DIE ZEIT : Herr Hatje, zehn Jahre in Benekes Textmeer: transkribieren, recherchieren... Wie halten Sie, Ihre Mitherausgeberin Ariane Smith und die anderen fünf Kollegen es nur so lange Zeit mit diesem fernen Gast aus? Erscheint er Ihnen denn nicht schon nachts im Traum?

Frank Hatje: Na ja, einigen Kollegen ist das passiert. Wir transkribieren ja nicht nur, sondern forschen zu dem ganzen Korpus, nicht zuletzt zu den Abertausenden von Personen, die auf diesen Seiten auftauchen. Da verbringen wir unsererseits sehr viel Zeit als Gäste im 18., 19. Jahrhundert. Mit Beneke als Begleiter. Er selber schreibt gleich zu Beginn, seine Aufzeichnungen seien quasi für einen Freund bestimmt.

ZEIT: Er hat das Tagebuch ja tatsächlich Freunden überlassen.

Hatje: Das gehörte seinerzeit dazu. Wie man auch Briefe im Freundeskreis herumreichte. Beneke schreibt auf diese Weise halb für sich, halb für andere. Da wird man als Editor über die Jahre tatsächlich sehr vertraut mit ihm und ahnt dann manchmal schon, was jetzt kommt: Gichtanfälle, Reisesehnsucht, der nächste Liebeskummer.

ZEIT: Charlotte...

Hatje: Ja, Charlotte, die Schwester seines Freundes Chaufepié, in die er sich unsterblich verliebt und die entsetzlicherweise mit einem anderen seiner Freunde liiert ist – drei Jahre geht das. Am Ende konnte niemand mehr in unserer Runde den Namen Charlotte hören!

ZEIT: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich in die Handschrift einzulesen?

Hatje: Drei, vier Wochen. Nun bin ich als Historiker ein bisschen geübt im Umgang mit alten Papieren. Beneke hat eine recht leserliche Schrift, die sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Selbst an die orthografischen Seltsamkeiten und grammatikalischen Abweichungen zu heute gewöhnt man sich rasch, auch an die vielen Abkürzungen. Zuletzt liest man es fast wie die eigene Handschrift.

ZEIT: Auch die Geheimschrift?

Hatje: Ja, das war kein Problem. Eine einfache Verschlüsselung. Einfacher jedenfalls als die wechselnden Handschriften der vielen Briefe, die dem Tagebuch beiliegen. Die Geheimschrift benutzt er ohnehin selten, er war kein großer Geheimniskrämer. Meist geht es dann um Freimaurersachen.

ZEIT: Und Erotisches?

Hatje: Selten, und wenn, dann eher zwischen den Zeilen. Kein Vergleich zu Pepys und Boswell. Da ist er schon ganz bürgerliches 19. Jahrhundert.

ZEIT: Wie repräsentativ ist Beneke denn überhaupt für seine Zeit, für das deutsche Bürgertum der Epoche?

Hatje: Beneke ist keine Ausnahmegestalt. Zwar beansprucht er für sich, ein eigenständiger Denker zu sein, schreibt ein persönliches "Glaubenssystem" und philosophische Fragmente. Aber originell ist er nicht. Nur eben immer auf der Höhe der Zeit. Das macht ihn in der Tat sehr repräsentativ. Auch im Politischen. Nehmen Sie seine Haltung zu Napoleon: Zunächst ist er der große Held, der die Errungenschaften der Revolution sichert. Doch spätestens als er sich 1804 zum Kaiser krönt und die Republik verrät, ist er der Teufel. Da bricht Beneke sogar seine Korrespondenz mit Jean Paul ab, weil dieser ihm nicht napoleonfeindlich genug erscheint.

ZEIT: Wird Beneke Nationalist?

Hatje: So weit würde ich nicht gehen. Aber das Journal zeigt sehr schön den Weg vom spätaufklärerischen Patriotismus zum Nationalgedanken. Vor allem aber belegt es eindrucksvoll, dass wir diese Ära des Übergangs von der Aufklärung her lesen müssen bis zur 48er-Revolution – das war ja nicht alles Vorgeschichte des deutschen Kaiserreichs von 1871, wie das später so oft beschrieben wurde. Das Faszinierende dieses Werkes bleibt gerade, dass es uns die Optionen verrät, die Möglichkeiten der Entwicklung. Für uns heute ergibt sich ganz zwangsläufig das eine aus dem anderen...

ZEIT: ...und alles zusammen mündet in den ewigen "deutschen Sonderweg".

Hatje: Bei Beneke können wir erfahren, dass der Weg nicht vorgezeichnet war, dass da Zufälle mitspielten, überraschende Wenden, dass man um Alternativen rang. Er konvertiert ja nicht reflexhaft, wie andere, nach dem napoleonischen Schock, er wird nicht zum Konservativen, zum Monarchisten. Sondern just indem er im Vormärz an seinen republikanischen Idealen festhält, an der alten Verfassung Hamburgs, gerät er in Konflikte mit den Reformern. Das sind dann solche Widersprüche, die in pauschalen Urteilen über "das" deutsche Bürgertum oft untergehen.