Die englische Boulevardpresse versorgt auch den deutschen Zeitungsmarkt regelmäßig mit lehrreichen Fotos aus dem Privatleben der britischen Königsfamilie. So wird der informierte Leser beispielsweise in Zukunft nicht weiter behaupten können, das Prinz Harry mit Hut wesentlich würdiger aussieht, als wenn er nackt in einer Hotelsuite von Las Vegas Billard spielt. Der Hut, früher ein Signal gusseiserner Seriosität, reißt’s heute nicht mehr raus.

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Was ist überhaupt mit dem Hut los? Nun, die traurige Wahrheit muss wohl lauten: gar nichts. Mit dem Hut ist’s aus. Vor ein paar Jahren (oder waren es nur Monate?) versuchten sich noch ein paar gut gelaunte junge Stutzer – man nennt sie auch Hipster – an einem Comeback des Hutes. Die Hüte, die sie trugen, sollten selbstverständlich nicht an die Opel-Fahrer der deutschen Vergangenheit erinnern, sondern irgendwie an die Leichtigkeit, Eleganz, Verwegenheit eines Frank Sinatra. Der Hut, den sie meinten, sollte Elemente amerikanischen Gangstertums mit solchen alteuropäischer Eleganz verbinden und dazu noch etwas von Zigarre und frivolem Verführertum haben, man kapierte sofort, was sie sich wünschten, aber es stellte sich nicht ein. Das Signal gepflegter männlicher Anmut, das der Hut aussenden sollte, wurde nicht gesendet oder nicht gehört oder vielmehr von den Falschen gehört, denn der Hut verkam sofort zur Partyausstattung feierwütiger Proleten. Er wurde wieder, was er schlimmstenfalls immer war: Narrenkappe, Clownshut. Als solcher hatte er auf dem Kopf talentfreier Liedermacher und Kabarettisten die Zeiten überlebt, und da saß er nun wieder, auf der sonnenverbrannten Birne der Freizeit-Clochards.

Das war nun aber leider kein schreckliches Missverständnis und keine Sünde wider den Hut, es wiederholte nur eine Geste, die immer schon zum Hut gehört hatte: dass man ihn schief aufsetzt und lustig aus der Stirn schiebt, wenn’s ans Vergnügen geht. Mit dieser Geste haben sich schon die alten Spießer in den alten Stummfilmen, dazu das Stöckchen wirbelnd, für den Bordellgang gerüstet.

Was heißt das? Der Hut ist ernst – oder gar nicht. Der lustig gemeinte Hut ist immer der Hut des Spießers. Wer sich eigens was aufsetzt oder absetzt oder lockert (etwa die Krawatte), um Spaß zu haben, der ist verklemmt und bleibt es auch, wenn er alle Hüllen fallen lässt. Der Nackte ist am Ende vielleicht sogar der größte Spießer von allen – der Prinz der Spießer.