ZEITmagazin: Frau Simmons, Ihr Unternehmen ist jung, aber schon tragen Berühmtheiten, die schönsten Frauen der Welt, Ihre Entwürfe. Sie sind eine der wenigen Frauen unter den Schuhdesignern. Es ist eine Männerdomäne – Manolo Blahnik, Christian Louboutin. Haben Sie den Eindruck, es gibt einen weiblichen Ansatz beim Entwerfen von Schuhen?

Tabitha Simmons: Wenn ich als Frau einen Schuh entwerfe, denke ich daran, wie es sich anfühlt, den Schuh auch zu tragen. Frauen denken eher an den Tragekomfort.

ZEITmagazin: Ihre Schuhe sind sehr verspielt, Sie arbeiten viel mit Sternchen, Blumen, Punkten, Schnallen und Riemen. Aber Ihre Schuhe haben meistens auch wirklich sehr hohe, spitze Absätze. Nach Tragekomfort sehen sie eigentlich nicht aus…

Simmons: Wenn ich Schuhe entwerfe, gehe ich von meiner eigenen Situation aus: Ich habe zwei Söhne, denen ich hinterherrennen, und einen Job, in dem ich den ganzen Tag stehen muss. Ich führe ein sehr aktives Leben, und da ist es wichtig, Schuhe zu tragen, die mir das ermöglichen. Komfort ist extrem wichtig für mich. Frauen sollten in Schuhen alles machen können. Bei mir hat jeder Schuh vorn in der Sohle ein winziges Plateau eingearbeitet. So sieht der Schuh höher aus, als er in Wahrheit ist. Außerdem füttern wir die Sohlen und verwenden dabei ein sehr weiches Leder, das nicht auf die Füße drückt. Und wir achten natürlich auch auf die gesamte Konstruktion des Schuhs. Die Achse zwischen Ferse und Zehen darf nicht zu steil sein, damit die Balance stimmt.

ZEITmagazin: Was ist das denn eigentlich immer mit den hohen Schuhen? Warum tragen Frauen so gern Absätze?

Simmons: Wie auch immer eine Frau aussehen mag – meine Erfahrung ist, dass sie sich einfach attraktiver und auch selbstsicherer fühlt, wenn sie hohe Schuhe trägt.

ZEITmagazin: Aber wie kann man sich attraktiv fühlen, wenn man auf hohen Schuhen nur trippeln kann und die Füße schmerzen?

Simmons: Ich persönlich würde keine Schuhe tragen, in denen mir die Füße wehtun, und ich glaube, das ist es, wonach Frauen heute suchen. Keine Frau will die Straße entlanglaufen und das Gefühl haben, ihre Schuhe ausziehen zu müssen.

ZEITmagazin: Man könnte ja auch einfach flache Schuhe anziehen. Finden Sie, dass das genauso elegant und weiblich aussehen kann?

Simmons: Aber sicher! Viele großartige Frauen, Stilikonen, haben doch flache Schuhe getragen und sahen extrem schick aus. Um nur ein paar zu nennen: Coco Chanel, Audrey Hepburn, Grace Coddington, die Kreativdirektorin der amerikanischen Vogue.

ZEITmagazin: Viele Frauen kaufen lieber Schuhe als Kleidung. Warum ist das so?

Simmons: Frauen haben eine gute Beziehung zu Schuhen, weil Schuhe zu jedem Körpertyp passen. Dadurch ist die Auswahl größer. Der ganze Kauf- und Anprobeprozess ist viel angenehmer. Einige Läden haben inzwischen schon richtige Schuhsalons und Lounges eingerichtet, in denen man bequem, auf großen Sofas sitzend, Schuhe anprobieren kann. Das ist ein anderes Gefühl, als in einer engen Umkleidekabine zu stehen und im Spiegel gnadenlos jeden Makel vorgehalten zu bekommen. Ich werde beim Kleiderkauf damit konfrontiert, was mir an meinem Körper nicht gefällt. Dieses Gefühl hat man bei Schuhen nicht, und deswegen kaufen wir sie lieber als Kleidung, als alles andere.

ZEITmagazin: Wie schön: der Fuß also als eine der wenigen komplexfreien Zonen des weiblichen Körpers.

Simmons: Es gibt andererseits leider immer noch genug Frauen, die ihre Füße nicht mögen.

ZEITmagazin: Müssen Schuhe denn auch zur Figur passen, wie ein Kleid oder eine Jeans?

Simmons: Es geht ja eigentlich nur um den Fuß. Ich finde, da gibt es keine Regeln. Ich sehe Frauen verschiedenster Kleidergrößen in meinen Schuhen. Wobei: Wenn eine Frau dicke Beine hat, ist ein Stiefel mit Stretch-Schaft wahrscheinlich nicht der ideale Schuh für sie. Aber ich überlege mir eher, was für einen Lebensstil meine Trägerin hat, als dass ich mir vorstelle, wie ihre Figur aussieht. Schuhe sind extrem wichtig für ein Outfit, sie bestimmen am Ende die gesamte Aussage eines Looks. Eine Frau steht auf Pfennigabsätzen ganz anders als auf einem Plateau. Man kann ein sehr einfaches Kleid anziehen, und jedes Paar Schuhe erzählt dazu eine andere Geschichte. Das Kleid wird sozusagen durch den Schuh recycelt.

ZEITmagazin: Gibt es Schuhformen, die Sie bevorzugen?

Simmons: Gerade tendiere ich eher zu spitzen Schuhen als zu runden Formen. Und ich stehe nicht mehr so auf diese mächtigen Plateausohlen, die gerade sehr in Mode waren.

ZEITmagazin: Wie viel Paar Schuhe besitzen Sie?

Simmons: So um die 400 Paar.