Die Italien-Woche ist vorbei. Sie könnte aber bald wieder losgehen, so wie die Spanien-Woche oder die Griechenland-Woche. Die hat nie richtig aufgehört, seit sich vor drei Jahren die Nachricht verbreitete, Griechenland stehe vor der Pleite. Damals haben sie bei der Firma Pro Aurum angefangen, die Wochen im Rhythmus der Euro-Krise zu benennen. Weil das Geschäft so gut läuft.

Pro Aurum handelt mit Gold. In den zehn Filialen des Unternehmens können Euro-Skeptiker ihr Papiergeld in Münzen und Barren verwandeln. Metallene Sicherheit für den Fall, dass die europäische Währung bald nichts mehr wert ist. Nie zuvor haben die Deutschen so viel Gold gekauft. Bei der Gründung vor knapp zehn Jahren hatte Pro Aurum drei Mitarbeiter. Heute sind es 130. In den nächsten Tagen werden sie wieder viel zu tun bekommen.

Es ist Draghi-Woche.

Mario Draghi ist Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), das ist seine offizielle Berufsbezeichnung. In keiner Wahlkabine in Deutschland, Frankreich, Italien oder Spanien konnten die Bürger über ihn abstimmen. Draghi wurde ernannt. Trotzdem ist er inzwischen mehr als der Vorsitzende einer Bank. Von ihm wird es abhängen, ob Europa aus der Krise findet.

Man kann die Jahre der europäischen Misere in zwei Phasen einteilen. Anfangs lag die Macht bei der Politik. Die Parlamente stritten über milliardenschwere Kreditprogramme, die Parteien warben für den Rettungskurs, Steuermittel wurden für Krisenländer verplant. Das war Phase eins.

Inzwischen sind die Staatskassen leer, und den Bürgern ist die Lust am Retten vergangen. Phase zwei hat begonnen. Die Herrschaft der EZB.

An diesem Donnerstag wird Mario Draghi der Öffentlichkeit erklären, wie er den Euro retten und die Krise beenden will: Die EZB soll Banken, Versicherungen und anderen Investoren im großen Stil spanische und italienische Staatsanleihen abkaufen. Das soll den Wertverlust der vermeintlichen Schrottpapiere stoppen und den Regierungen in Rom und Madrid die Möglichkeit geben, an den Finanzmärkten neue Kredite aufzunehmen.

Anders gesagt: Draghi wird Geld drucken.

Eine Regierung, die Geld ausgeben will, muss sich den Betrag erst mühsam beschaffen. Sie muss Steuererhöhungen durchsetzen oder an den Finanzmärkten nach Kreditgebern suchen. Eine Zentralbank muss das nicht. Sie erschafft das Geld selbst, aus dem Nichts, per Notenpresse und Mausklick.

Fließt zu viel Geld, ist der Euro vielleicht bald nichts mehr wert

In guten Zeiten müsste die EZB von dieser Möglichkeit kaum Gebrauch machen. Die Unternehmen würden investieren, die Steuereinnahmen fließen. Es wäre genug Geld im Umlauf. Mario Draghi wäre ein nur Experten bekannter Währungsbürokrat.

Jetzt aber, in der zweiten Phase der Euro-Krise, in der noch immer überall Milliarden fehlen, in der die Deutschen und andere reiche Nationen nicht noch mehr Geld für den Süden geben wollen, kommt Draghi eine nie gekannte Macht zu.

Bringt er kein zusätzliches Geld in Umlauf, werden mehrere europäische Staaten und zahlreiche Finanzkonzerne den Bankrott kaum vermeiden können. Es wäre das Ende des Euro.

Druckt er zu viel Geld, dürfte die Pleitewelle ausbleiben. Der Euro wäre noch da, aber er wäre womöglich bald nichts mehr wert. Das ist es, was all jene fürchten, die jetzt ihr Geld in Gold umwandeln.

Jackson Hole ist ein Tal in den Bergen des USBundesstaates Wyoming. Bergsteiger kommen hier vorbei, Snowboarder und, einmal im Jahr: Zentralbanker. Sie gehen reiten, wandern, angeln. Vor allem aber sitzen sie in einem Hotel und diskutieren die immer gleiche Frage: Was müssen wir jetzt tun?

Vergangenen Freitag war es wieder so weit. Ben Bernanke, Präsident der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed), steht am Rednerpult und spricht über die Machtlosigkeit früherer Tage. Damals, im Herbst 1929, als in New York die Börse zusammenbrach, hatten die Zentralbanken kaum Einfluss aufs Geld. Sie durften nur so viel davon in Umlauf bringen, wie sie Edelmetall in ihren Tresoren lagerten. Der Dollar, das Pfund und die Mark waren Gold wert, und Gold kann man nicht drucken.

Genau das war damals das Problem, meint Bernanke. Es gab zu wenig Geld auf der Welt. Geld, das nötig gewesen wäre, um Arbeitsplätze zu schaffen, um zu investieren, um Unternehmen vor dem Konkurs zu retten. Die Zentralbanken konnten nichts daran ändern, sie konnten kein zusätzliches Geld in Umlauf bringen, und so kam es, dass aus einem amerikanischen Börsencrash eine Weltrezession wurde, die bisher schlimmste Krise des Kapitalismus.

Aus Angst, die Geschichte könnte sich wiederholen, hat Bernanke nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 alles unternommen, um die Wirtschaft mit Geld zu versorgen. Er hat für 900 Milliarden Dollar amerikanische Staatsanleihen gekauft, er hat den Banken das Geld zum Nulltarif geliehen. Er hat die gesamte Geldmenge fast verdreifacht.

Als unter dem Eindruck der Katastrophe der dreißiger Jahre ein Staat nach dem anderen den Goldstandard aufhob und den Zentralbanken die Macht über das Geld gab, waren sich die Regierungen bewusst, welche Bedeutung sie den obersten Bankiers zugestanden. Überall, in den USA, in Großbritannien, in Deutschland, wurden Gesetze erlassen, die den Zentralbanken Grenzen setzten: Sie dürfen einerseits frei entscheiden, wie viel Geld sie in Umlauf bringen, ohne politische Kontrolle. Aber sie müssen sich andererseits auf ein einziges Ziel verpflichten: keine Inflation! Die Währung darf nicht wertlos werden, die Preise dürfen nicht zu schnell steigen.

Die Zentralbank sollte immer nur die Inflation bekämpfen. Und jetzt?

Das war der Pakt, den nach dem Zweiten Weltkrieg alle westlichen Staaten mit ihren Zentralbanken schlossen: Macht gegen Selbstbeschränkung. Die Bürokraten sollten, bei allem Einfluss, Bürokraten bleiben. Sie sollten keine Politiker werden.

Dieser Pakt wird jetzt aufgeweicht. In den USA haben die Vorsitzenden der Fed ihre Rolle schon immer freier interpretiert als die Kollegen in Europa. In Frankfurt aber betonten die Spitzen der EZB nach deren Gründung 1998 stets, nur für die Inflationsbekämpfung zuständig zu sein. Damit führten sie die Tradition der Deutschen Bundesbank fort.

Doch das war vor der Euro-Krise. Jörg Asmussen arbeitete damals noch in Berlin.

Fast sein gesamtes bisheriges Berufsleben hat der 46-jährige Ökonom im Bundesfinanzministerium verbracht. Er hat für die Minister Waigel (CSU), Lafontaine (SPD), Eichel (SPD), Steinbrück (SPD) und Schäuble (CDU) gearbeitet, am Ende als Staatssekretär. Sein Metier war die Politik. Jetzt ist er Zentralbanker. Im Januar dieses Jahres wechselte Asmussen ins sechsköpfige Direktorium der EZB.