Eine Villa an der Côte d’Azur, irgendwann letzten Sommer. Man feiert ein großes Fest, das Dinner ist beendet, jetzt wird getanzt. Tatiana Santo Domingo, 28, Milliardärstochter aus Kolumbien und bald Schwiegertochter von Caroline von Monaco, verfängt sich immer wieder im Saum ihres giftgrünen langen Bustierkleids. "Schneiden wir’s ab!", ruft ihr Giambattista Valli zu. Er lässt sich eine Schere bringen, kniet auf dem Boden nieder und setzt entschlossen zum Schnitt an. Wenig später ist das Kleid vorn kurz, hinten ein bisschen länger und, wie ein Festgast später sagt, sehr cool.

Die Lässigkeit, mit der er aus dem Stand eine von ihm selbst entworfene Robe kappt, ist typisch für Valli. Der 45-Jährige arbeitet nicht darauf hin, seine Entwürfe irgendwann im Museum hinter Glas ausgestellt zu sehen. Er spielt in der Modewelt ganz oben mit, aber der Spaß an der Sache scheint ihm genauso wichtig zu sein wie der Erfolg. Valli hat sein Label vor acht Jahren in Paris gegründet und führt es seither allein. Das ist selten in der Modewelt, wo inzwischen fast alle Marken von großen Firmengruppen übernommen wurden und Umsatz hauptsächlich mit Parfums und Accessoires gemacht wird. Sein Name findet sich in keinem Duty-free-Shop. Und dennoch wurde er zum Lieblingsdesigner des Jetsets. Wie hat er das geschafft?

Vallis Mode ist bekannt für ihre ausgefallenen Silhouetten und Proportionen. Sie schafft Volumen an unerwarteten Stellen: Da gibt es Blusen, die am Leib sehr luftig geschnitten sind und an den Armen hauteng, bauschige Applikationen an Schultern und Hüften, Jacken mit hängenden, runden Rückenpartien. Letztere sehen aus, als habe oben jemand Luft hineingepumpt, was optisch zu einer sehr schmalen Taille führt. Anfangs fühlten sich Modekritiker von diesen Jacken an den buckligen Glöckner von Notre-Dame erinnert. Heute vergleicht man sie mit den grafischen Silhouetten von Cristobal Balenciaga.

Eine Frau wie ein Baum: Giambattista Vallis spielt mit ungewöhnlichen Proportionen.

Valli spielt mit Volumen, etwa durch den Kontrast luftig flatternder Capes und eng anliegender Kleider. Zu Beginn seiner Karriere gab ihm Joe Boitano, einflussreicher Manager des New Yorker Kaufhauses Saks, einen Tipp. Wenn er Erfolg haben wolle, müsse er Kleidung entwerfen, die Mütter und Töchter gleichermaßen tragen könnten – in unterschiedlichen Interpretationen. Den Ratschlag hat sich Valli offenbar zu Herzen genommen, seine Entwürfe kommen bei allen Generationen an und erfordern keine genormten Körpermaße.

Sein Hauptquartier hat Valli unweit der Place de la Madeleine, in einem prachtvollen Gebäude, in dem im 17. Jahrhundert der Komponist Jean-Baptiste Lully – Inbegriff üppiger französischer Barockmusik und wie Valli ein Italiener in Paris – wohnte. Im Erdgeschoss befindet sich die Boutique, die man leicht übersieht, weil die Schaufenster fast leer sind und sich der Eingang abseits der Straße in einer Passage befindet. Valli mag es diskret. Durch die Büroräume im ersten Stock geht es hinauf ins Designstudio, wo etliche Stoffmuster auf dem Boden ausgebreitet liegen. Eine Treppe höher arbeiten zwei Näher. Dann führt eine letzte steile Treppe unter das Dach. Hier hat sich Giambattista Valli sein kleines Büro eingerichtet, eine Art Höhle: Dachbalken, eine schwarze Wand, Vintagemöbel und dunkelgrauer Teppichboden. Es ist sehr ruhig, die knatternden Mofas auf den Straßen des sommerlichen Paris scheinen weit entfernt.

Valli sitzt am Schreibtisch, vor ihm ein Papier, auf das er gelegentlich mit einem goldenen Edding Formen kritzelt. Wie fast alle Designer hat er, was den eigenen Kleidungsstil betrifft, über die Jahre eine Art Uniform entwickelt: schwarzes T- oder Sweatshirt, schwarze Jeans, weiße Sneakers – dazu eine Kette aus dicken Perlen. Wenn er lacht, und das tut er oft im Gespräch, zeigt Valli eine Reihe schneeweißer, makelloser Zähne.

Er sei der einzige Designer, der schamlos glückliche Kleidung entwerfe, hat die New York Times kürzlich über ihn geschrieben. Unapologetically happy clothes. Das gefällt Valli, die Zähne blitzen. Er sagt: "Ich bin ein glücklicher Mensch. Superaufgeschlossen und superfroh." Er entwirft Kleidung für das Dolce Vita, das er selber gerne führt.

Ein traumhaftes Abendkleid darf lustig aussehen, findet Valli. Dafür liebt ihn der Jetset.

Als er vor 15 Jahren nach Paris zog, habe es ein paar Probleme gegeben, erzählt Valli. Die Leute hätten sich ein bisschen vor seiner Leidenschaft und seinem Enthusiasmus gefürchtet. Proust und Satie hätten ihm geholfen, sich mit den Parisern anzufreunden – mit ihren Launen und dem Wetter in der französischen Hauptstadt. "Ich wurde im Sommer in Rom geboren", steht auf der Website des Designers, und der ungewöhnliche Hinweis auf die Jahreszeit klingt wie eine Erklärung für sein sonniges Gemüt. Überhaupt spielen die römische Herkunft und die Familie eine große Rolle. Eben war er wieder dort, um die goldene Hochzeit seiner Eltern zu feiern (die Mutter trug natürlich ein Kleid aus Vallis Linie, irgendwas Älteres, das er kaum erkannt hat). "Rom ist zeitlos und sehr eklektisch. Dasselbe will ich mit meiner Mode erreichen: Kleidung entwerfen, die keinen Trends unterworfen ist." Und dann sagt er etwas Überraschendes für einen Designer der Upperclass: "In Rom gibt es keine Klassenunterschiede, jeder spricht mit jedem. Das war die beste Ausbildung, die ich je hatte." Doch wenn man sich eine Weile mit Valli beschäftigt, passt es ins Bild: Anders als Karl Lagerfeld oder Giorgio Armani hält er nicht wie ein Sonnenkönig Hof.