Prominentere Unterstützung hat ein Künstler in Nöten nie erlebt. Charlie Chaplin und Leonard Bernstein führten die Proteste in den USA an. Albert Einstein setzte zusammen mit Thomas Mann ein Schreiben an den Staatsanwalt auf, um den Deportationsbeschluss zu stoppen. In Frankreich solidarisierten sich Picasso, Matisse, Cocteau. Die US-Justiz blieb hart. Am 26. März 1948 verließ Hanns Eisler, Komponist, 49 Jahre alt, mit seiner Frau Lou für immer das Land, in dem er Fuß gefasst zu haben glaubte – bezichtigt der Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei und "unamerikanischer Aktivitäten".

Es war weder das erste noch das letzte Mal, dass dieser Mann auf Betonköpfe, auf ideologische Paranoia stieß, und es war auch kein Zufall. Kein anderer Komponist hat sein Tun je so politisch verstanden, ohne sich doch einer Linie zu verpflichten. Dass er der frühen DDR, in der er unglücklich wurde und vor 50 Jahren starb, ihre Hymne schrieb, machte ihn selbst noch nach der Wende als SED-Barden verdächtig. Erst mit Eislers 100. Geburtstag anno 1998 kam so etwas wie eine faire Rezeption in Gang, wenn auch keineswegs eine Renaissance dieses unbequemen, energischen Typen zwischen Avantgarde und Politik.

Sogar die Autorin des neuesten Buches über Hanns Eisler weist eigens darauf hin, "dass das Interesse an einem Künstler nicht mit der persönlichen Überzeugung übereinstimmen muss", und nimmt sich vor, seine Biografie über seine Werke zu erschließen. Wenn heute in einer fürs breitere Publikum verfassten Komponistenbiografie überhaupt ein genauerer Blick auf die Stücke geworfen wird, muss man schon dankbar sein, und Friederike Wißmann betreibt die Analyse mitunter bis auf die Sechzehntelquintole genau, ohne doch Erbsen zu zählen. Hier ist eine Musikwissenschaftlerin, die über den Tellerrand guckt.

So umsichtig sie uns von den Galgenliedern bis zu den Ernsten Gesängen führt (wobei die Einteilung in 14 Kapitel eine Reverenz vor Eislers zentralem Werk 14 Arten den Regen zu beschreiben ist), zu neuen Aufschlüssen stößt der 300-Seiten-Band überwiegend auf biografischem Gelände vor. Hanns Eisler, 1898 in Leipzig als Sohn eines Philosophen aus jüdischer Familie und einer schwäbischen Fleischerstochter geboren, die, so ihr Sohn, "begabter als die ganze Familie zusammen" war, hatte zu seinem Vater ein so distanziertes Verhältnis, dass er selbst dessen Tod nur in Klammern erwähnte.

Als Klassenkämpfer scheint er sich geradezu gegen diesen "sauberen, bürgerlichen Gelehrten" (Eisler) entworfen zu haben – bis hin zur proletarischen Pose. "Zigarette im Mundwinkel, Hände in den Hosentaschen, leicht grölend" verlangt er den Vortrag seines Liedes der Arbeitslosen. Sein nachlässiges Benehmen erzürnte Arnold Schönberg, der den Hochbegabten unterrichtete. Und seine Absage an Natur und Romantik (er ertrug Natur nur hinter Glas und zitierte Wagners Tristan-Akkord zur Vertonung einer Heiratsannonce) trifft sich eigentümlich mit seiner Indifferenz gegenüber allen Familiendingen.

"I am sorry that you have forgotten me and my birthday", schreibt ihm sein kleiner Sohn Georg aus England, wohin es Charlotte, die erste von Eislers drei Ehefrauen, verschlagen hat. Als geistreicher Hansnarr in der Emigrantenszene am Pazifik scheint Eisler mehr Wärme entwickelt zu haben – und notgedrungen auch Sympathie für die "Janusköpfigkeit der Scheinwelt Hollywoods", wie Wißmann die potente Filmindustrie etwas naserümpfend abtut. Eisler verdiente ganz gut als Filmkomponist, nicht nur, wenn er für Meisterwerke wie Fritz Langs Anti-NS-Film Auch Henker sterben die Musik lieferte.

Er schuf auch Reklamesounds für die amerikanische Ölindustrie, und für einen lukrativen Piratenfilm ließ er zu Bert Brechts Entsetzen sogar die New Yorker Premiere von Furcht und Elend des Dritten Reiches (mit Eislers Bühnenmusik) sausen. Man hätte gern erfahren, wieweit Eisler in seinen kommerziellen Arbeiten die Gedanken ignorierte, die er mit Theodor W. Adorno im gemeinsamen Buch Composing for the Films zusammengetragen hatte. Er selbst sprach jedenfalls von "Unsinn, Schwachsinn etc.", wie Jürgen Schebera in seiner unübertroffen materialreichen Biografie von 1998 schreibt.

Eingehender befasst sich Wißmann mit dem politischen Komponisten. Seine linken Kampflieder waren so griffig, dass auch die Nazis gern Motive daraus klauten, und seine Ästhetik des Widerstands summierte er – ohne Auftrag – in jener Deutschen Sinfonie, in der "die Arbeiterklasse selbst ihre Stimme" erheben sollte. Der "Freund-Feind-Rhetorik" der Soli und Chöre sei unsere Zeit mit "subtileren Strategien" voraus, meint Wißmann höflich. Indessen hatte Eisler selbst mit fotografisch präzisen Kantaten zu Texten von Ignazio Silone schon längst Maßstäbe für eine politische Musik ohne Belehrungsästhetik gesetzt.

Und mit seinem Libretto zur Oper Johann Faustus artikulierte er, aus den USA in die DDR geraten, das Unbehagen des Remigranten so abgründig, dialektisch, in den Worten von Thomas Mann so "wunderartig-merkwürdig", dass den Funktionären mulmig wurde. Wie er schon wieder Anhörungen ausgesetzt ist, wie die Komposition verhindert wird, das schildert Friederike Wißmann derart kundig und engagiert, dass neben dem Porträt des Künstlers als alternder Mann auch eines der frühen, schon vergifteten DDR entsteht. So folgt das spannendste Kapitel des Buches einem Werk, das Hanns Eisler nie komponieren durfte.