Hinter uns liegen 15.000 Kilometer quer durch Europa. Seit wir Berlin verlassen haben, ist viel passiert. Frankreich hat einen neuen Präsidenten, Griechenland wieder eine gewählte Regierung, und wir haben gelernt, dass die Zukunft Europas in den Händen einer ziemlich ahnungslosen Generation liegt.

Zurück zu Kilometer null. Ende 2011 – die Euro-Krise ist Dauerbrenner in den Schlagzeilen – fällt uns auf, wie wenig wir über die Meinungen unserer Altersgenossen in anderen europäischen Ländern wissen. Statt in Sonntagsreden das neue Narrativ Europas zu erdichten, müsste man die Menschen einfach selbst fragen, denken wir uns. Steht unsere Generation überhaupt noch hinter dem europäischen Projekt?

Drei Monate lang bereiten wir uns vor: Übernachtungsplätze bei Freunden organisieren, Videoausrüstung leihen, Projektförderung beantragen, Website einrichten. Mit einer vagen Hypothese, ohne große journalistische Erfahrung und ohne Zusage auf finanzielle Hilfe machen wir uns Ende März schließlich auf den Weg. Nur den Wagen hat uns ein großzügiges Autohaus geliehen. Einige Wochen später wirken die Distanzen zwischen Städten und Ländern kürzer; Europa ist greifbarer geworden, aber seine Zukunft umso schwammiger. Auf dem Rückweg nach Deutschland beginnen wir darüber zu diskutieren, was wir nun eigentlich herausgefunden haben, stöbern in den mehr als 250 Interviewmitschnitten, Videos und flüchtigen Notizen und blicken zurück.

Brüssel ist Pflichtstation auf unserer Reise, auch wenn die Institutionenblase wahrscheinlich wenig mit der europäischen Lebenswirklichkeit zu tun hat. Wir machen trotzdem einen Ausflug ins Europäische Parlament, wo der Büroleiter einer irischen Abgeordneten mit uns eine Führung macht. Seine Zeit ist knapp, und er lässt uns bald allein. Im Weggehen ruft er uns zu: »Ach ja, die Haustelefone an den Wänden sind ganz nützlich. Wenn Sie Abgeordnete interviewen wollen, rufen Sie einfach durch.« Wir telefonieren etwa 30 Büros ab. Ein halbes Dutzend Gespräche springt dabei heraus – und das ohne Presseausweis.

Reisefreiheit und Erasmus sind nicht vom Himmel gefallen

Offensichtlich suchen die Parlamentarier mediale Aufmerksamkeit, dazu reicht ihnen sogar ein studentisches Blog. Überraschenderweise können Abgeordnete wie Libor Rouček überzeugend verkaufen, warum EU-Politik auch der Jugend nicht egal sein sollte: »Reisefreiheit und Erasmus sind nicht vom Himmel gefallen«, erklärt uns der tschechische Sozialdemokrat. Ohne Grenzkontrollen an den Rändern Europas und zentrale Verwaltung gäbe es heute keins von beidem. Und tatsächlich wird das Thema Mobilität zur Standardantwort junger Menschen auf unsere Frage nach den Vorteilen der EU. Rückschlüsse auf die dafür nötige europaweite Politik zieht jedoch kaum einer.

Einen Monat später liegt das westliche Europa hinter uns. In Athen sind wir bei der Karamanlis-Stiftung eingeladen, der politischen Denkfabrik der konservativen Nea Dimokratia. Durch Zufall geraten wir in die Gedenkfeier zum Todestag des alten Konstantin Karamanlis. Er war es, der Griechenland in den 1970ern in die EU führte. Man erklärt uns die anwesenden Persönlichkeiten: Hier der ehemalige Premierminister Kostas Karamanlis, ein Abkömmling derselben Dynastie. Dort Antonis Samaras, inzwischen Regierungschef. Am Grab spricht ein orthodoxer Priester, das Fernsehen ist da. Samaras wird siegesgewiss als nächster Premierminister bezeichnet. Niemand rechnet damals damit, dass es bei der Wahl nicht reichen wird – zu Recht, wie sich bald darauf herausstellt.

Die junge Bevölkerung aber ist die immer gleichen Politiker leid, so unser Eindruck auf der Straße. Sie werfen ihnen Korruption und Machtmissbrauch vor. »Ich weiß nicht, was ich wählen soll. Es ändert sich eh nichts«, meint Gerasimos, ein junger, Arbeit suchender Ingenieur. Bei den Protesten auf dem Syntagma-Platz, die von der Polizei zum Teil brutal niedergeschlagen wurden, war er mit dabei. Ums Steinewerfen ging es ihm dabei nicht, vielmehr darum, seinen Frust zu erklären, sagt er. »Ich sehe ja ein, dass wir Griechen Fehler gemacht haben. Aber etwas ändern können wir nur mit einem echten Politikwechsel. Und der ist nicht in Sicht.« Politiker in Europa scheinen nicht zu merken, wie sie ihre Wähler verlieren, denken wir. Samaras schaffte es im Juni mit Mühe und Not im zweiten Anlauf. Ein umjubelter Volksvertreter sieht anders aus.