Unglaublich! Toll! Großartig!" Der Moderator überschlägt sich vor Begeisterung, als er ihren Auftritt ankündigt. Leichtfüßig, den Oberkörper nach vorne gebeugt, so wie sie es immer tut, schreitet die 49-Jährige im rot-schwarz gefleckten Sommerkleid auf die Bühne. In den Applaus mischen sich Jubelpfiffe. Sie strahlt. Das sind sie, ihre Leute, auf sie kann sie zählen bei ihrem Unterfangen, das die einen ambitioniert, die anderen waghalsig und die dritten unverantwortlich nennen. Sie dankt, gratuliert, mit ihrer unverkennbaren Stimme, die sich ständig leicht überschlägt. Ihre Reden sind trocken Brot, ihre Rhetorik ist eindimensional, sie kennt nur ein Stilmittel: die Anrufung. Auch hier in Spreitenbach, an diesem heißen Donnerstagmorgen, Ende August: "Wir ganz alleine sind verantwortlich, dass es klappt."

Es, das ist die Energiewende. Der Ausstieg aus der Atomenergie. Sie, das ist Doris Leuthard. Die mächtigste Bundesrätin der Schweiz. Auf ihren Schultern ruht ein wesentlicher Teil der Zukunft des Landes.

Ein paar Tage später erscheint die Bundesrätin pünktlich im großen Sitzungssaal an der Kochergasse 10 in Bern. Das also ist sie, die kinderlose Anwältin aus Merenschwand im Aargau. Nach einer politischen Ochsentour als Schul-, Groß- und Nationalrätin, aufreibenden Jahren als CVP-Parteipräsidentin ist sie angekommen: Die Stühle, der Tisch, die Bücher, vieles stammt noch von ihrem Vorgänger Moritz Leuenberger. Die Frau hat offenbar anderes zu tun, als sich um die Inneneinrichtung des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation zu kümmern.

DIE ZEIT : Frau Leuthard, wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie Ihr Lächeln, gepaart mit Ihren Augen, als Waffe einsetzen können?

Doris Leuthard: Meine Ausstrahlung ist wohl ein Vorteil. Es ist nicht schlecht, wenn die Menschen gerne mit einem sprechen. Das allein dürfte ja aber kaum relevant sein.

ZEIT: Sie sind die Älteste von vier Geschwistern. Sie haben drei Brüder. Hat Ihnen dies geholfen, sich in der Männerwelt durchzusetzen?

Leuthard: Als Älteste übernimmt man sowieso Verantwortung. Ob das nun etwas mit dem Geschlecht zu tun hat, weiß ich nicht.

ZEIT: Wie konnte es denn passieren, dass aus einer relativ unscheinbaren Aargauerin eine Schweizer Revolutionärin wurde?

Leuthard: Ich verstehe mich nicht als Revolutionärin.

Die Umweltarena in Spreitenbach ist eine Mischung aus Mustermesse und Technorama. 45 Millionen Franken kostete das schwarze, flunderförmige Gebäude zwischen Shopping Tivoli und Cash-and-carry-Markt. Die Idee dazu hatte Walter Schmid, ein ehemaliger Bauführer, der zum Ökopionier wurde. Er ist der Erfinder von Kompogas.

Welcher Kühlschrank braucht am wenigsten Strom? Was ist die umweltfreundlichste Heizung für mein Haus? Welches Auto verbraucht am wenigsten Benzin? Auf diese Fragen bekommen die Besucher in seiner Arena eine Antwort. Doris Leuthard ist begeistert. Das Umdenken müsse in die Köpfe der Leute, die Technik in ihre Hände, und das nachhaltige Leben dürfe kein Loch ins Portemonnaie reißen: "Vielleicht erkennen sie hier: Die Leuthard spinnt nicht", sagt sie.

TV-Kameras voraus, Radiomikrofone hinterher, zieht die Bundesrätin durch die Ausstellung. In ihrem Schlepptau: Jasmin Staiblin und Heinz Karrer. Sie übernimmt bald den Chefposten beim Energiekonzern Alpiq. Er führt den Konkurrenten Axpo, und gemeinsam besitzen ihre Firmen drei der vier AKWs in der Schweiz. "Sie sind die besten Botschafter für meine Politik", schmeichelt Leuthard den beiden. Ihre Konzerne wollen in den nächsten Jahren Abermillionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien stecken. Aber der Star ist sie selbst: die Magistratin. Die Herren in Anzug und Krawatte, welche alle die klein gewachsene Bundesrätin um einen Kopf überragen, lächeln selig, wenn sie an ihren Stand kommt. "Die macht das schon chäibä gut", murmeln zwei Automanager. Trotzdem, die Bundesrätin hält Distanz. Sie lässt sich nicht auf die Rutschbahn locken, die zeigt, wie aus Reibung Strom entsteht. Sie spielt wie gewünscht mit den Schulkindern eine Runde Autorennbahn, aber die Technik interessiert sie mehr als die Kleinen. Ihre Nähe ist unverbindlich. Sie ist etwas freundlicher, etwas offener, etwas direkter als der reservierte Durchschnittsschweizer und etwas glamouröser als der Durchschnittspolitiker. Aber jovial ist Doris Leuthard nicht.