Carmen Abeyta hat das Schild bis heute vor Augen. Es hing an einem Supermarkt in Greeley, einer kleinen Stadt im Norden des US-Bundesstaates Colorado, wo die Tochter mexikanischer Einwanderer zur Welt kam und ihre Kindheit verbrachte. »Hunde und Mexikaner verboten!«, stand auf dem Schild. In der Kirche herrschte sie der katholische Priester an: »Latinos auf die hinteren Bänke! Vorne sitzen die Weißen!« Und der Lehrer gab ihr eine Ohrfeige, als er sie in der Pause mit einer Freundin Spanisch sprechen hörte. Schließlich traute sich Abeyta nicht einmal mehr, die Tacos ihrer Mutter in die Schule mitzubringen. Nichts sollte darin erinnern, dass sie eine Latina war.

Das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, doch die Erinnerungen werden wieder wach. Seit einem Jahr tobt in Amerika der Wahlkampf , und vor allem die Republikaner und ihr Präsidentschaftskandidat Mitt Romney haben mit Rücksicht auf den starken rechten Flügel ihrer Partei einen derart rabiaten Ton in der Debatte über illegale Einwanderung aus Lateinamerika angeschlagen, dass Leute wie die 66-jährige Abeyta den Eindruck gewinnen, sie seien unerwünscht. Auf einmal ist von »Überfremdung« und der Pflicht zur »Selbstdeportation« die Rede. Und davon, dass sich die Latinos endlich den weißen Amerikanern anpassen müssten.

Es ist geradezu paradox: In diesem politischen Klima, das fatal an den Rassismus der fünfziger und sechziger Jahre erinnert , sind die 21 Millionen Latinos im wahlfähigen Alter nicht nur die Königsmacher, die mit ihren Stimmen entscheiden werden, ob der nächste Präsident Barack Obama oder Mitt Romney heißen wird. Die insgesamt mehr als 50 Millionen Latinos, rund 15 Prozent der Bevölkerung, sind zugleich ein Beleg für die Brüchigkeit des amerikanischen Traums, dieser oft überstrapazierten Verheißung einer besseren Zukunft. In ihrer sozialen Lage gefährdet und in unterschiedlichen Kulturen verwurzelt, stehen sie nicht mehr für jenen Mythos, demzufolge die amerikanische Nation mit jeder Einwanderung neu geboren wird und zu immer neuen Höhen aufsteigt. Im Gegenteil, die Schwierigkeiten und die Andersartigkeit der hispanischen Immigranten demonstrieren beispielhaft den dramatischen Wandel Amerikas, den Abstieg von einer glorreichen Hypermacht zu einer verwundbaren Großmacht. Es ergeht Amerika wie seinen Latinos – und nicht umgekehrt.

Jetzt klopfen auch die Republikaner an die Tür

Vor ein paar Wochen war Barack Obama in der Nähe von Colorado Springs. Er hat Carmen Abeyta die Hand geschüttelt und die gläubige Katholikin in seinen religiösen Beirat berufen. Jetzt klopfen die Republikaner an ihre Tür und ziehen mit ihren Wahlkampftrupps durch die Nachbarschaft, in der ausschließlich Spanisch gesprochen wird und die Menschen überwiegend die Demokraten wählen. Für beide Parteien sind die Latinos plötzlich enorm wichtig geworden, um keine andere Schlüsselgruppe buhlen sie heftiger. Monat für Monat erreichen weitere 50.000 von ihnen das wahlfähige Alter – und dieser Trend wird die nächsten zwanzig Jahre über anhalten. Bei der Präsidentschaftswahl am 6. November sind beide Kandidaten auf Gedeih und Verderb auf die Latino-Stimmen angewiesen. Obama braucht sie, um den drohenden Verlust bei weißen Wählern wettzumachen. Es müssen also nicht nur genauso viele Latinos wie vor vier Jahren wählen gehen, sondern sie müssen auch wieder mit einer Zweidrittelmehrheit für ihn votieren. Romney wiederum kann nur gewinnen, wenn er in dieser Schlüsselgruppe deutlich mehr Zustimmung erhält als jene 27 Prozent, die ihm die Demoskopen derzeit geben.

Die Direktorin des Colorado Latino Forum (CLF) aus Denver hat für beide keine guten Nachrichten. Olivia Mendoza, 38, war selbst als Baby mit ihren Eltern bei Nacht und Nebel über den Rio Grande gekommen. Heute reist sie viel umher und spürt überall Enttäuschung. Die einen sind frustriert, weil Romney die Einwanderungsdebatte aufgeheizt hat, die anderen, weil Obama die Wirtschaftskrise nicht in den Griff bekommt, deren Folgen die Latinos besonders hart treffen. Mendoza fürchtet, etliche könnten am Wahltag zu Hause bleiben.

Zu Beginn von Obamas Präsidentschaft fühlten sich die Latinos mit ihren Belangen gut aufgehoben. Der Neue im Weißen Haus versprach ihnen ein Einwanderungsgesetz , das endlich das Problem der etwa zwölf Millionen illegalen Immigranten lösen sollte. Daraus wurde nichts, aber immerhin stoppte er per Präsidentenerlass die Deportation junger, tüchtiger Leute, die bereits als Kinder in die USA gekommen waren. Und mit der Einführung einer bezahlbaren allgemeinen Krankenversicherung wurde endlich ein gewaltiges Armutsrisiko aus der Welt geschafft, das wie ein Damoklesschwert über ihnen hing. 38 Prozent der Latinos haben keine Versicherung, und allzu oft zerstörte ein Unfall oder eine Krankheit die Hoffnung auf ein Leben in bescheidenem Wohlstand.