DIE ZEIT : Das Humangenomprojekt hat schon vor zehn Jahren unser Genom entziffert und die menschlichen Gene erkundet. Jetzt haben Sie und 440 Kollegen im Projekt Encode noch einmal fünf Jahre daran gearbeitet. Wieso eigentlich?

Ewan Birney: Es gehört tatsächlich zu unseren Aufgaben, die Suche nach den Genen zu Ende zu bringen, auch wenn viele Leute denken, das sei längst geschehen. Doch die Gene machen nur einen winzigen Teil der Erbinformation aus. Das große Ziel von Encode war es, herauszufinden, wofür der ganze Rest des Genoms eigentlich gut ist – all die nicht kodierende DNA, die man abschätzig junk nannte, Müll.

ZEIT: Sie scheinen einiges entdeckt zu haben...

Birney: Wir werden mindestens 40 Veröffentlichungen in drei Fachjournalen auf einen Schlag online stellen. Von denen sind 30 durch eine Matrix verlinkt, sodass Leser jeden Aspekt quer verfolgen können. Das hat es noch nie gegeben.

ZEIT: Und was haben Sie nun im Genom gefunden?

Birney: Es steckt voller Überraschungen. Es geht dort viel mehr vor sich, als wir je erwartet haben. Das Erbgut ist voller Aktivität.

ZEIT: Also müssen wir die Idee beerdigen, dass unser Genom zum größten Teil aus Müll besteht?

Birney: So ist es. Junk-DNA war nie eine besonders treffende Metapher, wenn Sie mich fragen. "Die dunkle Materie des Erbguts" finde ich viel besser.

ZEIT: Und wie viel dunkle Materie ist nach Encode im Erbgut noch übrig?

Birney: Man kann nicht sagen: Diesen Teil verstehen wir, jenen Teil nicht. Es gibt zu viele Funktionsebenen im Genom. Aber lassen Sie es mich so sagen: Wir haben nun 80 Prozent aller Erbanlagen einer biologischen Aktivität zugeordnet. Davon kodieren 1,2 Prozent für all die Eiweiße des Körpers, aber weitere 20 Prozent dienen der Steuerung dieser Gene.

ZEIT: Also gut, verstehen wir denn nun, wie das Erbgut funktioniert?

Birney: Leider nicht. Ich wünschte, das wäre so.

ZEIT: Aber wir haben eine Art Schaltplan für unser Erbgut vor Augen?

Birney: Das ist eine ganz gute Analogie. Man kann nur nicht wirklich behaupten, dass unser Genom sauber und ordentlich aussähe. Welch unerforschter Wildnis wir da begegnet sind – das war eine echte Überraschung für mich. Das Erbgut ist ein Dschungel voll seltsamer Kreaturen. Kaum zu fassen, wie dicht es mit Information voll gepackt ist! Wir sind jetzt in der Situation eines Elektrikers, der in einem alten Haus die Elektrik kontrollieren soll und der feststellt: Alle Wände, Decken und Böden sind mit Lichtschaltern gepflastert. Wir müssen herausfinden, wie all diese Schalter mit Licht, Heizung und den Geräten in den Zimmern verbunden sind.

ZEIT: Und was tun die genetischen Schalter in unserem Körper?

Birney: Nehmen Sie Zellen der Haarwurzel. Diese aktivieren Gene, die für die farbigen Pigmente der Haare zuständig sind. Die Leberzellen dagegen zum Beispiel bilden Alkohol-Dehydrogenase, das alkoholabbauende Enzym...

ZEIT: ...hoffentlich!

Birney: Ja. Wir haben immer gewusst, dass die Unterschiede zwischen den Zellen verschiedener Organe und Gewebe durch die Stellung der genetischen Schalter bestimmt werden. Was wir nicht ahnten: Das Genom ist voll von ihnen, wir haben vier Millionen genetische Schalter entdeckt, mit denen Gene gesteuert werden. Man nennt sie Transkriptionsfaktor-Bindungsstellen – Kontaktpunkte zwischen DNA und Steuerproteinen.