DIE ZEIT : Herr Pollesch, Herr Schmidt, Sie beide haben in Interviews übereinander gesagt, dass die Begegnung mit dem jeweils anderen die wichtigste der letzten fünf Jahre gewesen sei, nein, Sie, Herr Schmidt, erhöhten sogar auf zehn Jahre. Was war an dieser Begegnung so wichtig?

Harald Schmidt: Ich habe durch ihn eine völlig neue Betrachtungsweise von eigentlich fast allem erfahren. Ich bin mit Autoren konfrontiert worden, von denen ich noch nie gehört hatte; Theorie hauptsächlich. Viele Dinge stülpen sich völlig um, wenn man sie mit Polleschs Blick sieht: Zum Beispiel hat neulich auf einer deutschen Bühne ein schwarzer Schauspieler eine Szene spielen müssen, bei der er sich nackt auf Drogen untersuchen lassen musste. Der Regisseur hat das gemacht, weil er es für authentisch hielt. Aber im Grunde zeigt die Szene nur einen nackten Schwarzen, der sich in den Hintern gucken lassen muss auf der Bühne und dem es furchtbar unangenehm ist. So was analysiert Pollesch. Wenn man das mal verstanden hat, wird es wahnsinnig schwer, sich überhaupt noch einen Spielfilm anzugucken. Man sieht nur noch Schauspieler, die etwas spielen, wozu ihnen die Kompetenz fehlt. Pollesch sagt, der Schauspieler kann maximal die Distanz spielen, die er als bürgerliche Existenz zu diesen Figuren hat.

ZEIT: Herr Pollesch, weshalb ist für Sie die Begegnung mit Harald Schmidt die wichtigste der letzten fünf Jahre?

René Pollesch: Ich bin mit den fünf Jahren ein bisschen drunter geblieben, um ein paar Leute, denen ich vor zehn Jahren begegnet bin, nicht zu vergraulen. Aber natürlich ist er eine der wichtigsten Begegnungen, die ich hatte. Es gibt für mich fünf Superperformer, und da gehört er dazu.

Schmidt: Aber die anderen verrät er nicht. Er ist ja theatermäßig ein Megaprofi. Er verkehrt nur am Wiener Burgtheater, an den Münchner Kammerspielen und so weiter, also an den ersten Adressen, und er weiß genau, dass die Klapperschlangen in den Kantinen dann sagen: Mich hast du nicht genannt im Gespräch mit diesem blöden Fernsehonkel. Deswegen wäre es toll, wenn mal 30 Schauspieler sich versammeln, die alle von Pollesch die SMS gekriegt haben: Du gehörst für mich zu den besten fünf.

Pollesch: So eine SMS habe ich nur dir geschickt. Schmidt ist ein autonomer Schauspieler. Er ist schnell, und er ist ein Intellektueller. Er weiß, was er auf einer Bühne zu tun hat, um da oben zu überleben. Er hat seine Skills, und die sind genial. Und sie stehen ihm immer zur Verfügung.

ZEIT: Herr Schmidt, Sie haben gerade das Wort "authentisch" mit einer gewissen Verachtung ausgesprochen.

Schmidt: Es ist das größte Pollesch-Schimpfwort: "authentisch". Ich habe schon mehrfach versucht, es meinen Autoren zu erklären; es ist wie Abseits. Man spürt, wenn es Abseits ist, aber es ist schwer zu erklären. Die schlimmste Beleidigung, die Pollesch kennt, ist "authentische Kuh". Authentisch ist ja im Allgemeinen ein unglaubliches Lob, Jürgen Klopp zum Beispiel ist authentisch, aber im Pollesch-Kosmos geht authentisch gar nicht – oder habe ich das falsch verstanden?

Pollesch: Nein. Das siehst du völlig richtig. Mir fällt noch ein anderes unserer Schimpfwörter ein, und das ist "repräsentativ". Das zielt auf Leute im Theater, die sich mit Dingen beschäftigen, die sie eigentlich hassen, also mit Möbeln, Kostümen, die Milieus repräsentieren sollen, die man eigentlich verachtet. Der Bühnenbildner Bert Neumann zum Beispiel würde sich nie mit Dingen umgeben, die er hässlich findet. Die, die hässliche Dinge auf die Bühne stellen, haben immer die Hoffnung, dass sie transzendieren und sich in reine Bedeutung auflösen. Ich finde einen Stuhl, der nicht auf einen Sinn oder eine andere Welt verweisen muss, damit ich ihn ansehen kann, einfach besser.

ZEIT: Eigentlich gibt es in Deutschland zwei Theaterwelten: Die eine Welt des naturalistisch-psychologischen bürgerlichen Theaters, in der sich ein Schauspieler verwandeln und möglichst in eine andere Zeit, ein anderes Milieu, eine andere Haut schlüpfen muss; und die andere Welt, welche an der dauernden Unterwanderung und Entzauberung dieser Illusionsmaschine arbeitet.

Pollesch: Eigentlich sind das zwei Welten, ja.

ZEIT: Und sie wissen wenig voneinander. Eine Vermittlergestalt, die sich in beiden Welten furios bewegt, ist der Schauspieler Martin Wuttke. Er spielt bei Pollesch, und er spielt im Tatort.

Schmidt: Ja. Aber wenn ich Wuttke im Tatort sehe, habe ich einen wahnsinnigen Spaß, weil ich sozusagen Pollesch höre. Ich sehe Wuttke im Tatort, aber ich höre Pollesch, wenn Wuttke Sätze sagt wie: "Hier, die Ergebnisse aus dem Labor."

Pollesch: Ein Regisseur hat vor einem halben Jahr mal versucht, den Tatort ein bisschen aufzumöbeln. Man merkte irgendwie, er sollte besonders authentisch sein. Aber es war dasselbe wie immer: Schritt, Schritt, Stolper. Das hat mal ein Schauspieler, den ich kenne, und der eben oft Drehbücher liest, bemerkt. Du gehst, du gehst, und dann stolperst du. Dann fällt dir der Inhalt deiner Handtasche raus. Bei dem Regisseur war die betreffende Figur ein Transvestit, das war die Neuigkeit. Man merkt die Ambition, irgendwas neu zu machen, aber das löst sich dann irgendwie doch nicht von der uralten Partitur, die sich immer durchsetzt. Es ist halt neuer Wein in alten Schläuchen. Martin Wuttke hat erzählt, dass es beim Tatort Leute gibt, die darauf achten, dass er als Kommissar kein offenes Hemd trägt. Beim Film tun immer alle so, als ob es ihnen um die Geschichte geht, aber das stimmt ja alles nicht. Der Hemdkragen von Wuttke ist dann doch wichtiger.

"man hat für jede Art von Reaktion schon die vorgefertigten Versatzstücke"

ZEIT: Ist das der Terror der Authentizität?

Schmidt: Technisch sehr gut in der Ausführung kann man Authentizität beim Bundespräsidenten Gauck beobachten, der ja sogar die echte Träne vorführt. Ich habe gesehen, wie er aus seiner Autobiografie vorgelesen hat, und er musste darüber weinen. Das waren schon zwei Etagen der Kunstfertigkeit, eine Autobiografie zu schreiben, öffentlich daraus vorzulesen und dann noch darüber zu weinen – da hat das deutsche Stadttheater Schwierigkeiten mitzuhalten.

Pollesch: Und jeder will ja diese Träne sehen.

Schmidt: Er selber sagt schon von sich, in diesem Präsidenten wird sehr viel Gauck bleiben. Als wäre er eine russische Matroschka-Figur. Oder als wäre er ein Produkt: Jetzt noch mehr Gauck in jeder Packung. Das habe ich bei Pollesch gelernt. Alles, was ich sehe, wird unter eine Pollesch-Lampe gelegt. Wer weint, macht sich schon verdächtig.

ZEIT: Aber gibt es nicht sogar Momente, wo Ihnen selbst die Tränen kommen?

Pollesch: Mir ist aufgefallen, inklusive bei mir, dass alle immer gerührt sind von ihrem Erfolg, etwa bei der Oscar-Verleihung. Sie weinen, weil sie gewonnen haben. Selbst bei dem Haiti-Erdbeben war man eher gerührt über die Überlebenden, die man aus den Trümmern rausgezogen hat. Und man zeigt in der Tagesschau auch eher die, die es geschafft haben. Das sind so die Erfolgsgeschichten. Leichenberge sieht man gar nicht mehr so oft. Ich war tatsächlich auch ziemlich gerührt, als ich zum ersten Mal den Preis bei den Theatertagen von Mülheim gewonnen habe. Da melden sich dann die ganzen Erfolgsgeschichten, die man dauernd so vorgesetzt bekommt. Die Reden vom Auserkorensein. Das find ich das Schlimmste.

ZEIT: Darauf selbst reinzufallen?

Pollesch: Ja, dass das so in einem drin ist. Dass man mit diesen Erfolgsgeschichten lebt. Das hätte ich gern raus aus mir. Ich bin auch eine authentische Kuh, aber ich versuche, dagegen zu arbeiten.

Schmidt: Das ist das Entscheidende, dass natürlich auch René Pollesch zehnmal pro Probe zu einer authentischen Kuh wird.

Pollesch: Aber ich empfinde es als Störung.

Schmidt: Es gibt ja in manchen Redaktionen das Phrasenschwein, in das jeder fünf Euro schmeißen muss, der eine Phrase verwendet. Daneben müsste man eigentlich eine authentische Kuh auf den Tisch stellen, und immer, wenn einer wieder authentisch wird, muss er fünf Euro reinwerfen.

Pollesch: Wenn es einem denn so schnell einfach auffallen würde.

Schmidt: Ich glaube, die Leute, die häufiger mit dir gearbeitet haben, wissen es. Ich habe mich zum Beispiel immer gefragt, warum stört es mich, kaum fährt einer irgendwo in Deutschland gegen den Baum, sind fünf Leiharbeiter zur Stelle und legen einen Teddybären an der Unfallstelle ab. Was stört mich daran? Das heißt, man hat für jede Art von Reaktion schon die vorgefertigten Versatzstücke. Unfälle ziehen Reflexe nach sich, Lady-Di-artig: Teddybär an die Unfallstelle oder das Schild mit der Aufschrift "Warum?". Und da haben wir in der Sendung zum Beispiel mal ein Schild gemacht: "Warum nicht?", was natürlich sofort Aufregung gibt. Dabei, wenn man es mal nüchtern sieht, ist die Frage genauso berechtigt. Er hat einen Unfall – warum? Ja, warum haben die anderen keinen?

ZEIT: Wenn "authentisch" das schlimmste Wort ist, welches ist dann das unverbrauchte Wort, zu dem man sich retten könnte?

Pollesch: Das Wort "konkret" vielleicht.

Schmidt: Oder als Bezeichnung für einen Schauspieler: Er ist ein Inhaltsbomber.

ZEIT: Wer ist das?

Schmidt: Für mich, wo ich es am perfektesten sehe, ist es Sophie Rois.

Pollesch: Ja. Ja. Ja. Sie ist sehr inhaltlich. Sie ist immer konkret. Aber auch du. Wenn du redest, habe ich nicht das Gefühl, ich müsste auch noch auf was anderes hören als auf das, was du sagst. Dir geht es nicht dauernd um dich; dir geht es um Inhalte.

Schmidt: Nun ja ...

Pollesch: Nein, dir geht es nicht um dich. Es gibt Leute, bei denen man merkt, die fühlen sich dauernd aufgefordert, mit ihrem Gerede zu sagen, wer sie sind. Und die sich beim Zuhören dauernd fragen: "Warum sagt er das jetzt zu mir?" Die sind nie konkret. Die sind dauernd auf der Metaebene. Und dann gibt es eben Leute, die müssen sich nicht dauernd ausdrücken.

ZEIT: Ein ganz wichtiges Wort in Ihrem Wortschatz, Herr Pollesch, ist "Regulierung". Herkömmliches Geschichtenerzählen, sagen Sie, sei bloß eine Art, das Publikum zu regulieren.

"Ich will nicht dieselben Heterophrasen wie alle anderen von der Bühne blasen"

Pollesch: Es könnte sein, dass Geschichten, von denen man sagt, dass sie von uns erzählen, eher dazu taugen, dass die Zuschauer und die auf der Bühne sich gegenseitig auf Lesbarkeit trimmen. Also eine heterosexuelle Liebesgeschichte zum Beispiel wird als die universelle Liebesgeschichte ausgegeben. Oder die Geschichte über einen Mann als die Geschichte über den Menschen. Brecht hat die Regulierung auch mal benannt, als er im Berliner Ensemble die Zuschauer reinkommen sah und sagte: Penis und Vagina, immer das Gleiche, immer nebeneinander. Ich hab mal in einem ganz frühen Stück eine Frauenfigur zu einer anderen den Satz sagen lassen: So kriegst du nie nen Mann. Und da wurde ich von lesbischen Freundinnen gefragt: Muss so ein Satz sein? Das ist so heterozentristisch. Sie hatten recht. Und ich will so was nicht produzieren. Ich will nicht dieselben Heterophrasen wie alle anderen von der Bühne blasen. Ich will mich nicht an der Regulierung beteiligen.

ZEIT: Herr Schmidt, wie sehen Sie eigentlich Ihre Rolle in der Gesellschaft? Als Regulator oder als Deregulator?

Schmidt: Als Steuerzahler. Das heißt, ich finde es sinnvoll, dass Steuern gezahlt werden. Und ich finde es auch sinnvoll, dass eine Straße keine Schlaglöcher hat und mir im Krankenhaus der Arzt die Spritze gibt und nicht der Hausmeister. Damit dieses komfortable System weiter besteht, versuche ich die Tagesschlagzeilen noch mal durchzugehen unter der Fragestellung: Habe ich das richtig verstanden? Eines meiner Lieblingsbilder der letzten Monate war der neue Umweltminister Peter Altmaier in Rio. 40 Kilo Übergewicht, dickes Jackett an, und ihm lief die Suppe herunter wie in einem Comic. Ich seh da gar nicht die Metaebene, ich sehe ganz konkret den unfassbar schwitzenden Umweltminister in Rio; ich sehe a) er hat nichts erreicht, b) und er schwitzt wie Sau. Das ist für mich der Umweltschutz – in diesem Bild.

ZEIT: Etwas ganz anderes: Welche Rolle spielt Wohlstand für Sie beide?

Pollesch: Ich habe mich mal mit einem Regisseur unterhalten, wir redeten über Theater, und da merkte man schon, dass man nicht viel miteinander zu tun hat, und plötzlich sagt der, was machst denn du so mit deinem Geld? Oh Gott, wird mir dann klar, wenn Geld der Motor ist, dann ist es wahrscheinlich ziemlich anstrengend, so was herzustellen wie einen Theaterabend. Dann muss er es dauernd so deichseln, dass das, was er da macht, wie Theater aussieht und nicht nach Anlageberatung. Ich will mich jetzt gar nicht gegen Geld aussprechen, im Gegenteil, aber man braucht da was anderes, das einen auf Trab hält, denn so viel Geld verdient man dann nämlich auch wieder nicht.

ZEIT: Das ist ein wenig das Bild, das die Öffentlichkeit von Ihnen beiden hat: Pollesch, der Mann, der in seiner Arbeit völlig aufgeht, dagegen der frivole Schmidt, der mit Schlagfertigkeit und Lässigkeit Millionär geworden ist.

Schmidt: Ja, aber, wie soll ich es sagen: Das ist halt Marktwirtschaft. Ich bin nicht losgegangen, weil ich ein reicher Mann werden wollte, sondern ich wollte ein Star werden – eigentlich der neue Rudi Carrell. Und per Zufall wird man auch noch reich! Kann ich was fürs System? Früher habe ich mich dafür entschuldigt, bis ich mal bei Johannes Paul II. gelesen habe, wie man so was verantwortet. Er wurde gefragt: Heiliger Vater, es gibt so viel Armut in der Welt, und Sie haben einen Swimmingpool, warum? Antwort: Ich schwimme gern.

Pollesch: Es wird vom Theater verlangt, gerade jetzt in der Finanzkrise, dass es lauter Stücke über die Gier machen soll. Aber ich kenne keine gierigen Leute. Ich kenne eher Leute, auf die der Satz von Dietmar Dath zutrifft, der gesagt hat, das Abgeschmackteste am Kapitalismus ist, dass alle nur noch Liebe wollen, und keiner will mehr Geld. Da steckt das Problem.

Schmidt: Haben übrigens viele anfangs für Ironie gehalten, diesen Satz – ich auch. Aber er stimmt.

ZEIT: Also wieder: Authentizität. Wo findet man denn heute am ehesten authentische Kühe?

Schmidt: Wahre Festivals für authentische Kühe sind zum Beispiel individuell gestaltete Beerdigungen. Ich habe neulich im dritten Programm eine Bestatterin gesehen aus Bremen, die individuell von ihren Toten Abschied nimmt. Die lag auf dem Grab und sprach mit einer Frau, die sie beerdigt hat. Was mich an das Lächeln erinnert, mit dem einen die Stewardessen foltern. Die Stewardess bringt durch ein Lächeln immer noch ihre Befindlichkeit mit rein. Hallo, schönes Wochenende, man will aber eigentlich nur sagen, bitte anschnallen und Schluss.

ZEIT: Sie kommen beide aus kleinen Verhältnissen und sind nun sehr erfolgreich. Wie sehr bleibt Ihnen die Existenzangst des "kleinen Mannes"?

Pollesch: Ich hab jetzt zum Beispiel keine Angst davor, dass man sich nicht mehr für mich interessiert, denn das hab ich schon mal erlebt. Ich konnte früher schon mal eine Zeit lang gut arbeiten, und dann hörte das plötzlich auf.

ZEIT: Weil man es erlebt hat, hat man keine Angst mehr davor?

Pollesch: Man weiß, was es ist, es ist nicht mehr die Tragödie schlechthin. Man darf aber vorher auch nicht so sehr an die eigene Bedeutung glauben. Es ist nicht der Untergang. Es war auch nicht so schlimm: Ich hatte jemanden, der für mich sorgt. Nur die Eltern waren ein bisschen besorgt. Die sagten: Wär er mal doch lieber Bankkaufmann geworden.

"Ich find’s auch mit Geld besser als ohne"

ZEIT: Wie war das bei Ihnen, Herr Schmidt, als Sat.1 Ihnen das Ende Ihrer Sendung mitteilte, Ihnen also kündigte: Schluckt man da doch plötzlich mit der Kehle des Kleinbürgers?

Schmidt: Nee, denn ich bin ja geprägt durch eine ganz einfache Herkunft. Für mich war der Erfolg das Ungewohntere. Dass man sich im Restaurant was bestellt und nicht schaut, was es kostet – wie verblüffend! Ich hatte aber ziemlich lange Zeit Existenzängste, als ich anfing, mich selbstständig zu machen. Das ist nach einer Weile vorbeigegangen, als ich merkte, dass die Kindheit und Jugend das Prägende ist und man diesen Lebensstil nie wirklich verlässt.

Pollesch: Das ist bei mir genauso.

Schmidt: Ich kenne in unserer Branche keinen, für den Geld das Entscheidende wäre. Sondern: Weiber, Männer, Wodka, Orgien, den Oscar, all das ja. Aber dass jetzt einer sagt: Ich will gleich hunderttausend Dollar auf dem Konto, das nicht.

ZEIT: Aber Ruhm schon, oder?

Pollesch: Ja. Ja.

ZEIT: Und was wäre die Idealvorstellung von Ruhm?

Schmidt: Das Plakat am Picadilly Circus. Das war so ein Initialmoment, ich weiß es noch genau: Als ich zum ersten Mal in London war, als Schüler, stand ich am Picadilly Circus und sah ein riesiges Plakat, Werbung für High Plains Drifter mit Clint Eastwood. Das war prägend. Aber Geld? Ich find’s auch mit Geld besser als ohne. Aber es war definitiv nicht der Antrieb.

ZEIT: Stimmt es, Herr Schmidt, dass Sie in Köln in derselben Straße wohnen wie Stefan Raab und Gerhard Richter?

Schmidt: Stimmt nicht. Die beiden wohnen in Hahnwald, ich wohne in Marienburg.

ZEIT: Schade. Das wäre sonst eine deutsche Wahnsinnsstraße, oder?

Schmidt: Jaaah. Aber ich nenn mal zwei Namen aus meinem Viertel: Klaus Zumwinkel und Baron von Oppenheim. Marienburg ist ein altes Viertel. Hahnwald ist eher ein Viertel für Leute, die genau wissen, was für ein Haus sie wollen und es sich dann hinstellen. Da ist viel Selbstschussanlage, Heide, Hubschrauberüberwachung.

ZEIT: Zur neuen Sendung: Die Verhandlungen liefen schon, als der Rauswurf von Sat.1 kam?

Schmidt: Nein. Um 12 Uhr gaben wir die Pressemeldung raus, dass die Sendung vorbei sei – das war eine Meldung, die wir mit Sat.1 abgestimmt hatten. Um 14 Uhr rief Fred Kogel bei Sky an, und um 16 Uhr bat man uns dort zum Gespräch.

ZEIT: Und alles, was Sie in den Tagen danach, noch für Sat.1 auf Sendung, so andeuteten von wegen: Wir machen die Sendung weiter, aber ich kann noch nichts verraten, also all das, was Ihnen als Galgenhumor ausgelegt wurde ...

Schmidt: Das war nur die Wahrheit. Alle dachten: Irre, wie der seine Situation ironisiert, aber es war die Wahrheit.

ZEIT: Die Leute in Ihrem Umfeld wussten aber, wie die neue Lage war?

Schmidt: Nein, auch nicht. Meine Leute sind aber so gut, die fragen mittlerweile nicht mehr, weil sie wissen, dass ich nichts sagen kann. Im Zeitalter von Twitter geht das nicht. Ich wundere mich immer noch darüber, dass es Leute gibt, die den Satz sagen: Aber das bleibt bitte hier am Tisch. Oder: Das verlässt nicht den Raum. So was funktioniert nicht mehr. Wenn ich’s zum Fenster rausschreie, hören’s weniger Leute.

ZEIT: Der Grund für die Trennung von Sat 1 war die sinkende Quote Ihrer Sendung. Wie erklärt man sich selbst, dass die eigene Quote sinkt?

Schmidt:(Pause) Andere Publikumsstruktur, andere Sehgewohnheiten im Sender, das eigene Publikum wird älter und liegt um diese Uhrzeit im Bett. Es gibt tausenderlei Erklärungen. Aber ich finde: Ich kann an alldem eigentlich nichts ändern.

ZEIT: Lässt einen so ein Quotenrückgang unberührt?

Schmidt: Im Grunde schon. Denn ich sehe ja, wo die großen Zuschauererfolge sind, und vor diesem Hintergrund sag ich mir: Geil, ich hab trotzdem noch 600.000 Zuschauer.

Pollesch: Ich hab nur noch deine Sendung gesehen; das war das Einzige im Fernsehen, was ich mir ansehen konnte. Ich hab mir jetzt zu meinem kleinen Fernseher im Kühlschrank noch einen Fernseher gekauft, der Sky empfängt, ich bin also schon gewappnet.

"Ich musste erst mal lernen, was Abonnent auf englisch heißt"

Schmidt: Es ist fast schon ein unnatürlicher Zustand, dass es die Sendung immer noch gibt. Wir gehen jetzt damit ins 17. Jahr. Im Interview mit der Bunten sag ich an der Stelle: Ich mach’s schon länger als Napoleon. Denn es gibt ja Zyklen: zehn, maximal 15 Jahre. Der Hausherr des Theaters, in dem wir hier sitzen, weiß, wovon ich spreche.

ZEIT: Und Sie wollen immer diese Show machen?

Schmidt: Ja. Ich kriege dauernd Quizshows, Lesewettbewerbe, Reiseshows angeboten, es gibt ja im Fernsehen unglaublich viel, was wegmoderiert werden muss, aber ich hab dazu keine Lust. Als Moderationssöldner könnte ich 200 Abende pro Jahr machen.

ZEIT: Von einem Schlachtfeld zum nächsten?

Schmidt: Das wäre kein Problem. Der Markt ist gigantisch.

ZEIT: Wird sich Ihre Sendung je verändern? Entwickelt die sich weiter?

Schmidt: Die einzige Evolution besteht im Inhalt. Aber formal? Ich wüsste nicht, was im Fernsehen formal zu erneuern wäre. Entweder sitzen vier Leute um einen Tisch und reden, oder es werden Talente gesucht, oder vier Promi-Paare müssen was raten.

ZEIT: Amerikanische TV-Drehbuchautoren sagen den Anfängern immer: Es gibt Millionen Ideen, die noch nicht verwirklicht sind, da liegt eure Chance. Suchen Sie nicht auch insgeheim das völlig Neue?

Schmidt: Nein. Für mich gilt definitiv: Ich komme von links um die Ecke und sage Guten Abend, meine Damen und Herren, haben Sie schon gehört? Es gibt ja auch im Roman keine wirklichen formalen Neuerungen mehr. Mein Thema ist überhaupt nicht die Form, sondern ausschließlich der Inhalt. Und ich glaube, dass inhaltlich bombastische Zeiten für mich kommen.

Pollesch: Ich krieg auch immer wieder den Vorwurf zu hören, dass die Form meiner Stücke sich nicht ändert und die Inhalte auch nicht. Ich dagegen sehe, dass jeder Theaterabend, an dem ich beteiligt bin, ein anderer ist, allein schon deshalb, weil ich das Theater ja nicht allein mache. Und ich sehe, dass Inhalte, mit denen wir uns über drei, vier Stücke lang beschäftigen, dann auch wenigstens über zwei, drei Jahre auf ein paar Bühnen anwesend bleiben. Ich finde, dass sich die Dinge dauernd verändern. Es gibt diese populäre wissenschaftliche Erkenntnis, die besagt, alle sieben Jahre wird der Körper ein anderer. Wenn man es genau nimmt, ist dein Körper sowieso in jedem Moment ein anderer. Während wir hier sitzen, springen Moleküle von mir auf den Sessel über und von dem Sessel zu euch. Wir befruchten uns nicht nur geistig, sondern wir gehen aus diesem Raum als völlig andere Körper raus. Wir verwandeln uns ständig. Nur haben wir keine Instrumente, das zu beobachten.

ZEIT: Flann O’Brien spielt in seinem Roman Der dritte Polizist mit der Idee, dass der Körper eines Menschen sich allmählich den Dingen angleicht, die er benützt. Also: Der Körper eines Fahrradfahrers reichert sich mit den Teilchen seines Fahrrads an, ja er verwandelt sich allmählich in das Fahrrad.

Pollesch: O’Brien hat bestimmt recht. Wir haben nur keine Brillen, die das sehen.

ZEIT: Herr Schmidt, Sie haben es jetzt mit englisch sprechenden Senderchefs zu tun. Hat Sie das schon verwandelt?

Schmidt: Ich muss eigentlich kein Deutsch mehr reden. Der Chef ist ein Amerikaner, und der Spezialbeauftragte von Rupert Murdoch ist Australier. Ich musste erst mal lernen, was Abonnent auf englisch heißt. Ich hüstelte rum und versuchte das Wort zu umschiffen: The people that will watch my show...

Pollesch: Wie ist denn das Wort?

Schmidt:Subscriber.

ZEIT: Der Chef von Ikea sagt, dass schlechtes Englisch das Gütesiegel für eine Weltfirma sei. Er sagt: Unsere Konzernsprache ist nicht Oxford-English und nicht American English, sondern: bad english. And we are proud of it.

Schmidt: Man darf einen wahnsinnigen Akzent haben, aber man muss den Fachwortschatz draufhaben. Dann darf man solche Sätze sagen: "Ich war zwei Jahre in Hongkong, zwei Wochen in Bangkok und habe dann den Laden in Simbabwe auf Vordermann gebracht." Oder in meinem Fall (in breitestem Schwäbisch-Englisch): Ai sink it will be a big win win situation bouss for se sabscraibers änd as. Das ist auch das Tolle in der UN, ich höre wahnsinnig gern die Diktatoren in ihren Maßanzügen, wenn die dort auftreten: Sie haben den breitesten Akzent, aber man fürchtet sich vor ihnen; sie wissen, was sie sagen.

ZEIT: Herr Pollesch, eine letzte Frage. Sie lesen viel wissenschaftliche Literatur und befassen sich intensiv mit Fragen von menschlicher Gleichheit und Ungleichheit. Würden Sie sagen, die Gemeinsamkeiten zwischen Harald Schmidt und Ihnen sind bedeutsamer als die Unterschiede?

Pollesch: Es ist mit uns wie mit allen um uns herum. Wenn ich die Ähnlichkeiten aufzähle, bin ich sehr schnell fertig. Wenn wir anfangen, uns die Unterschiede anzusehen zwischen uns, dann würde ich hier nächtelang sitzen. Dann käme ich vom Hundertsten ins Tausendste.