalb der Gruppe der Betroffenen sehr beschränkt.

Die Museumspädagogik geht neue Wege

Dieser Umgang mit der Erinnerung an Österreichs dunkle Vergangenheit ist symptomatisch für die Zweite Republik und änderte sich erst 1986 mit der Affäre um die Wahl des Vergessenskünstlers Kurt Waldheim zum Staatsoberhaupt. Als Gegenreaktion dazu wurde in den folgenden Jahren die Erinnerungsarbeit, die bisher auf den Schultern der Opfer und ihrer Familien lag, nun von einer breiteren Öffentlichkeit übernommen. Das Thema bekam gewissermaßen Konjunktur. Die Erinnerung an die NS-Zeit wurde einigen glitzernden Großprojekten überantwortet: Eventkultur, die auch schwere historische Ungenauigkeiten in Kauf nahm. Diese Konjunktur war es wohl auch, die den damaligen Innenminister Ernst Strasser 2003 dazu bewegte, ein modernes Besucherzentrum neben der Gedenkstätte Mauthausen errichten zu lassen.

Dort wurde noch bis 2010 die nun schon fast 40 Jahre alte Ausstellung von Hans Maršálek gezeigt. Vieles darin war nicht mehr zeitgemäß. "Die Formen der musealen Präsentation haben sich ebenso geändert wie die Erinnerung selbst", sagt Barbara Glück, Leiterin der Gedenkstätte. Sie war erst 29 Jahre alt, als sie 2007 mit den Vorbereitungsarbeiten für eine Neugestaltung der Gedenkstätte begann.

Im Rahmen dieser Erneuerung ergab sich die Möglichkeit, manche Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen. Zahlreiche Forschungsprojekte beleuchten jetzt bisher unbeachtete historische Fakten. Archäologische Grabungen auf dem ehemaligen Lagergelände fördern Spuren der Opfer wie der Täter zutage. Sogar der Teich im berüchtigten Steinbruch von Mauthausen wurde ausgepumpt. Die Namen der SS-Leute, die im Lager ihren Dienst versahen, wurden ebenso recherchiert wie die Identität eines großen Teils der Opfer. Vor allem in Bezug auf jüdische Verschleppte aus Ungarn und sowjetische Kriegsgefangene wurde mit großem wissenschaftlichen Aufwand Forschung betrieben. 80.000 Opfer sind heute namentlich bekannt, viele weitere wurden nie registriert.

Auch die Rolle der Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung wird erforscht. Zahlreiche Anwohner waren als Zivilarbeiter im Konzentrationslager eingesetzt – etwa als Vorarbeiter in den Steinbrüchen oder im Sekretariat. Auch Geschäftsleute standen in regem Austausch mit dem KZ und belieferten es mit benötigten Konsumgütern. Manche der bis heute bestehenden Wirtschaftsbetriebe aus der Region, etwa die Poschacher Natursteinwerke, profitierten von den KZ-Häftlingen, die für sie Zwangsarbeit verrichten mussten.

Im Rahmen der Neugestaltung geht die Museumspädagogik neue Wege: Diese reichen von der Einbindung der benachbarten Bevölkerung bis hin zu Vermittlungsansätzen für jugendliche Besucher mit Migrationshintergrund. Deren Bezug zu dem Thema ist gänzlich anders als jener der Nachfahren von Tätern und Opfern. "Was hat das mit mir zu tun?", lautet die Fragestellung, entlang der Yariv Lapid, der für die Pädagogik in der Gedenkstätte verantwortlich ist, ein neues Vermittlungsprogramm entwickelt. Dazu wird ein Pool professioneller Vermittler aufgebaut, die nun eine Arbeit übernehmen werden, die zuvor vorwiegend in den Händen von Zivildienstleistenden lag.

Die Inhalte der neuen Ausstellung sollen sich an aktuellen Zugängen zur Geschichte orientieren. Der Ansatz einer möglichst allgemeinen Geschichtsdarstellung, der in der Vergangenheit angewandt wurde, erscheint heute nicht mehr richtig. Einzelne Opfer wurden in der Vergangenheit stark mit ihrer Opfergruppe assoziiert – heute stehen eher individuelle Biografien und Schicksale im Vordergrund.

Die Kontakte zu Überlebenden und deren Familien sind es, die neue Objekte für die Ausstellung zutage fördern. So wird beispielsweise jenes Fahrrad gezeigt werden, mit dem drei polnische Überlebende nach ihrer Befreiung die beschwerliche Heimreise von Oberösterreich nach Posen antraten. Auch alte Häftlingsuniformen, Fotos, heimlich geschriebene Briefe und Zeichnungen wurden auf diesem Weg gefunden.

Die neue Ausstellung wird sich nicht mehr auf die Epochenbegrenzung der NS-Zeit beschränken, denn die Jahre der KZ-Haft prägten auch weiterhin die Biografien der Opfer. Michael Horvath etwa, der nach seiner Befreiung in die zerstörte Roma-Siedlung von Oberwart heimgekehrt war, erhielt nur geringe Unterstützung durch die öffentliche Hand. Zwei Jahre arbeitete er als Rossknecht, schlief im Stall und musste sich dort die schmale Pritsche mit einem anderen Rom teilen. Sein Lohn reichte gerade für Kleidung und Nahrung.

Als Landarbeiter konnte er sich schließlich eine Existenz aufbauen. Er heiratete und bekam acht Kinder mit seiner Frau, die selbst eine Überlebende des KZs Ravensbrück war. Von anhaltender Diskriminierung erzählt er nur wenig in seinem Interview, dabei war sie der geistige Nährboden für jenes Attentat, das im Februar 1995 Oberwart erschütterte. Ein Sprengsatz, angebracht an einem Schild mit der Aufschrift "Roma zurück nach Indien !", riss damals drei junge Roma in den Tod. Zwei der Opfer waren Enkelkinder von Michael Horvath.