Zu den Kuriositäten der Auftaktsendung der Philosophie-Reihe Precht von Richard David Precht, die am Sonntag im ZDF lief, gehörte der Umstand, dass die beiden Diskutanten sich von der ersten Minute bis zur letzten einig waren. Der Moderator Precht und der Hirnforscher Gerald Hüther bestärkten sich in der Annahme, dass unser Schulsystem verrottet und veraltet sei und wir auf eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zusteuern. Ressourcen blieben ungenutzt, abfragbares Wissen werde von oben herab eingetrichtert, statt bei Schülern reformpädagogisch auf Kreativität zu setzen. Precht: "Ist es nicht so, dass, wenn die Schule ein Wirtschaftsunternehmen wäre, sie längst pleite wäre?" Hüther stimmte im ruhigen Duktus, der den Alarmismus notdürftig verdeckte, zu: Wenn Kinder nicht ganz rasch zur unbändigen Lust am Lernen animiert würden, "dann wird es unser Land in Zukunft nicht mehr geben". Der klassische Lehrer habe ausgedient, man brauche "Entfaltungscoaches", um den Untergang dieser Gesellschaft noch irgendwie abzuwenden.

Selten wurden die Gute-Laune-Plastikwörter Kreativität und Kooperation (Gruppenarbeit!) so uncamoufliert mit dem Leistungsgedanken und den Abstiegsängsten unserer Zeit verschmolzen wie in dieser Sendung. Tüchtigkeit und Affirmation sind heute Synonyme – es hat sich schließlich nicht nur in Führungskräfteseminaren herumgesprochen, dass Motivation und eine heitere Stimmung für die Ausbeutung weitaus zweckdienlicher sind als Druck und Peitsche.

Noch im 20. Jahrhundert setzte man mit großer Überzeugung auf Rohrstock, Stechschritt und Frontalunterricht, heute nun auf die Fiktion von Freiwilligkeit. Wir müssen angeblich nichts mehr, wir sollen auch nichts mehr. Wir wollen. Wir wollen interessanterweise all das ganz von selbst, wofür man einst – vorzugsweise in staatlichen Institutionen wie Schulen und Gefängnissen – strafende Bewacher installiert hatte. Wo der Bewacher war, soll heute ich werden. Wer einst Lehrer war, soll Entwicklungscoach werden.

Man hat vor Kurzem aus dieser gesellschaftlichen Entwicklung gar die allerneuesten Volkskrankheiten abgeleitet: Wir leiden an einem Übermaß an Positivität und Affirmation und dementsprechend am Aufmerksamkeitsdefizit beziehungsweise der Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Wo ein blauer Fleck war, soll Nervenzusammenbruch werden.

Sosehr die Sendung von Precht sich in jeder Hinsicht der Affirmation verschrieben hatte, so wenig wollten diese Botschaft offenbar die Kritiker internalisieren. Die Feuilletons und Medienseiten des Landes folgten noch ganz dem Muster des Frontalunterrichts: Man sah, was geliefert wurde, und vergab unisono schlechte Noten. Unverhohlen wurde gar dem früher immer munter bespöttelten Philosophischen Quartett der Moderatoren Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski nachgetrauert, das man für Precht abgesetzt hatte. Lediglich die Publizistin und Philosophin Isolde Charim machte in einem anregenden Artikel in der taz darauf aufmerksam, dass der "Großmeister" (Sloterdijk) von einem "Übersetzer" (Precht) abgelöst wurde und somit das vermeintlich opake Raunen von sanfter Didaktik. Im weitesten Sinne findet also im Übergang von Sloterdijk zu Precht ein Demokratisierungsprozess statt, insofern man diesen etwas rabiat und rabulistisch mit der fortschreitenden Abrüstung von allem gleichsetzt, was auch nur den vagen Eindruck von Elitärem, Dünkelhaftem und Geheimwisserischem hinterlassen könnte.

Sehen auch wir die Sendung versuchsweise affirmativer und konstruktiver: Wohltuend ist der Versuch, das Gespräch nicht durch Einspieler oder Zuschauerinteraktion aufzulockern und auf falsche Munterkeit zu trimmen. Precht ist auf angenehme Weise ganz auf das Gespräch reduziert: zwei Menschen, zwei Barhocker, ein Tisch, ein dunkler Raum. Mehr braucht es ja wirklich nicht für ein philosophisches Gespräch, sofern die Diskutanten sich in ihren Ansichten nicht doppeln und spiegeln.

Die Sendung muss sich rasch dialektisch fortentwickeln. Von der Bejahung zur Negation und vom zustimmenden Nicken zum Disput. Man lernt ja leider am meisten durch Widerspruch.