Riegel trägt T-Shirt, Jeans und Turnschuhe, ein neongelbes Nietenarmband und braun-weiß geringelte Wollsocken. Warum also Computer? Bevor er eine Antwort gibt, überlegt er ein paar Sekunden und spricht dann in druckreifen Sätzen: "Computer funktionieren nach festen Regeln. Sie haben eine klare Struktur und eine logische Sprache." Maschinen sind einfacher zu durchschauen als Menschen. Sie kennen keine Zwischentöne, keine Ironie, keine Gefühle. Computer müssen nicht erst entschlüsselt werden.

Wenn Marko Riegel an Zahlen denkt, dann entstehen in seinem Gehirn große, bunte Ziffern. Die Eins ist schwarz, die Zwei ist weiß, die Drei rot, die Acht gelb, die Neun ist lila. Ziffern besitzen für Riegel auch Eigenschaften. Die gemütliche Fünf, die arrogante Vier. Riegel hat unzählige Geburtstage im Kopf, als bunte Farbknäuel. Daten fräsen sich in sein Gedächtnis ein, viele bleiben für immer.

Marko Riegel ist kein Savant , er gehört nicht zu jenen Ausnahmetalenten, die Kalendertage computerschnell berechnen oder Buchseiten während des Lesens memorieren können, eine mit dem linken und eine mit dem rechten Auge. Inselbegabungen nennen Experten das. Sie liefern die Klischees über Autismus und die Vorlage für Hollywood-Filme wie Rain Man, sind aber in Wirklichkeit äußerst selten. Weltweit sind kaum 100 solcher Fälle bekannt.

Virtuosen sind also die wenigsten Autisten, doch ihre Fähigkeiten sind zunehmend gefragt. Zuallerst dort, wo es viele von ihnen zu geben scheint – unter Computerspezialisten. Der Autismusforscher Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge hat herausgefunden, dass Kinder in Eindhoven, einem Zentrum der IT-Industrie in den Niederlanden, zwei- bis viermal so wahrscheinlich von Autismus betroffen sind wie Kinder in zwei vergleichbaren Städten des Landes. Er hat auch gezeigt, dass Cambridge-Studenten, die Mathematik, Physik oder Ingenieurwesen studieren, mit größerer Wahrscheinlichkeit autistische Verwandte haben als etwa Literaturstudenten. "The Geek Syndrome" nannte das Technologiemagazin Wired Asperger, das Computerfreak-Syndrom.

In Internetkreisen scheint Asperger zum Gencode eines erfolgreichen Unternehmers zu gehören. Der deutschstämmige Silicon-Valley-Investor Peter Thiel bezeichnete die Gründer von Internetfirmen des vergangenen Jahrzehnts einmal "auf eine Weise autistisch". Microsoft-Gründer Bill Gates und Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg werden autistische Züge zugeschrieben. Im Valley kursiert der Witz, das Internet wurde von und für Leute "auf dem Spektrum" erfunden, für Menschen also mit autistischer Störung. Online können sie mit anderen kommunizieren, ohne ihnen gegenüberzutreten. Wer nicht "auf dem Spektrum" ist, ist ein NT, ein Neuro-Typischer. Im Silicon Valley ist Asperger ein Alleinstellungsmerkmal. Eine positive Abgrenzung.

Nicht so in Deutschland. Für Marko Riegel bedeutete Asperger ein Leben lang Ausgrenzung. Schon als kleiner Junge in einer Kleinstadt in Mecklenburg merkt Riegel, dass er anders ist. Er ist ein guter Schüler, Mathe, Physik, Chemie faszinieren ihn. Doch im Sportunterricht wird er gehänselt, weil er Probleme hat, seinen Körper zu koordinieren. Die Mitschüler finden ihn arrogant, weil er sie außerhalb der Schule nicht grüßt. Dabei erkennt Riegel sie bloß nicht wieder, er kann sich keine Gesichter merken, nur Stimmen. Er wundert sich, wie sich die anderen Kinder nachmittags zum Spielen treffen, scheinbar ohne sich vorher verabredet zu haben. "Das ist auf einer Ebene passiert, die ich nicht wahrgenommen habe", sagt Riegel heute. Jede Mimik, jede Geste ist für ihn ein Code, den er mühsam knacken muss. Riegel lernt Gesichter zu lesen wie andere chinesische Zeichen. Wenn die Erwachsenen sagen: "Reiß dich zusammen!", rätselt Riegel, wie man etwas, das entzweigerissen ist, wieder zusammenreißen kann. Redewendungen versteht er wörtlich.

"Das ist keine karitative Veranstaltung, wir sind keine Behindertenwerkstatt"

Wie andere Autisten auch entwickelt Riegel früh ein Lieblingsthema. Manche lernen Zugfahrpläne auswendig, andere wissen alles über Vulkane, fremde Galaxien oder Formel-1-Unfälle. Riegels Hobby sind Funkgeräte. In der Welt der Knöpfe und Codes kann er versinken, sie ist wunderbar logisch: die Rufzeichen, die Begrüßungsformeln, die Abkürzungen. Mit elf wird Riegel DDR-Meister im Hören von Morsezeichen. Er ist stolz, seine Mitschüler finden ihn sonderbar. Nach der Schule geht Riegel zur Bundeswehr nach Lüneburg. Den Wehrdienst empfindet er fast als erholsam. Auch dort gibt es klare Regeln. Riegel repariert kaputte Funkgeräte.

Doch während des Technikstudiums in Rostock gerät seine Welt aus den Fugen. Fremde Stadt, millionenfache Reize, die ungehindert auf ihn einströmen. Riegels Gehirn fehlt ein Filter, der Wichtiges von Unwichtigem trennt. Das Zimmer muss er sich mit einem Mitbewohner teilen. Null Rückzugsraum. Nach zwei Semestern bricht Riegel ab.

Riegel versteht die Menschen nicht. Vielleicht kann man sie studieren, denkt er, und schreibt sich in Leipzig für Kulturwissenschaften, Kommunikation und Soziologie ein. Auch das gerät zum Desaster. Riegel ist völlig überfordert mit der Organisation des Studiums, bricht wieder ab. "Wie ein Kochtopf, dessen Deckel gefährlich wackelt", so beschreibt Riegel das Gefühl von damals. Riegel explodiert nicht, er implodiert. Erst entzünden sich die Mandeln, dann kommen die Depressionen. Irgendwann sind sie so schlimm, dass er in die Psychiatrie muss. Riegel lebt fortan von Sozialhilfe. Er fängt an zu trinken. Unter Leuten, um die Reize zu dämpfen. Allein, um den Stress abzubauen. "Ich wusste nicht mehr, wie es weitergehen soll", erzählt er. Nur an einem Ort fühlt er sich frei: dunkler Raum, dicke Boxen, dumpfer Techno. Auf der Tanzfläche kann er abschalten.

Was stimmt bloß nicht mit mir?, fragt sich Riegel und geht von einem Arzt zum nächsten. Jeder stellt eine andere Diagnose: rezidivierende depressive Episoden, Anpassungsstörung, Verdacht auf Persönlichkeitsstörung. Im Februar 2009 dann die Wahrheit: Asperger-Autismus. "Es war ein Schock, aber auch eine Erleichterung", sagt Marko Riegel. Endlich weiß er, was mit ihm los ist. Endlich gibt es eine Erklärung für das, was ihn anders macht. Was ihn im Leben immer wieder scheitern ließ.

Riegel macht einen Entzug, seit drei Jahren ist er trocken. Aber der Alltag bereitet ihm immer noch Probleme. Telefonieren ist eine Tortur, U-Bahn-Fahren geht nur mit Kopfhörern, Fußballschauen macht ihm Angst. Die wuselnden Spieler, die jubelnden Fans, für Riegel sind das zu viele Emotionen auf einmal.