DIE ZEIT : Sie haben das Unternehmen 2001 auf den Weg gebracht, und Ihre Stiftung hat es ganz allein finanziert. Was fasziniert Sie persönlich an Ferdinand Beneke?

Jan Philipp Reemtsma: Diese Tagebücher sind ein einzigartiges Dokument auf der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert. Ohne den historischen Zufall eines Menschen, der einen außergewöhnlichen Sinn für Gegenwart hatte, aber auch für den historischen Zeitraum, in dem er lebte, wäre es zu diesem Dokument nicht gekommen.

ZEIT: Und der sich für sich selber interessierte?

Reemtsma: Und der sich in ungewöhnlicher Weise für sich selber interessierte – in der Tat. Übrigens haben ja viele auf diesen Archiv-Schatz hingewiesen, zitiert sei Arno Schmidt: "Ein eigenartiger Mann: seine pedantisch genau geführten Tagebücher sind uns in zahlreichen dicken Mappen noch erhalten: jeden Tag verzeichnet er in seiner kleinen Schrift, mit auch den unbedeutendsten Ereignissen." Und Schmidt zitiert dann einen Zeitgenossen Benekes, der ihn "einen der merkwürdigsten Menschen" nennt, "der mir je vorgekommen ist". Und so haben wir denn in diesen Tagebüchern das ganz unvergleichliche Porträt einer Stadt – Hamburgs eben – in allen möglichen Details ihrer Zeit, und vor allem: nicht auf eine Klasse, eine Schicht begrenzt. In senatorischen Familien verkehrt Beneke und ist tätig als Armenpfleger.

ZEIT: Ein Hamburg-Buch? Wenn man das so hört, könnte man fast schließen: Was geht’s einen Leser in Wien oder Zürich an?

Reemtsma: Was für eine Frage! Lesen wir denn nur noch Bücher, auf deren Seiten wir mit dem Finger zeigen können: "Guck mal, da war ich gestern einkaufen!"? Es ist nicht Ihr Ernst!

ZEIT: Obwohl auch das seinen Reiz hat … Wenn man das Tagebuch als Beitrag zur Geschichte des deutschen Bürgertums nimmt – muss die jetzt umgeschrieben werden?

Reemtsma: Ich überhöre die Anspielung. Nein. Natürlich nicht. Aber vergessen Sie bitte nicht, dass die Geschichte des deutschen Bürgertums von Fachleuten oft mit Rückgriff auf just dieses Dokument geschrieben worden ist. Ferdinand Benekes Tagebücher sind der Forschung bekannt. Sie sind eines der großen Dokumente unserer Geschichtsschreibung – und nun sind sie auch dem zugänglich, der den Weg ins Hamburgische Staatsarchiv nicht tun kann.

ZEIT: Ein Fall für die Welterbeliste der Unesco?

Reemtsma: Nicht immer bekommt eine solche Auszeichnung dem Ausgezeichneten, aber lassen wir das allzu trübe Thema. Also: Warum nicht?

ZEIT: Ein solche Edition ist ohne privates Engagement wie das Ihre in Deutschland nicht mehr möglich. Woher rührt das öffentliche Desinteresse?

Reemtsma: Wenn etwas privat unternommen wird, muss man ja nicht gleich lamentieren, wie groß das Desinteresse bisher gewesen sei. Ein solches Dokument der Öffentlichkeit – über den kleinen Kreis der Fachleute hinaus – zugänglich zu machen ist eben immer wieder etwas, wozu es Privatinitiativen braucht.

ZEIT: Wie soll man dieses Monument lesen? In einem Zug? Schweifend? Als Chronik? Als Roman?

Reemtsma: Natürlich wie man möchte. Wer soll beim Lesen sollen? Aber das Material muss auch danach sein – und das ist es. Man kann es lesen wie einen Tatsachenroman, man kann in ihm blättern, der Historiker kann es für seine Zwecke benutzen, wer mag, kann nun Tag für Tag mit Beneke durch die Jahre gehen. So oder so: Langweilen wird man sich nicht!