Bloß fort von hier, bloß weg, so weit wie irgend möglich! Immer schon träumte Wenzel Hablik von der Ferne. Auf wandgroßen Leinwänden malte er sich den Kosmos aus, in Leuchteblau und mit lauter murmelbunten Planeten. Ein anderes Mal erfand er eine Wohnsiedlung, eine fliegende! Und zeichnete sie auf, als Riesenbrummkreisel, der "alle halbe Jahre im Wasser badend" durch die Sphären gleitet. Das normale Leben hier unten erschien Hablik zu eng und schrecklich unfrei. Er hoffte auf Höheres, auf eine neue Welt. Und landete wo? In Itzehoe.

Hier, in dem Städtchen zwischen Hamburg und Husum, kann man dem Irrwisch bis heute begegnen. Einem Künstler, der es noch einmal wissen wollte. Der alles wissen wollte. Und weil ihm der Kosmos dort oben verwehrt blieb, durchstöberte er den irdischen Kosmos bis in den letzten Winkel, formte ihn aus in seinem Sinne. Am Ende hatte sich Wenzel Hablik (1881 bis 1934) seine eigene Welt erschaffen, seine Wenzel-Wunderkammer.

Itzehoe dankt es ihm bis heute gebührend. Gleich neben dem Rathaus hat sie Hablik ein schönes Kaufmannshaus mit knarrenden Dielen als Museum eingerichtet. Hier verwahrt eine Stiftung das überbordende Vermächtnis, hier taucht man ein in die versponnen-bunte Sammlung aus exotischen Schnecken, den vielen Sofas und Schränken, einer ufoartigen Messingdose, den Grafiken und Gemälden, den Besteck- und Geschirrkollektionen, den Tapeten, Wandbehängen, Ohrringen, alles selbst gefertigt. Und wer sich für Bergkristalle interessiert, sich gar für ihre entrückend-utopische Wirkung begeistern kann, der ist hier erst recht und bestens aufgehoben.

Wenzel kam aus Böhmen, dort hatte ihn der Vater zum Tischler ausgebildet, später studierte er in Wien, bis ihn ein Stipendium gen Norden ziehen ließ und er auf sein Schicksal traf: den Holzhändler Biel aus Itzehoe, der ihn mit vielen Aufträgen versorgte, und auf Elisabeth Lindemann, die seine Frau werden sollte. Gemeinsam bauten sie eine florierende Handweberei auf, ohne die sich die beiden ihr kregles Künstlerleben kaum hätten leisten können.

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Denn obwohl Hablik seine Bilder schon früh in Hamburg und Berlin ausstellen konnte, obwohl ihn zudem viele namhafte Zeitgenossen schätzten, Arthur Schnitzler ebenso wie Walter Gropius, blieb ihm der Durchbruch verwehrt. Nie durfte er bauen, was er so gern gebaut hätte, kein Bergwipfel fand sich, auf dem er seine Kristallhäuser für eine neue Gesellschaft hätte errichten können. Überhaupt hatte sich spätestens nach dem Ersten Weltkrieg alle utopische Schwärmerei erledigt.

Doch blieb Hablik vielen Idealen treu, im Kleinen zumindest. Er igelte sich nicht ein in seinen schrillen Interieurs, sondern zog mit Tirolerhut und roten Kniestrümpfen durch Itzehoe und verstand es, noch die s-turs-ten Hols-teiner für sich zu gewinnen. Ob Glaser, Schreiner oder Schlosser, er band sie ein in seine Arbeit. Und hin und wieder bekam er sogar einen Auftrag aus der Region, hier ein Restaurant, dort ein Wohnzimmer. Während in Dessau das Bauhaus entstand, lebte Hablik sein eigenes Bauhaus, sehr farbenfroh und ganz unmissionarisch. Sein Traum von der Ferne erfüllte sich, in norddeutscher Enge.