Manchmal geht ja nichts über das Nichtstun. Als die Stadt Bordeaux vor nicht allzu langer Zeit beschloss, einen ihrer Plätze grundzuüberholen, so wie Städte das halt machen, mit neuem Pflaster, ein paar teuren Designerabfallkörben und irgendeiner Kunstskulptur, da war klar, dass die beiden Architekten Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal den Auftrag bekommen sollten. Sie reisten auch an, schauten sich in Ruhe um und beschlossen dann, dass hier nichts zu beschließen sei. Sie empfahlen der Stadt, das Honorar doch lieber dafür zu verwenden, den Platz vernünftig zu pflegen. Ansonsten sei doch alles in bester Ordnung, nicht unbedingt schön, aber lebendig: ein Platz, der von den Menschen geliebt werde. Mehr könne sich niemand wünschen, selbst ein Architekt nicht.

Natürlich lässt sich so etwas nicht auf einer Ausstellung zeigen; wo nichts passiert ist, kann man nichts zeigen. Und doch wäre dieser Fall von fürsorglicher Zurückhaltung gerade hier, auf der Architekturbiennale in Venedig , bestens aufgehoben. Alle zwei Jahre erkundet sie, wie es wohl um die Baukunst steht. An welchen verheißungsvollen Plänen die Architekten gerade arbeiten. Wovon sie träumen – und worauf die Welt sich also freuen, wovor sie sich besser fürchten sollte. Diesmal allerdings ist von Träumen nicht viel zu sehen, von glitzernder Verheißung noch viel weniger. Venedig zeigt eine Biennale der Bescheidenheit.

Welch erfreuliche Nachricht! Viel zu lange plagte die Bauwelt das schwere Avantgarde-Trauma des 20. Jahrhunderts. Immer höher, größer, prächtiger – das war die Vorwärtslogik, der alle zu gehorchen hatten. Ein neuer Mensch musste her, oder zumindest eine neue Massensiedlung. Und wenn nicht die, dann jedenfalls ein paar irrwitzig wuchernde Architekturgebilde, die sich am Computer leicht heranzüchten ließen und alle Welt beglücken und verwandeln sollten.

Wozu das alles überhaupt? Warum Architektur?

Nichts davon auf dieser Biennale. Sie ist klapprig und billig und auf höchst entschiedene Weise unmissionarisch. Hier gibt es zusammengenagelte Bretterwände zu besichtigen, jede Menge Billigziegel, Holzlatten, einen alten Brunnen. Und gegen Ende, mittendrin im langen Ausstellungsparcours, eine Kneipe, direkt aus Venezuela importiert, mit wummernder Musik und original südamerikanischer Bewirtung. Gran Horizonte, leuchtet der Kneipenname neonbunt, der »Weite Horizont«. Auf diese Architektenutopie eine eisgekühlte cerveza!

Dass Bescheidenheit eben nicht calvinistisch sein muss, dass sie laut, manchmal auch bierbeschwipst sein kann, diese Erkenntnis ist nicht zuletzt David Chipperfield zu verdanken (ZEIT Nr. 10/12). Er leitet in diesem Jahr die Biennale, er hat viele Kollegen aus aller Welt nach Venedig geladen, doch nicht, damit sie hier stolz ihre neuesten Projekte darbieten. Nein, sie waren aufgefordert, sich ein paar Mitstreiter zu suchen, Freunde, Bekannte, Menschen, mit denen sie immer schon mal zusammenarbeiten wollten. Denn Chipperfield hofft auf ein neues Miteinander, auf eine Biennale der Selbstbefragung: Was verbindet uns, was ist unser common ground? Worauf bauen wir eigentlich? Und wozu das alles überhaupt: warum Architektur ?

Viele der geladenen Kollegen tun sich schwer mit so viel Grundsätzlichkeit. Vor allem die Großen der Branche scheinen das Nachdenken nicht gewohnt zu sein, sie planen, reisen, verkaufen tagein, tagaus. Und nutzen auch die Biennale nur als Verkaufsraum, um wie Renzo Piano einen dümmlichen Riesenturm in London anzupreisen oder für ihr architektonisches Seegetier zu werben wie Zaha Hadid. Auch jene, die sonst gern darüber klagen, dass unsere Städte keinen Zusammenhalt mehr haben, weil die Architekten autistisch ihr eigenes Kunstwollen ausleben, drehen sich nicht selten nur um sich selbst. Vittorio Magnago Lampugnani zum Beispiel, der sich nicht zu schade ist, ein von ihm geplantes Konzerngelände als eine Art Stadt zu verklären. Oder Hans Kollhoff, der lauter neoklassizistische Modelle auffahren lässt, teils von ihm, teils von seinen Studenten, und sich in dieser gipsernen Schwärmerei zu verlieren droht.

So kann man dieser Biennale vorwerfen, dass sie über weite Strecken recht konventionell ausgefallen ist. Common ground, das heißt hier: Wir machen, was wir gewohnt sind. Zum Glück aber gibt es die kleinen, die jungen Büros. Architekten, die sich nicht an irgendeinen Formenkanon klammern, die offen in die Welt schauen und sehr pragmatisch das aufgreifen, was gerade vorbeikommt. Ihre Methode ist die bricolage, das Pasticcio, die kluge Ergänzung. Ein altes Parkhaus in Wuppertal? Das lässt sich umnutzen. Eine hässliche Großgarage im Hinterhof? Kein Problem, für eine Galerie ist das doch gerade richtig. Das alte Tabula-rasa- und Vorwärts-Denken haben viele Architekten überwunden, sie folgen einer anderen Logik. Man könnte es das Venedig-Prinzip nennen: schön verschlungen, mal links-, mal rechtsherum. Und mittendrin viel Luft fürs Unerwartete.