Leer geräumte weiße Regale mit perforierten Wänden und blauen Leisten. Ein Labyrinth aus engen Gängen, das noch enger wirkt, weil ein zusätzlicher Behälter mit Preisschild im Weg steht. Im Regal Drogerieprodukte, Tuben, Sprühdosen, ein Karton. Und über allem das grelle Licht. Auf diesem Doppelcover ist ein typischer Schlecker-Markt zu sehen. Es ist ein Kunstwerk von Thomas Demand, gestaltet für das ZEITmagazin.

In dieser Woche wurden die letzten Schlecker-Läden geschlossen, die modernen Filialen "Schlecker XL". Sie sollten ein Weg in die Zukunft sein, jetzt sind sie das Ende eines Imperiums. 1975 im schwäbischen Ehingen gegründet, einst Europas größte Handelskette für Pflegeprodukte, zu den besten Zeiten 55.000 Mitarbeiter, seit Anfang des Jahres zahlungsunfähig. Durch "die größte Firmenpleite in der Geschichte der Bundesrepublik", wie die ZEIT die Insolvenz nannte, haben bislang 25.000 Menschen ihren Job verloren , vor allem die "Schlecker-Frauen", jene Kassiererinnen, die oft das einzige Freundliche in den Filialen waren.

Wofür steht das Ende von Schlecker?

Als 1973, vor fast 40 Jahren, die Preisbindung für Drogerieartikel in Deutschland fiel, wurden innerhalb weniger Jahre mehrere Discounter gegründet, Rossmann, dm und Schlecker. Es ging Schlag auf Schlag, insbesondere bei Schlecker: Innerhalb der ersten zwei Jahre wurden 100 Filialen eröffnet, am Ende waren es weltweit 10.000.

Schlecker breitete sich überall aus, dabei war er nicht einmal besonders günstig. Der Discounter war der Feind, der dem Tante-Emma-Laden den Garaus machte. Er war einfach überall, besonders oft in der Nähe von Bushaltestellen. "Wenn Tante Emma nicht mehr ist / und ein Discount den Laden frisst", sang Udo Jürgens 1976.

Der Siegeszug war so umfassend, dass vier Jahrzehnte später die Schlecker-Filiale in kleineren Ortschaften auf dem Land der letzte verbliebene Laden war. Und so kommt es, dass das Symbol Schlecker in diesem Jahr, seinem letzten, neu gedeutet wird. Jetzt ist nicht mehr der Erfolg des Discounters das Problem, sondern sein Misserfolg. Wo sollen nun, fragen Lokalpolitiker, die alten Leute, die nicht mehr Auto fahren, ihre Drogerieprodukte kaufen? Überall in Deutschland hingen in den vergangenen Wochen "Ausverkauf"-Schilder in den Schaufenstern der Schlecker-Filialen. Die schlichten weißen, unverkennbaren Billigregale leerten sich zum letzten Mal.

Ein Fall für Thomas Demand. Der Künstler, Jahrgang 1964, ist dafür bekannt, Bilder von Fotovorlagen aus Papier und Pappe nachzubauen und diese Modelle zu fotografieren. So sehen wir den nachgebauten eines Schlecker-Markts, reduziert auf seine wesentlichen Merkmale, und begreifen, wie sehr sich die Billig-Ästhetik der Drogeriekette in unserer Bilderwelt etabliert hat. Denn eigentlich sind ja nur weiße Regale mit blauen Leisten in grellem Licht zu sehen, kein Logo, keine Schrift.

Warum ist Schlecker gescheitert? Jahrelanges Missmanagement, schlechter Service, schlechte Behandlung der Mitarbeiter, schlechtes Image. Und ein Besitzer, der, wie jetzt herauskam, seiner Frau in den letzten Jahren ein Monatsgehalt von 60.000 Euro zahlte , während die "Schlecker-Frauen" der Arbeitslosigkeit entgegenblickten.

Das Wissen um diese Ungerechtigkeit schwingt mit, wenn wir Demands Kunstwerk betrachten, die Erinnerung daran, wie beklemmend es war, bei Schlecker zwischen den Regalreihen zu stehen und einzukaufen. Die Regale, die leer und leerer wurden, symbolisieren die letzten Tage des Konzerns.

Die Geschichte von Schlecker, das dramatische Ende eines ungeliebten Unternehmens, hinterlässt tiefe Spuren. Thomas Demand, Chronist unserer krisenhaften Zeit, hat das Kunstwerk geschaffen, das uns immer daran erinnern wird.