Mario Draghi tut es, Ben Bernanke tut es und Mervyn King auch. Rund um die Welt haben die Chefs der Zentralbanken ihre Geldschleusen geöffnet, um die Krise zu bekämpfen. Und rund um die Welt formiert sich Widerstand dagegen. In den USA wollen radikale Republikaner die Notenbank Federal Reserve abschaffen, hierzulande wächst die Kritik an der Europäischen Zentralbank. Ausgerechnet in diesen Zeiten schlagen zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor, die Macht der Zentralbanken sogar zu stärken. Sind die noch bei Sinnen?

Jaromir Benes und Michael Kumhof beschäftigen sich mit einem Plan, den eine Gruppe von Ökonomen der Universität Chicago in den dreißiger Jahren entwickelt hat. Dieser Plan würde, so das Argument von Benes und Kumhof, das Wirtschaftswachstum erhöhen und Krisen verhindern. Man muss sich hier kurz damit beschäftigen, wie Geld entsteht. Die Notenbank erzeugt – elektronisch – nur das sogenannte Zentralbankgeld, das sie an die Geschäftsbanken verleiht. Dieses Zentralbankgeld wird nicht für den Kauf von Waren verwendet, es zirkuliert zwischen Bank und Zentralbank. Die Banken benötigen es zum Beispiel, weil sie in einigen Ländern gesetzlich gezwungen sind, einen Anteil ihrer Kundeneinlagen damit abzusichern.

Das Zentralbankgeld ist gewissermaßen der Rohstoff, aus dem die Banken echtes Geld formen. Das tun sie, indem sie einen Kredit vergeben. Damit schreiben sie einem Kunden einen gewissen Betrag auf dem Konto gut. Der Kunde kann dieses Geld dann für den Kauf von Waren ausgeben, ohne dass einem anderen Geld weggenommen werden muss. Jeder Kredit schafft praktisch aus dem Nichts frisches Geld – und weil die Banken nur einen geringen Teil der Einlagen durch Zentralbankgeld decken müssen, wenn überhaupt, können sie fast unbegrenzt Geld produzieren.

Die Schlüsselrolle bei der Geldschöpfung hat also nicht die Zentralbank. Sie kann zwar die Banken mit Notenbankgeld vollpumpen, aber sie kann sie nicht dazu zwingen, daraus viel echtes Geld zu machen. In einer schweren Krise tendieren die Banken dazu, mit Krediten zu knausern.

Das gegenteilige Problem tritt auf, wenn die Banken zu viele Kredite vergeben und zu viel Geld schaffen. Dann versucht die Zentralbank, die Kredite durch Zinserhöhungen zu verteuern, damit die Banken weniger davon vergeben. Aber in der allgemeinen Euphorie bleibt das oft ohne Folgen, sodass die Wirtschaft heiß läuft. Die meisten Krisen gehen mit einem starken Anstieg von Geldmenge und Kreditvergabe einher.

Der Chicago-Plan, dessen Grundanliegen Walter Eucken, der Vordenker des deutschen Ordoliberalismus, teilte, würde den Zentralbanken die volle Kontrolle über den Geldschöpfungsprozess geben. Denn er sieht vor, dass die Banken nur dann einen Kredit vergeben können, wenn er zu 100 Prozent durch staatliches Zentralbankgeld gedeckt ist, daher auch die Bezeichnung "Vollgeld". Die Banken würden also kein eigenes Geld mehr schöpfen, sondern nur das staatlich geschaffene Geld verteilen. Sie würden "zu Lagerhäusern, die das Geld der Kunden für Transaktionszwecke bereithalten", wie es bei den beiden IWF-Autoren heißt.

Die Ökonomen haben die Auswirkungen der Einführung des Vollgelds mit einem komplizierten ökonomischen Modell untersucht und kommen zu dem Ergebnis, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse dadurch stabilisieren ließen. Die Ausschläge der Konjunktur nach oben und nach unten würden sich erheblich verringern, zudem würde die Wirtschaft leistungsfähiger, weil die Firmen mehr investierten.

Das kann aber nur funktionieren, wenn der Staat mit seiner neuen Macht auch klug umgeht. Und genau daran zweifeln die Kritiker. Ihrer Ansicht nach ist die Versuchung groß, der Wirtschaft zum Beispiel vor Wahlen einen künstlichen Schub zu geben oder Schulden durch Inflation zu entwerten. Dass die Banker versagt haben, ist seit Ausbruch der Krise offenkundig – die Frage ist, ob es Bürokraten besser machen.