Was gesagt werden darf – Seite 1

In Roman Polanskis Verfilmung von Yasmina Rezas Theaterstück Der Gott des Gemetzels spielt Jodie Foster die rigorose Moralistin Penelope, die ihr Leben mit absolut politisch korrekten Ansichten über die Welt zutapeziert hat. Wer in ihren Dunstkreis gerät, wird sofort unter Druck gesetzt, sich zu den selben Werten zu bekennen. Je länger der Zuschauer Penelopes erpresserischem Diskurs lauscht, desto schwerer fällt es ihm, dieser Luxusmoralschleuder nicht an die Gurgel zu wollen. Die Heroine der politischen Korrektheit verbindet auf unerträgliche Weise Überheblichkeit und Besserwissertum, das sich im Gewand seiner Moralität unangreifbar macht. Und tatsächlich: Mit Gründen kommt man gegen ihre Ansichten nicht an. Will man ihrem Diskurs etwas entgegensetzen, bleibt einem nur der Zynismus als Ausweg. Dafür entscheidet sich Alan, von Christoph Waltz mit aasiger Macho-Allüre gespielt. Der Anwalt eines Pharmakonzerns, von Penelope in die Ecke gedrängt, wird immer mehr zum reaktionären Kotzbrocken, der seine animalischen Ego-Instinkte feiert. Der Gott des Gemetzels ist ein Schauspiel über die Wirksamkeit von moralischen Affekten und zynischen Ressentiments. Beides keine schönen Rollen.

Fahre ich ökologisch korrekt? Sollten Schwule etwa nicht Kinder adoptieren?

Aber sie prägen die soziale Wirklichkeit. Das, was für das 20. Jahrhundert die Großideologien waren, zu denen sich jeder Bürger zu verhalten hatte und die auch das beschaulichste Leben mit weltanschaulicher Energie aufluden und jeden zu einem Parteigänger machten, das ist heute der Diskurs über politische Korrektheit. Ist das Auto, das ich fahre, ökologisch korrekt? Sollten schwule Paare nicht Kinder adoptieren dürfen ? Kümmert sich die Gesellschaft ausreichend um Transsexuelle? Ist es korrekt, meine Kinder auf eine katholische Privatschule zu schicken, weil in der Schule des eigenen Viertels der Ausländeranteil so hoch ist? Habe ich mir generell über die nachhaltigen Folgen meines eigenen Handelns ausreichend Rechenschaft abgelegt? So lauten die Fragen einer um Korrektheit bemühten Lebensführung. Man kann diesen Diskurs ablehnen, aber man muss sich zu ihm verhalten, denn man wird auf Schritt und Tritt mit ihm konfrontiert.

Deshalb stehen auf der anderen Seite jene, die dieses ganze aufwendige Mobile sittlicher Selbstperformance für reinen Mittelklasse-Lifestyle halten, ersonnen von Hedonisten mit schlechtem Gewissen, die sich vor allem an sich selbst und ihrer eigenen Großartigkeit berauschen wollen. Für seine Gegner ist der Political-Correctness-Diskurs Gesinnungsterror, unter dessen Deckmantel die Gesellschaft geistig gleichgeschaltet werden soll.

Am Begriff der politischen Korrektheit wird die Frage, wie wir leben wollen, mit neuer Schärfe und unbedingter Bereitschaft zur Feindschaft durchgefochten. Nachdem die Emanzipationsbewegungen der Vergangenheit sehr weitgehend die juristische und soziale Gleichheit aller Menschen erkämpft haben, geht es in dieser Auseinandersetzung vor allem um die Gleichheit symbolischer Anerkennung. Die alten sozialen Bewegungen waren gewissermaßen äußerlich und materiell. Jetzt rücken die Bewusstseine und Identitäten ins Zentrum. Jede Lebensform, jede Gruppe, jede Minderheit soll in gleicher Weise im gesellschaftlichen Raum repräsentiert sein und mit Respekt angesprochen werden. Dass Schwulenwitze nicht mehr gehen, ist schon lange klar, natürlich sind auch Blondinenwitze problematisch, wie überhaupt alles zu vermeiden ist, was einen scheinbaren Naturalismus der Körper, Ethnien oder Geschlechter festschreiben könnte. Weg mit der Heteronormativität, jenem antiquierten Konzept, das davon ausging, dass heterosexuelle Männer und Frauen das Normale seien und alle Abweichungen an den Rand und ins Zwielicht abschob. Oder, wie es in dem Stück 1+1=3 der Band FSK heißt: "Warum kann dein Mann nicht lesbisch sein?"

Man muss das höchst gescheite Buch In Anführungszeichen – Glanz und Elend der Political Correctness (Suhrkamp, Berlin 2012; 297 S.; 16 Euro) der österreichischen Kulturjournalisten Matthias Dusini und Thomas Edlinger lesen, um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie umfassend die Gedankenfigur der Political Correctness unsere gesellschaftlichen Selbstverständigungsdebatten prägt. Die Autoren verfügen über ein hohes Maß an begrifflicher Schärfe und analytischem Witz. Zugleich sind sie neugierige Zeitgeist-Beobachter, weshalb sie eine Fülle an lebensweltlichem und feuilletondebattenhaftem Stoff auswerten, um ihr Bild von Political Correctness als wichtigem Dispositiv der moralischen Verteilungskämpfe unserer Gegenwart zu beschreiben. Dabei nehmen sie den moralischen Grundimpuls von PC ernst und verteidigen ihn klug gegen jene Sofahelden, die ihre xenophoben Stammtisch-Brutalitäten adeln, indem sie sich selbst zu Märtyrern der öffentlichen Meinung stilisieren: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

Die Anführungszeichen des Buchtitels sind das orthografische Emblem unserer Übergangszeit. Sie bedeuten: Noch sprechen wir eine Sprache, die von einer eurozentrischen, phallokratischen Grammatik bestimmt ist, weshalb wir viele ihrer Wörter in Anführungszeichen setzen müssen, weil sie nicht mehr auf dem Niveau unserer moralischen Selbstreflexion sind. Wörter wie "Mann" und "Frau" (das sind doch nur soziale Konstruktionen!), aber auch "Wahrheit" oder "Wirklichkeit" werden als Restbestände eines veralteten metaphysischen Denkens nur noch mit spitzen Fingern angefasst. Die Omnipräsenz dieser Form von Distanz-Anführungszeichen erzählt vom Siegeszug eines Diskurses, der aus der symbolischen Ordnung alles vertreiben möchte, was irgendjemanden in seiner individuellen Besonderheit diskriminieren könnte.

Dass Rasse und Geschlecht nur soziale Konstruktionen eines bösen eurozentrischen Heteromannes sind, damit wurde man in den neunziger Jahren nicht nur an deutschen Universitäten sozialisiert. Derlei wirkte damals wie ein innerakademischer Distinktionsdiskurs, den alle nachbeteten, weil er radical chic versprach, der sich aber fernab der Wirklichkeit abspielte. Weit gefehlt. Was vor 20 Jahren hipper Theoriejargon von Judith-Butler-Freaks war, ist längst runtergebrochen in die völlig selbstverständliche Redeweise der Frauenbeauftragten des Betriebsrats. Vor Kurzem erklärte die Universität von Oxford ihre Kleiderordnung, wonach Herren Anzüge, Damen Röcke zur Prüfung zu tragen hätten, für obsolet, weil Transvestiten in diesem Ordnungsschema nicht vorgesehen sind. Ob Diversity-Management, Quotenregelung, Affirmative Actions oder Gender-Beiräte: "Die Institutionalisierung von PC als verbindlicher Handlungs- und Sprachanleitung in unverbindlichen Zeiten schreitet voran", schreiben Dusini und Edlinger.

Hab dich nicht so, davon stirbt man nicht!

Psychohistorisch setzt der PC-Diskurs für die Autoren in dem Moment ein, in dem aus der alten Disziplinargesellschaft die moderne (Selbst-)Kontrollgesellschaft wird. Wo früher das Über-Ich herrschte und den klassischen Zwangsneurotiker hervorbrachte, ist in der postautoritären Gesellschaft das narzisstische Ich-Ideal getreten, dass man sich nicht nur großartig, sondern auch moralisch korrekt fühlen möchte. Das geht aber nur, wenn man die Identitätsansprüche der anderen (fast) ebenso ernst nimmt wie die eigenen. PC ist deshalb im positiven Sinne ein Kommunismus der Achtung und Selbstachtung. Die hochindividualisierte Gesellschaft will niemandem mehr zumuten, sich der Norm der Mehrheitsgesellschaft unterwerfen zu müssen. Dafür nimmt sie ein System der politmoralischen Überregulierung in Kauf, das den symbolisch rücksichtsvollen Umgang mit Differenz zur Leittugend erhebt und in gouvernantenhafter Vorsorge Antidiskriminierungsgesetze erlässt.

Dusini und Edlinger, hochsensible Intellektuelle, die Freude daran haben, jede eigene Einsicht sogleich wieder infrage zu stellen, zeigen nun vor allem eins: Man wird dem Phänomen und seiner philosophisch-politischen Relevanz nicht gerecht, wenn man nur seine Auswüchse ridikülisiert. Die Fragen symbolischer Gerechtigkeit, die der PC-Diskurs aufwirft, mögen oft hysterisch-theatrale Züge tragen, abweisen können wir sie nicht. Dazu sind sie schon zu sehr Teil unserer moralischen DNA. Wenn sich vor 30 Jahren eine Frau darüber beschwerte, dass ihr Chef ihr einen Klaps auf den Hintern gab, konnte man noch antworten: "Hab dich nicht so, davon stirbt man nicht!" Das geht heute nicht mehr. Es gibt nicht einmal mehr ein allgemein verständliches Sprachspiel, innerhalb dessen ein solches Männerverhalten sich rechtfertigen ließe. Diese alte Männerwelt, in der man nach Frauen grapschen durfte und im Büro rauchte und Whiskey trank und die eigene Homosexualität hinter Kraftsprüchen verstecken musste, wird von der Fernsehserie Mad Men liebevoll akribisch rekonstruiert. Mad Men, schreiben Dusini und Edlinger, "markiert in gewisser Weise die historische, heute fast antiquiert erscheinende Situation, in der Political Correctness quasi zwangsläufig erfunden werden musste."

Wie sehr sich die Welt seither gewandelt hat, zeigen die Autoren am Beispiel der Slut-Bewegung, als Frauen 2011 weltweit im "Schlampenoutfit" für die sexuelle Selbstbestimmung demonstrierten : Es sei ihr gutes Recht, halb nackt und superscharf durch die Gegend zu staksen, ohne dass dies von der Männerwelt als erotische Aufforderung gedeutet werden dürfe.

Das narzisstische Selbst hält sich fortwährend für die verfolgte Unschuld

PC-Argumente sind dabei handfeste Waffen im gesellschaftspolitischen Verteilungskampf. Auch das zeigen Dusini und Edlinger sehr genau. Wir leben in einer Zeit, in der man Ansprüche durchsetzt, indem man sich als Opfer definiert – und zwar als Opfer einer Prä-PC-Welt. Kunstsubventionen fließen seit 20 Jahren fast ausschließlich in Projekte, die den "stummen" Opfern von Kolonialismus, Globalisierung und Patriarchat eine Stimme verleihen. Längst haben wir die peinliche Situation, in der es vor Opfern nur so wimmelt, aber keiner mehr ein Täter ist. Darin steckt ein gerüttelt Maß an Hypochondrie und Hypokrisie. Das narzisstische Selbst hält sich fortwährend für die verfolgte Unschuld, trompetet laut seine Ansprüche heraus und verhaftet gerne die anderen (die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft) für die eigenen schlechten Gefühle. Der schwer zu ertragende Umstand, dass man nur das ist, was man ist, wird der diskriminierenden Gewalt der Gesellschaft zugeschrieben, die eben nur den heterosexuellen weißen Mann an die Fleischtöpfe der Macht und des Geldes heranlasse. Wie wohltuend, dass diese Art des Redens seit Obama, Merkel und Gauck zumindest für Schwarze, Frauen und Ossis etwas schwieriger geworden ist.

Natürlich hat der Opfer-Trend auch eine Gegenbewegung hervorgerufen. Mit Patrick Bateman, so Dusini und Edlinger, habe Bret Easton Ellis die perfekt-provokante Antifigur geschaffen: Ein "Souverän von Wall Streets Gnaden, der über Leben und Tod entscheidet und für Gutmenschen nicht einmal mehr Zynismus verspürt (…) Der Ekel-Yuppie kann als reiner Täter gelten, weil er auf der Seite der Macht steht."

Dusini und Edlinger wägen Gewinn und Verlust sehr genau: Obwohl PC fraglos eine gewaltige Konformitätsmaschine ist, hat sie für die Autoren zu einer moralischen Sensibilisierung geführt, hinter die man nicht mehr zurückkönne, weil sie das Problembewusstsein für Identitäten verfeinert habe. Dass der Preis des PC-Regiments oft ein Verlust an Freiheit ist, sehen sie dabei sehr genau: "Der Imperativ der Korrektheit ist eine zumeist freiwillig akzeptierte Zumutung. Im neuen New York leiden die Bürger nicht einfach unter exzessiver Bevormundung einer Stadtregierung, die am liebsten den Salzgehalt von Speisen festlegen würde, sondern sie wählen sie auch."