Es gibt Dinge, die man als aufstrebender Popstar tunlichst vermeiden sollte. Wattierte Schultern etwa oder Keyboardburgen, Konzeptalben sowie singende Saxofone. Nur bedingt zu empfehlen ist auch dunkle Kleidung: Nach dem soundsovielten Spätestexistenzialismus-Revival aus der New Yorker Mülltonne kommuniziert sich das einfach nicht mehr. Zu den sieben Todsünden des Rock’n’Roll gehört auch die Schüchternheit. Sei heiß oder kalt, wenn du lauwarm bist, wird der Herrgott dich ausspucken, lautet das Gesetz. Man kann aber natürlich auch alles falsch und genau deshalb richtig machen.

Auftritt The xx aus London: Unfassbar, was diese drei Fast-noch-Teenager an goldenen Geschäftsregeln brechen. Sie saufen nicht, sie koksen nicht, sie kotzen nicht fremden Leuten vor die Füße. Wo andere Schlagzeilen machen, geben The xx sich auf eine provozierende Weise verhaltensunauffällig. Sie tragen ausschließlich dezentes Schwarz und scheinen auch sonst etwas lichtscheu. Auf den wenigen Fotos, die es gibt, blicken sie traumverloren, als sei ausgerechnet die Geistesabwesenheit ihr bevorzugter Bewusstseinszustand. Eigentlich dürfte es diese Band gar nicht geben. Doch es gibt sie nicht nur, sie ist die Sensation des Herbstes.

Gewaltig, das Raunen, das dem Erscheinen des zweiten The-xx-Albums Coexist vorausgeht. Kein Netzforum ohne Vorabexpertise, kein Blog, das nicht in höchsten Tönen auf das Ereignis einstimmte – in gewohnter Enthemmung feiert die Popwelt ihr nächstes großes Ding. Die Nachfrage so gewaltig, dass die Interviewreise der Band einer kleinen Welttournee gleicht, gestern war Finnland, davor Japan und morgen kommt Australien an die Reihe. Es ist, als sei im Dschungel popkultureller Sumpfblüten doch noch einmal ein Pflänzchen gesprießt, das die Neugier aller geweckt hat und das nun mit wissenschaftlichem Eifer unters Mikroskop genommen wird. Eigentümlich unberührt von der ganzen Aufregung ringsumher scheint allein das Trio selbst.

Sie rauchen nicht, sie koksen nicht, sie kotzen niemandem vor die Füße

Da sitzen sie nun, die Helden der Saison, und geben sich not impressed. Klar, die Erwartungen seien da, sagt Bassist Oliver Sim. Trotzdem sei die Stimmung im Studio entspannt gewesen, so Gitarristin Romy Madley Croft. Jamie "xx" Smith, für Beats und Computerprogramme zuständig, sagt am liebsten gar nichts. Er nickt nur hin und wieder unter seiner Haartolle hervor. Ein reizendes Bild, so im Ensemble: Oliver ist der Aufgeschlossene, der, statt ins Leere zu starren wie die anderen beiden, ab und zu sogar einen offenen Blick riskiert. Romy wirkt mit ihrer Ponyfrisur so zerbrechlich, dass man ihr spontan über den Kopf streichen möchte, und Jamie gibt den Nerd, der mit der Außenwelt bevorzugt per Software kommuniziert. Das an sich wäre noch nichts Besonderes, blasse Twens hat die Welt genug gesehen. Das Geheimnis liegt woanders. Wie sie so dahocken, hingekuschelt in die Polster einer Berliner Hotelsuite, strahlen die drei eine Verschworenheit aus, in deren Bannkreis man sich automatisch als Eindringling fühlt.

ZEIT ONLINE Rekorder: The XX The XX spielen: "Islands"

Nicht dass ihre britische Zurückhaltung unhöflich daherkäme, im Gegenteil: The xx sind die höflichsten Menschen, die man sich nur denken kann. Wie aufmerksam sie zuhören und jedes Wort abwägen! Wie geschwisterlich sie sich ihre Parts aufteilen! Wie zärtlich Oliver über seine Mom spricht, die ihn als Kind zu Rockfestivals mitnahm! Wer Fernseher aus dem Fenster fliegen sehen möchte, ist hier falsch. Viel eher haben die drei etwas von Minderjährigen, die an den Tisch der Erwachsenen gebeten wurden, wo sie artig Rede und Antwort stehen, obwohl sie ansonsten in Geheimsprache miteinander verkehren. Und doch sind sie keine Streber. Gerade in der Nonchalance liegt ihr Abwehrzauber: Wo die einschlägigen Rüpelrocker leicht zu durchschauen sind, machen The xx allen Einordnungsversuchen einen Strich durch die Rechnung.

Dabei schien auf den ersten Blick doch alles so schön aufzugehen. Als vor drei Jahren das Debütalbum in die Szene platzte , war viel von dem schlichten X auf schwarzem Grund die Rede, mit dem das Cover perforiert war: X wie in Ausixen, Weglassen, Durchstreichen. Zum Überraschungserfolg hatte beigetragen, dass er der Sehnsucht nach Antizyklik entgegenkam: endlich einmal keine dieser überhitzten Produktionen aus dem Sampling-Labor, die alles vermengen, bis vor lauter Zutaten nur noch Matsch zu erkennen ist. Stattdessen klare, reduzierte, somnambul über den Dingen schwebende Klänge. Zusammen mit dem programmatischen Bandnamen ließ das einen Trend erhoffen, zu dem die Stichworte rasch bei der Hand waren: Minimal Soul, Emo-Goth, Post-Dubstep. Wahr ist: Die Musik von The xx funktioniert wie ein Entrümpelungsprogramm: Was nicht unbedingt sein muss, fliegt raus. Ansonsten besteht der Trend allenfalls darin, sich Trends zu verweigern.