Man muss sich nicht stundenlang in der Umkleide einer Unterwäscheabteilung verstecken, um herauszufinden, was Frauen von einem BH erwarten. Man kann es sich im Grunde auch denken: Ein BH muss die Brüste halten. Wenn er dazu noch nicht zwickt, fein aussieht und in der Maschine gewaschen werden kann, ist er sofort ein Lieblingsstück. Oder? Wer sich wirklich mal für eine Weile in der Umkleide einer Unterwäscheabteilung versteckt, erfährt, dass alles ganz anders ist als gedacht. Frauen kaufen überhaupt keine BHs mehr. Sie kaufen nur noch BF. Büstenformer.

Die bestehen zwar auch noch aus Trägern und haben hinten Ösen, aber vorn ist kein Körbchen aus dünnem Stoff eingenäht, sondern eine Schale aus Schaumstoff: ein Cup, der selbst unangezogen immer die gleiche Form behält. Diese BF sind nicht mehr dazu da, die Brüste, wie sie sind, zu stützen, sondern neue Brüste zu modellieren. Da wählt man den BH nicht mehr nach Größe und Form der eigenen Brust aus, sondern nach der Silhouette, die man gerne hätte. Die neuen BF sind so gut gepolstert und gepaddet, dass sie die Form wahren. Egal, was drinliegt. Selbst dann, wenn gar nichts drinliegt. Der Wäschehersteller Hema warb zuletzt mit dem männlichen Model Andrej Pejic für seinen neuen Hartschalen-BH. Pejic trug für die Kampagne ein rotes, hautenges Abendkleid und zwei runde Brüste in Größe B-Cup. Hema meint offenbar, damit einen Coup gelandet zu haben: Was kann denn ein Büstenhalter noch mehr leisten, als dort, wo gar keine Brust ist, so überzeugend eine zu simulieren?

Und es funktioniert. Das Produkt verkauft sich hervorragend. Spitze, durchsichtige Stoffe, Balconette-BHs, die die Brüste präsentieren wie in einer Auslage, so was kaufen nur Männer, sagt Adelinde Dilz. Länger als sie verkauft in Deutschland niemand Dessous. Vor knapp 60 Jahren fing sie an, noch heute steht sie jeden Tag in ihrem Geschäft in München . Wonach Frauen fragen, sind BF. Oder, wie Dilz sagt, »gemoldete« BHs.

Früher war alles anders: Erfunden wurde der BH vermutlich im 15. Jahrhundert. Vor einigen Jahren entdeckten Handwerker beim Umbau eines Schlosses in Osttirol vier Büstenhalter in einem Zwischenstockwerk. Ein Radiokarbontest hat gezeigt: Getragen wurden sie zwischen 1440 und 1485. Es sind Leinenleibchen, die bis zu Taille gehen, mit eingenähten Körbchen aus Stoff und zwei angenähten Trägern. Die Form der Brüste wurde damit noch nicht verändert. Es ging hier lediglich um den höheren Sitz, der der Trägerin Entlastung bringt, weil weniger Spannung auf der Haut ist.

»Form folgt Funktion« hieß es, als Adelinde Dilz 1953 anfing, BHs zu verkaufen. Sie erinnert sich noch genau an die Innovationen der Jahrzehnte. In den Fünfzigern wurden erstmals BHs aus Baumwolle angeboten, die endlich nicht mehr so kratzten. Das nächste große Ding waren BHs aus Stretch, die tauchten aber erst in den achtziger Jahren auf. In den Neunzigern kamen die kräftigen Farben, vorher, sagt Dilz, habe es fast nur schwarze, weiße und lachsfarbene Unterwäsche gegeben.

Inzwischen werden Brüste prall geformt

Über die Jahre wurden die BHs weicher, leichter, schöner, haltbarer, bequemer, passgenauer und bunter, aber die Funktion blieb gleich: Entlastung. Die Form der Körbchen war immer angepasst an die natürliche Form von Brüsten. Zur Brustwarze hin zulaufend. Madonna hat diese Silhouette der Frau 1990 auf die Spitze getrieben: mit dem weltbekannten Kegelbustier von Jean Paul Gaultier , das sie während ihrer Blond Ambition Tour trug.

Inzwischen werden die Brüste nicht mehr in ihrer natürlichen Form aufbewahrt, sondern prall geformt. Ob nun klein oder groß, sehen Brüste in den formgebenden BHs immer aus wie aufgepustet, sind plötzlich oben so rund wie unten, wo sie aufliegen, mittig platziert und naht- und dellenfrei. Kurz: Sie sehen aus, als wäre darunter das immer gleiche Silikonmodell, direkt aus dem Katalog eines Chirurgen. Mit der wahren Form unoperierter Brüste haben sie kaum mehr was zu tun.

Wie verbreitet die unnatürliche Brustsilhouette ist, zeigt sich daran, dass jungen Menschen unter 20 nun schon Bildergalerien »normaler Brüste« präsentiert werden. Wo die Jugendzeitschrift Bravo früher noch gut gelaunt Masturbationstipps gegeben hätte, ist der Ansatz inzwischen klar therapeutisch: »Hier kannst Du sehen, wie unterschiedlich Brüste ohne BH aussehen können.« Dazu der Hinweis: »Jeder Busen ist schön.« Damit man sich keine Sorgen machen muss.

Ist der verstärkte Cup also Ausdruck einer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper? Und das allumschließende schaumstoffgepolsterte Körbchen für viele vor allem eine Alternative zur schmerzvollen Brustoperation? Geht es hier um Prallheit zum Umschnallen?

Adelinde Dilz, die jeden Tag mit Frauen über ihr Körpergefühl spricht, kennt noch einen anderen Grund für den Erfolg verstärkter Cups als diesen. Manche schätzten die verstärkte Mulde als Versteck. Darin ist jede Brustwarze, die sich aufstellt, sicher, es gibt kein unkontrolliertes Wippen, kein Hüpfen, kein Verrutschen. Man sieht von außen keine echten Brüste, nur die immer gleiche Standardsilhouette. Das entlastet. Zwar nicht physisch, aber psychisch. Denn was immer gleich aussieht, bekommt weniger ungewollte Aufmerksamkeit.