Der Krieg nannte der Fernsehsender Arte einen seiner Themenabende vor einem Jahr. Doch in den Reportagen ging es nicht um bewaffnete Konflikte – es ging um Schule: um klagende Eltern, angegriffene Lehrer, erpresste Schulleiter. Und am Ende stand die Frage: Was ist nur mit den Eltern los?

Eine vom Kinderausstatter Jako-o in Auftrag gegebene Studie bemüht sich, Antworten zu finden. Dafür fragten Meinungsforscher von TNS Emnid 3.000 Eltern von schulpflichtigen Kindern, was sie von den Lehrern halten, von der Schule und vom Bildungssystem. "Es gibt bei einigen Lehrern die Tendenz, Eltern als Störfaktor zu betrachten", sagt der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann, der die Studie zusammen mit seiner Hamburger Kollegin Dagmar Killus begleitet hat. Das müsse sich ändern und die Sichtweise der Eltern stärker in die Diskussion einfließen.

Im Kern lautet das Ergebnis der Studie: Nicht mit den einzelnen Lehrern sind die Eltern unzufrieden, sondern mit dem Schulsystem an sich. 90 Prozent der Eltern halten die Lehrer ihrer Kinder für fachlich kompetent, mehr als 80 Prozent für gerecht und engagiert. 93 Prozent geben an, dass sie bei Problemen mit den Lehrkräften reden können, ohne zu streiten.

Die Studie entwirft ein harmonisches Bild. Aber woher kommt dann die Vorstellung der immer streitlustigeren Eltern? "Die vielen Fälle, in denen Eltern, Lehrer und Schüler gut zurechtkommen, verdichten sich nie in Geschichten", sagt Tillmann. Sprich: Geredet wird meist nur über Konflikte. Zudem zeigt die Studie, dass Eltern sich vor allem dann gut mit den Lehrern verstehen, wenn es für ihr Kind gut läuft. "Es funktioniert, solange keine gravierenden Probleme auftreten", sagt Dagmar Killus. Von den Eltern, die ihr Kind für überfordert halten, finden nur 44 Prozent, dass man mit den Lehrern reden kann, ohne zu streiten. "Offenbar gibt es bei der Gesprächsführung und der Beratungskompetenz noch Verbesserungsbedarf", sagt Killus. Defizite sehen die Eltern zudem bei der Absprache der Lehrer untereinander, bei der Förderung schwächerer Schüler und beim Einsatz neuer Lernmethoden.

Am unzufriedensten zeigten sich die Eltern aber mit dem Schulsystem. Dass im Gegensatz dazu die Lehrer so gut abschneiden, mag daran liegen, dass sich ein abstraktes System leichter kritisieren lässt als eine bekannte Person. Dennoch: "Es gibt quer durch die Elternschaft die Erwartung, dass Schule anders und besser werden sollte", sagt Bildungsforscher Tillmann. 79 Prozent der Eltern lehnen die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ab, 75 Prozent würden die Grundschule auf mindestens sechs Jahre verlängern, 74 Prozent wünschen sich gleiche Bedingungen in allen Bundesländern, und 70 Prozent würden für ihr Kind einen Platz an einer Ganztagsschule bevorzugen. Zudem erwarten Eltern, dass das Sozialverhalten der Kinder gestärkt und schwächere Schüler besonders gefördert werden und dass alle die gleichen Bildungschancen bekommen – Ziele, von denen die Eltern das deutsche Schulsystem weit entfernt sehen.

Gerade bei diesem Thema zeigt sich aber auch, dass Antworten auf allgemeine Fragen per Telefon vorsichtig zu interpretieren sind: Laut Studie halten Eltern Chancengleichheit im Bildungssystem für besonders wichtig – aber auch für besonders dürftig realisiert. Gleichzeitig scheitern Schulreformen, die genau das im Sinn haben, oft am Widerstand von Elterngruppen. "Wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass Leute mit höherem Bildungsgrad eher liberalere Einstellungen bei Bildungsthemen haben", sagt Tillmann. "Aber sobald die Karriereinteressen der eigenen Kinder betroffen sind, kann das ganz schnell kippen." Hans-Peter Vogeler, der Vorsitzende des Bundeselternrates, bestätigt: "Wenn es in der Realität an Entscheidungsgrenzen geht, beginnt ein Windhundrennen, da zählt dann überwiegend das eigene Kind."

In der Studie jedoch präsentieren sich die Eltern als engagierte Partner: Die Mehrheit der Befragten hält sowohl Elternhaus als auch Schule für die Verwirklichung von Erziehungs- und Bildungszielen zuständig. "Hier liegt ein großes Potenzial, das man kanalisieren muss", sagt Studienbegleiterin Dagmar Killus. "Aber es fehlen Konzepte für eine Partnerschaft, die die Eltern einbindet, ohne sie zu überfordern." Aufseiten der Lehrer ist man skeptisch. "Das Elternengagement ist nicht gleichmäßig verteilt", sagt Horst Günther Klitzing, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Umso stärker man die bereitwilligen Eltern einbinde, desto mehr entferne man die anderen vom Schulleben. Bundeselternrat-Vorsitzender Vogeler sieht darin keinen Grund, auf eine engere Zusammenarbeit zu verzichten. Zudem fordert er, Eltern stärker in die Planung des Schulsystems einzubeziehen. "Es werden immer nur fertige Konzepte vorgelegt", sagt Vogeler. Wenn Eltern etwas mitentwickeln könnten, seien die Identifizierung mit dem Ergebnis und damit auch die Zufriedenheit höher. "Das Ergebnis wird besser, wenn man die verschiedenen Sichtweisen miteinbezieht."