Wohnung in bester Krisenlage

Als der Berliner Makler Malcolm McRae um neun Uhr morgens seine E-Mails abruft, sind wieder 50 neue Nachrichten eingetroffen. Vor drei Jahren, als er bei der Immobilienfirma David Borck anfing, waren es an einem gewöhnlichen Morgen nicht einmal halb so viele. Damals bekam Malcom McRae mehr Spam als Anfragen und verkaufte in manchen Monaten gar nichts. Das ist anders, seit die Menschen wegen der Euro-Krise zu ihm kommen: Sie haben Angst um ihre Währung, also stecken sie ihr Geld in Immobilien. Es sind Kunden aus Süddeutschland, aber auch aus Italien und Spanien. McRaes Handy klingelt alle zehn Minuten, nach einer halben Stunde hat er an diesem Dienstagmorgen seine erste Wohnung verkauft.

Der 38-jährige Malcolm McRae ist ein Krisengewinner, auch wenn er das nicht gerne hört. Wie viel er verdient, will er nicht sagen. Es lohnt sich für ihn, so viel lässt er durchblicken. Früher verkaufte er Mitgliedschaften in einer noblen Fitnesskette. Es war die Zeit, als die Fitnessbranche ihre große Zeit erlebte. Als der Boom vorbei war, zog McRae weiter. Er ist nicht der Typ, der einfach nur arbeiten will, er muss sich beweisen. "Ich wollte in eine Branche, in der es keine Grenzen nach oben gibt ."

Seine Firma verkauft heute 30 Prozent mehr Wohnungen als vor zwei Jahren. Vor der Krise brachten viele Kunden einen Architekten zum Besichtigungstermin mit, weil sie wählerisch waren. Sie interessierten sich für die guten Gegenden wie Mitte, Schöneberg, Wilmersdorf, Prenzlauer Berg. Heute fragen sie auch nach Wohnungen in schwierigen Bezirken, in Neukölln und im Wedding.

Es ist kurz nach zehn, McRae eilt zum Auto. Er trägt ein blau-weiß gestreiftes Hemd und Bluejeans, Jackett. Die Kleidung soll ausdrücken: nicht zu lässig, nicht zu abgehoben. Jeder soll sich bei ihm wohlfühlen. Eineinhalb Zimmer im Erdgeschoss, darum wird es gleich gehen. Früher wäre so was ein Ladenhüter gewesen. Die Räume sind dunkel, blickt man aus dem Fenster, schaut man auf ein Baugerüst.

Ein junges Paar wartet vor der Wohnung, er stammt aus Griechenland, sie aus Thailand. Beide haben in den USA studiert, erzählen sie dem Makler. McRae hat gleich ein Gesprächsthema, denn sein Vater ist Amerikaner, seine Mutter Deutsche. Er ist schwarz, sie weiß. McRae wuchs in Deutschland auf und dann in den USA, die Familie zog von Ort zu Ort. "Ich war immer wieder der neue Junge in der Klasse", sagt er. Einer, der nirgendwo richtig dazugehörte. Für die Weißen war er ein Schwarzer, für die Schwarzen ein Weißer.

In Berlin hat McRae gelernt, sich als Vermittler zwischen den Kulturen zu verkaufen – zwischen den Südeuropäern, die Wohnungen kaufen wollen, und den Deutschen, die welche anbieten. "Die Südeuropäer vertrauen mir", sagt er. "Weil ich kein typischer Deutscher bin." In Griechenland, Italien oder Spanien sind Deutsche gerade sehr unbeliebt, wegen Angela Merkels Sparkurs. In der Firma nennen sie McRae, den untypischen Deutschen, "unsere Geheimwaffe".

Warum das Paar eine Eigentumswohnung suche, fragt McRae. "Mein Vater hat Angst, dass sein Erspartes weg ist, wenn bei uns alles zusammenbricht. Deshalb will er uns diese Wohnung kaufen", antwortet der Grieche. McRae nickt. Ausländische Kunden geben ihm oft diese Antwort. "Ich lege mein Geld doch nicht in Aktien an, die morgen nichts mehr wert sind" ist ein Satz, den er täglich hört. McRae will sich in ein paar Monaten auch eine Eigentumswohnung kaufen, bisher wohnt er mit seiner Familie zur Miete. Jetzt hat er ja das Geld dafür.

 150.000 Euro in bar ist keine Seltenheit mehr

Nachmittags um vier muss McRae zu einer Besichtigung in Berlin-Wilmersdorf. Ein Paar aus Luxemburg, ein Berliner, zwei Westdeutsche und ein Ehepaar aus Italien stehen in einer Schlange da, als warteten sie auf ein Sonderangebot. Die Wohnung, um die es geht, ist bereits vermietet. Die sechs suchen eine Kapitalanlage .

Zwanzig Minuten lang drängeln sie sich in der kleinen Zweizimmerwohnung, begutachten die Holzdielen, fragen nach dem Zustand des Daches. McRae preist die abgehängte Decke an, er spricht von niedrigen Heizkosten. Er hat sein Pokerface aufgesetzt. So nennt er das, wenn er in einer Wohnung Schwachstellen schönredet. Eigentlich könnte McRae sich zurücklehnen, die Wohnung geht ja in jedem Fall weg. "Aber ein Stürmer beim Fußball darf sich auch nie zurückfallen lassen", sagt er.

Das Paar aus Italien sucht seit einer Woche nach einer Eigentumswohnung in Berlin. Die beiden haben bereits ein Apartment in Rom und eine Villa an der italienischen Küste. Bis zu 150.000 Euro wollen sie in eine Wohnung in Deutschland investieren. Und sie wollen am liebsten bar bezahlen. McRae sagt, dass immer mehr Kunden das Geld vom Sparkonto abheben, statt einen Kredit aufzunehmen. Sie vertrauen den Banken nicht mehr.

"Alle meine Freunde in Italien fragen mich nach Wohnungen in Berlin. Ob ich ihnen helfen könne, etwas zu finden", sagt die Frau. Es sind vor allem Italiener, die nun in Berlin kaufen. In der Immobilienbranche wird geschätzt, dass sich die Zahl der italienischen Kunden seit dem vergangenen Jahr verdreifacht hat.

Es ist schon Abend, 19 Uhr, als McRae zu seinem letzten Termin fährt. In der Zionskirchstraße, beste Lage in Berlin-Mitte, findet eine offene Besichtigung statt. Insgesamt 29 Eigentumswohnungen, in zwei Häusern. Ein Unternehmerehepaar aus München geduldet sich vor einer der Wohnungstüren. Die beiden interessieren sich für eine Anderthalbzimmerwohnung. Die typische "Fluchtkapitalwohnung", wie McRae das nennt: nicht zu groß, renoviert, gute Lage, Preissteigerung garantiert. Etwa 140.000 Euro soll sie kosten. Vor zwei Jahren hätte er höchstens 100.000 Euro für eine solche Wohnung verlangen können. Dem Unternehmerpaar ist das egal. Wichtig ist ihnen, dass die Wohnung renoviert ist. Würden sie jetzt kaufen, könnten sie schon im nächsten Monat vermieten.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als McRae die letzte Wohnungstür abschließt. Das Unternehmerehepaar aus München hat ihm noch versprochen, dass sie sich bald wieder melden würden, schon morgen früh. McRae hat ihnen geantwortet: "Es gibt noch andere Interessenten. Sie müssen sich schnell entscheiden." Vor der Krise war das bloß ein plumper Trick, um Kunden zum Kauf zu überreden. Jetzt ist es die Wahrheit.