Dieser Umgang mit der Erinnerung an Österreichs dunkle Vergangenheit ist symptomatisch für die Zweite Republik und änderte sich erst 1986 mit der Affäre um die Wahl des Vergessenskünstlers Kurt Waldheim zum Staatsoberhaupt. Als Gegenreaktion dazu wurde in den folgenden Jahren die Erinnerungsarbeit, die bisher auf den Schultern der Opfer und ihrer Familien lag, nun von einer breiteren Öffentlichkeit übernommen. Das Thema bekam gewissermaßen Konjunktur. Die Erinnerung an die NS-Zeit wurde einigen glitzernden Großprojekten überantwortet: Eventkultur, die auch schwere historische Ungenauigkeiten in Kauf nahm. Diese Konjunktur war es wohl auch, die den damaligen Innenminister Ernst Strasser 2003 dazu bewegte, ein modernes Besucherzentrum neben der Gedenkstätte Mauthausen errichten zu lassen.

Dort wurde noch bis 2010 die nun schon fast 40 Jahre alte Ausstellung von Hans Maršálek gezeigt. Vieles darin war nicht mehr zeitgemäß. "Die Formen der musealen Präsentation haben sich ebenso geändert wie die Erinnerung selbst", sagt Barbara Glück, Leiterin der Gedenkstätte. Sie war erst 29 Jahre alt, als sie 2007 mit den Vorbereitungsarbeiten für eine Neugestaltung der Gedenkstätte begann.

Im Rahmen dieser Erneuerung ergab sich die Möglichkeit, manche Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen. Zahlreiche Forschungsprojekte beleuchten jetzt bisher unbeachtete historische Fakten. Archäologische Grabungen auf dem ehemaligen Lagergelände fördern Spuren der Opfer wie der Täter zutage. Sogar der Teich im berüchtigten Steinbruch von Mauthausen wurde ausgepumpt. Die Namen der SS-Leute, die im Lager ihren Dienst versahen, wurden ebenso recherchiert wie die Identität eines großen Teils der Opfer. Vor allem in Bezug auf jüdische Verschleppte aus Ungarn und sowjetische Kriegsgefangene wurde mit großem wissenschaftlichen Aufwand Forschung betrieben. 80.000 Opfer sind heute namentlich bekannt, viele weitere wurden nie registriert.

Auch die Rolle der Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung wird erforscht. Zahlreiche Anwohner waren als Zivilarbeiter im Konzentrationslager eingesetzt – etwa als Vorarbeiter in den Steinbrüchen oder im Sekretariat. Auch Geschäftsleute standen in regem Austausch mit dem KZ und belieferten es mit benötigten Konsumgütern. Manche der bis heute bestehenden Wirtschaftsbetriebe aus der Region, etwa die Poschacher Natursteinwerke, profitierten von den KZ-Häftlingen, die für sie Zwangsarbeit verrichten mussten.

Im Rahmen der Neugestaltung geht die Museumspädagogik neue Wege: Diese reichen von der Einbindung der benachbarten Bevölkerung bis hin zu Vermittlungsansätzen für jugendliche Besucher mit Migrationshintergrund. Deren Bezug zu dem Thema ist gänzlich anders als jener der Nachfahren von Tätern und Opfern. "Was hat das mit mir zu tun?", lautet die Fragestellung, entlang der Yariv Lapid, der für die Pädagogik in der Gedenkstätte verantwortlich ist, ein neues Vermittlungsprogramm entwickelt. Dazu wird ein Pool professioneller Vermittler aufgebaut, die nun eine Arbeit übernehmen werden, die zuvor vorwiegend in den Händen von Zivildienstleistenden lag.

Die Inhalte der neuen Ausstellung sollen sich an aktuellen Zugängen zur Geschichte orientieren. Der Ansatz einer möglichst allgemeinen Geschichtsdarstellung, der in der Vergangenheit angewandt wurde, erscheint heute nicht mehr richtig. Einzelne Opfer wurden in der Vergangenheit stark mit ihrer Opfergruppe assoziiert – heute stehen eher individuelle Biografien und Schicksale im Vordergrund.

Die Kontakte zu Überlebenden und deren Familien sind es, die neue Objekte für die Ausstellung zutage fördern. So wird beispielsweise jenes Fahrrad gezeigt werden, mit dem drei polnische Überlebende nach ihrer Befreiung die beschwerliche Heimreise von Oberösterreich nach Posen antraten. Auch alte Häftlingsuniformen, Fotos, heimlich geschriebene Briefe und Zeichnungen wurden auf diesem Weg gefunden.

Die neue Ausstellung wird sich nicht mehr auf die Epochenbegrenzung der NS-Zeit beschränken, denn die Jahre der KZ-Haft prägten auch weiterhin die Biografien der Opfer. Michael Horvath etwa, der nach seiner Befreiung in die zerstörte Roma-Siedlung von Oberwart heimgekehrt war, erhielt nur geringe Unterstützung durch die öffentliche Hand. Zwei Jahre arbeitete er als Rossknecht, schlief im Stall und musste sich dort die schmale Pritsche mit einem anderen Rom teilen. Sein Lohn reichte gerade für Kleidung und Nahrung.

Als Landarbeiter konnte er sich schließlich eine Existenz aufbauen. Er heiratete und bekam acht Kinder mit seiner Frau, die selbst eine Überlebende des KZs Ravensbrück war. Von anhaltender Diskriminierung erzählt er nur wenig in seinem Interview, dabei war sie der geistige Nährboden für jenes Attentat, das im Februar 1995 Oberwart erschütterte. Ein Sprengsatz, angebracht an einem Schild mit der Aufschrift "Roma zurück nach Indien !", riss damals drei junge Roma in den Tod. Zwei der Opfer waren Enkelkinder von Michael Horvath.