Plötzlich wurde das Gerücht zur Gewissheit: Ja, so räumte ÖVP-Chef und Vizekanzler Michael Spindelegger bei seinem großen Fernsehauftritt zu Wochenbeginn ein, er habe tatsächlich den Plan verfolgt, in einem großen Postenringelspiel vom Außenministerium in das ungleich bedeutsamere Finanzressort zu wechseln und Maria Fekter, die gegenwärtige Chefin des Ministeriums, als Fraktionsführerin in das Parlament abzudrängen. Das hatte er zuvor tagelang trotzig abgestritten. Die Idee war schließlich an gezielten Indiskretionen und parteiinternem Widerstand gescheitert. Nun dreht sich die Diskussion darum, wer demnächst Spindelegger an der Parteispitze ablösen und als schwarzer Spitzenkandidat in die nächste Nationalratswahl gehen könnte.

Doch was bewog den farblosen Niederösterreicher, derart tollkühn mit Ämtern zu jonglieren? Die Antwort dazu könnte in Berlin liegen. Die Vorgeschichte zu Spindeleggers Pleitenummer spielt auf der europäischen Bühne. Seit geraumer Zeit beschäftigt den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble die Nachfolge von Jean-Claude Juncker als Vorsitzender der Euro-Gruppe, also jenes Gremiums, das die angeschlagene Gemeinschaftswährung aus der Krise manövrieren soll. Der polyglotte Luxemburger ist gesundheitlich schwer gehandicapt, nicht nur die Deutschen beklagen, dass er seiner Führungsfunktion nicht mehr so kraftvoll wie früher nachkommt. Ursprünglich plante die Berliner Regierung, Schäuble selbst sollte den wichtigen Posten übernehmen. Doch nach seiner Wahl zum französischen Präsidenten im Mai legte der Sozialist François Hollande sein Veto gegen dieses Vorhaben ein und war nicht mehr umzustimmen.

Als Alternative kam nun ein Kandidat aus einem stabilen Kleinstaat der Euro-Zone ins Spiel. Ein Finne ist nur schwer vorstellbar, da der EU-Kommissar bereits von Helsinki gestellt wird. Gegen einen Niederländer sprachen die befürchteten Erfolge der Rechtspopulisten bei den bevorstehenden Parlamentswahlen. Bleibt Österreich. Allerdings scheint Schäuble, bei dem die Fäden zusammenlaufen, der amtierenden Finanzministerin Fekter jegliche soziale Intelligenz abzusprechen. Zu schnippisch klingt sie in seinen Ohren, zudem könnten mitunter die Simultanübersetzer bei Sitzungen ihrem oberösterreichischen Fachvortrag nicht folgen. Da sie mit der gegenwärtigen Führungscrew der Volkspartei nur wenig vertraut sind, sondierten die Berliner Christdemokraten bei Gewährsleuten aus früheren Tagen. Unter anderem sollen der ehemalige ÖVP-Chef Erhard Busek oder die Ex-Außenministerin Ursula Plassnik mit der Frage kontaktiert worden sein, ob ein Wechsel der Führung im Wiener Finanzressort vorstellbar sei. Es sei heftig zwischen Berlin und Wien telefoniert worden, heißt es bei den Strippenziehern.

Und wohl nicht allzu diskret. Für Michael Spindelegger bot sich plötzlich die Chance, als möglicher Chef der Euro-Gruppe seine Ausgangschancen bei den nächsten Wahlen deutlich zu verbessern, sollte es ihm zuvor gelingen, sich selbst an die Spitze des Finanzministeriums zu befördern. Gegen einen Mann von derart internationalem Ansehen und Gewicht müsste ein Provinzkanzler Werner Faymann zwangsläufig verblassen. Ehrgeiz ist aber oft ein schlechter Berater: Mit seinem Theaterdonner gegen die griechischen Finanzsünder nahm sich Spindelegger im August bereits wieder aus dem Rennen, bevor er überhaupt noch hatte antreten können. Unbeholfene Kraftlackelei zählt derzeit im Kreis des Euro-Konsortiums zu den besonders schlechten Manieren.

Dennoch muss sich Spindelegger auf gutem Weg zu lichter Höhe gewähnt haben. Doch schon beim ersten Steilanstieg während des Symposions im Tiroler Bergdorf Alpbach verlor er auf dem intriganten Terrain in diesem ÖVP-Biotop den Halt und kullerte zurück in die Realität seiner Partei. 2013 werde das Jahr der Volkspartei, prophezeite der Gescheiterte im ORF. Alles andere seien böse Gerüchte. Aber die werden ja mitunter zur bitteren Gewissheit.