Unterdessen ist im kleinen Doppel-Deutschland etwas Seltsames passiert. 1983, kurz nach dem Tod des Lkw-Fahrers, meldet sich Honeckers V-Mann Alexander Schalck-Golodkowski bei Franz Josef Strauß in München. Er will sondieren. Grund: Die DDR braucht Geld, sofort. Honecker lässt ausrichten, er könne sich zwar auch an Moskau wenden, doch sei ihm der Westen lieber. Strauß fühlt sich geschmeichelt und macht etwas, wovon der SPD-Politiker und Mitarchitekt der Ostpolitik Egon Bahr später sagen sollte, für so etwas seien die Sozis "zu feig" gewesen: Honecker bekommt Geld ohne feste Zusagen. Strauß vermittelt dem Land im Niedergang 1984 einen Kredit des Bundes über umgerechnet eine halbe Milliarde Euro. Er, der größte Kommunistenfresser der deutschen Politik, muss dann seiner tobenden Basis erklären, warum er den Spendieraugust gibt, zugunsten einer schlingernden DDR. Kohls Glück: Strauß ist nun eingebunden in die Bonner Ostpolitik, er kann nicht mehr so leicht querschießen.

Im Januar 1987 wird Kohl wiedergewählt. Jetzt soll es endlich so weit sein. Im Februar taucht in Bonn Horst Sindermann auf, ein bis dahin wenig bekannter netter älterer Herr ohne Macht, aber mit Symbolwirkung: Er ist Präsident der Volkskammer, des Parlaments der DDR. Ihm folgt Günter Mittag, oberster Herr über die DDR-Wirtschaft. Im Sommer 1987 wird Bundespräsident Richard von Weizsäcker als – wie man damals sagte – "Eisbrecher" nach Moskau entsandt. Und schließlich hellt sich, nach dem Gipfeltreffen von Reykjavík, auch die sogenannte Großwetterlage auf: Die Verhandlungen zwischen Amerikanern und Russen über die Mittelstreckenraketen stehen vor dem Abschluss. Der Weg nach Bonn ist frei. Am 15. Juli 1987 wird Honeckers fünftägiger Besuch für den September angekündigt. Im Spiegel gratuliert Saarlands Ministerpräsident Oskar Lafontaine Ende August dem Gast über sieben Seiten zum 75. Geburtstag, in der ZEIT heißt ihn Altkanzler Helmut Schmidt herzlich willkommen.

2.400 Journalisten sind akkreditiert, 1.700 aus dem Ausland. Am Morgen des 7. September trifft Honecker auf dem Flughafen Köln/Bonn ein, Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble empfängt ihn. Protokollarisch handelt es sich um einen "Arbeitsbesuch eines Staatsoberhaupts mit Exekutivgewalt". Lediglich ein paar Nickeligkeiten – von der Öffentlichkeit kaum bemerkt – muss der DDR-Chef in Kauf nehmen. So verkleinert Bonn die Motorradeskorte auf sieben Maschinen und verkürzt den roten Teppich. Auch tritt vor dem Kanzleramt nur eine reduzierte Ehrenformation an, und es gibt weder Salutschüsse noch den üblichen Geschenketausch. Pikanter ist schon, dass Außenminister Hans-Dietrich Genscher beim Empfang fehlt.

Vor allem auf Flagge und Hymne hat Ost-Berlin größten Wert gelegt, auch wenn Kohl bis zuletzt deswegen hadert – die "Spalterflagge" in Bonn! Schäuble setzt beides durch. Das Spielen der Hymne vor dem Kanzleramt ist für Politbüro-Mitglied Hermann Axen ein "Salut für Karl Marx", während das Hissen der Flagge dort ein "Salut für Lenin" sei.

Einen großen Empfang für das diplomatische Korps, wie bei Staatsbesuchen eigentlich üblich, gibt es nicht, nur ein festliches Abendessen in der Godesberger Redoute. Gespannt wartet man auf die Tischreden. Nun ist Kohl am Zug. "Die Menschen in Deutschland leiden unter der Trennung", sagt der Kanzler. Honecker antwortet unbewegt, dass die "Unverletzlichkeit der Grenzen eine grundlegende Bedingung für den Frieden ist". Alles wird vom Ostfernsehen live übertragen – das hat Bonn zuvor durchgesetzt. Was zudem verblüfft: Die DDR-Presse druckt die Reden ungekürzt ab. Das ostdeutsche Bedürfnis, den Staatsbesuch und damit die Feier der DDR-Souveränität auf jedes Komma genau zu dokumentieren, ist so groß, dass man selbst die Zensur außer Kraft setzt.

Honecker logiert, wie es ihm als Staatsgast gebührt, auf Schloss Gymnich, dem Gästehaus der Bundesregierung nordwestlich von Bonn. Dort empfängt er die Granden der westdeutschen Politik. Ganz oben auf der Liste steht freilich ein Mann, der den meisten Bundesbürgern unbekannt sein dürfte: Herbert Mies, Vorsitzender der von Ost-Berlin finanzierten Deutschen Kommunistischen Partei, die bei der Bundestagswahl 1983 0,2 Prozent der Stimmen erhalten hat und bei der Wahl 1987 gar nicht mehr angetreten ist. Es folgen Hans-Jochen Vogel (SPD), Björn Engholm (SPD), Alfred Dregger (CDU), Theo Waigel (CSU), Wolfgang Mischnick (FDP), Waltraud Schoppe (Die Grünen; sie kommt auf dem Motorrad) und Lothar Späth (CDU).

Anschließend geht es durch die Länder. Die Route ist recht südlastig, nach Nordrhein-Westfalen werden Rheinland-Pfalz, das Saarland und Bayern besucht. Im Kölner Haus des Deutschen Industrie- und Handelstags lauert der wahre Klassenfeind, die wichtigsten Industriekapitäne sind da. Nach marxistischer Theorie liegt die Macht ja bei den Kapitalisten, während die Politiker nur als Marionetten herumstrampeln. Später fährt der Tross weiter nach Essen, auf die Villa Hügel, die alte Krupp-Residenz. Es muss den Erzkommunisten um Honecker wie der Gang durch ein Spukschloss vorkommen, als Hausherr Berthold Beitz sie durch die pompösen Säle des Hauses führt. Doch der Stolz überwiegt: Günter Mittag platzt schier, weil, wie er später sagte, die "Bosse [...] strammstehen, wenn das DDR-Staatsoberhaupt kommt". Auch Egon Krenz schwärmt noch rückblickend von der "Anerkennung" durch die Wirtschaft. Etwas nüchterner bilanziert der DDR-Diplomat Karl Seidel, "strammgestanden" hätten die Vorstände "gewiss nicht", da die Bundesrepublik "der stärkere Partner im deutsch-deutschen Handel" gewesen sei. Zwischendrin ist noch Zeit für einen kurzen Abstecher nach Wuppertal, der Heimat von Friedrich Engels, wo der unvermeidliche Udo Lindenberg Honecker eine E-Gitarre mit dem sinnigen Aufdruck "Gitarren statt Knarren" überreicht.