Natürlich würde heute kein Edison mehr so etwas erfinden: ein Gerät, das gerade einmal 5 Prozent der Energie für seinen eigentlichen Zweck (Licht) verwendet, 95 Prozent hingegen verschwendet (als Wärme). Gemessen an ihrem Wirkungsgrad, ist die alte Faden-Glühbirne ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert, mehr Heiz- als Leuchtkolben. Am Samstag sollen in Europa die letzten ihrer Art verkauft werden, die zu 40 und 25 Watt. Wäre das nicht der Zeitpunkt, einmal "Danke, liebe EU" zu sagen?

Ja, wäre es. Wenn es bei Glühbirnen wirklich nur um den Wirkungsgrad ginge. Wenn es echte Alternativen zu Edisons Kolben gäbe. Beides ist nicht der Fall, und deswegen rührt sich nun gerechter Zorn beim gemeinen Lichtverbraucher. Auch Ökologie braucht Verhältnismäßigkeit. Genau die verletzt der Birnen-Bann. Schuld war ein ideologischer Tunnelblick, allen voran beim früheren Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, der das Verbot 2007 in Brüssel ins Rollen brachte.

Man muss ihm und allen anderen Edison-Gegnern zugute halten, dass der Klimawandel und der daraus möglicherweise resultierende Untergang der Menschheit für viele eine recht emotionale Sache ist. Aber das ist die Wohnzimmerbeleuchtung eben auch. Rötlich-warmer Schein ist, seit der Homo erectus lernte, Feuer zu entzünden, nun einmal das natürlichste und bio-korrektes Licht für Haus, Hirn und Hormone. Nicht zufällig fühlen sich die meisten Menschen in einem Klinikflur unwohler als im Theaterfoyer, in einer Kellerkneipe geborgener als in einer Unterführung. Sicher gibt es Leute, denen ökologische Konsequenz wichtiger ist als illuminative Wohnlichkeit. Aber diese Abwägung allen Europäern vorzuschreiben hatte von Anfang an etwas Übergriffiges und Zwanghaftes.

Die Erfahrung zeigt, dass die Bürger nichts gegen energiesparende Geräte an sich haben. Waschmaschinen oder Kühlschränke fallen unter dieselbe EU-Energieeffizienz-Richtlinie wie Glühbirnen. Gegen diese Regulierung erhebt sich kein Protest, weil die Niedrigverbraucher schlicht genauso gut waschen und kühlen wie die alten Stromschleudern. Solche gleichwertigen Alternativen bieten die Elektromärkte bis heute nicht. Man zahlt eine Menge Geld für Markenversprechen von "soft light" oder "instant start", um sich daheim zu ärgern über Funzeln, die ewig brauchen, um vom Dämmerzustand auf Kaltlichtdusche hochzufahren. Von den Umweltschäden, die falsch entsorgte quecksilberhaltige Leuchten anrichten, ganz zu schweigen. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis den Ingenieuren bei Osram oder Philips die Erlösung einfällt – aber bis dahin bleibt das Glühbirnenverbot eine empfindliche Freiheitsbeschneidung.

Unbestritten ist, dass Energiesparlampen Energie sparen. Der Effekt entspricht angeblich der Leistung eines Kernkraftwerkes. Aber abgesehen davon, dass Deutschland seine AKW ohnehin gerade vom Netz nimmt – was würde denn passieren, wenn man dieselbe rigorose Rechnung auf andere Produkte ausweitete? Die Zeitung beispielsweise: Bäume wurden gefällt dafür, tonnenschwere Druckerwalzen gedreht, Lkw beladen und durchs Land gefahren. Ein Klimakiller erster Güte! Kämen Sie nicht auch mit einem Tablet-PC klar? – Ach, Zeitunglesen ist für Sie ein Stück Lebensqualität?

Beruhigend ist, dass in der ganzen Brüsseler Dunkelkammerbürokratie ein Fehler passiert ist. Das Verbot gilt nicht für "Speziallampen", wie sie etwa in der Landwirtschaft gebraucht werden. Sie lassen sich umstandslos erwerben – und als Normallampen einsetzen. Womöglich findet die Menschheit am Ende ja doch eine angenehme Art zu überleben. Mit infrarot strahlenden Photonenlampen, Instant-Compost-Zeitungen und einer Politik mit effizienterem Wirkungsgrad. Man soll die Hoffnung nie aufgeben.

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