Er hat Richard von Weizsäcker und Günther Jauch zusammengebracht, den ehrwürdigsten der Bundespräsidenten und den beliebtesten der Talkmaster, dazu fast zwei Dutzend anderer Prominenter, aber Norbert Lammert sagt: "Da ist kein Einziger darunter, den man zur Unterschrift bewegen musste." Die meisten drängte das Anliegen selbst, wie etwa Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière: "Wir werden auf der Welt eher weniger Christen, da sollten wir institutionell zusammenstehen."

23 Prominente haben ihren Namen unter einen Appell gesetzt, der mit einem Bibelzitat beginnt, Epheser 4, Vers 3–6, einer Art frühem Aufruf zur Einheit aller Christen. Das für sich ist bemerkenswert, denn keiner der Unterzeichner ist Pfarrer oder Priester. "Wir haben den Eindruck, dass viele Gläubige heute weiter sind als manche Theologen", sagt Lammert, Katholik und Bundestagspräsident, "sie wünschen die Einheit von Katholiken und Protestanten und sind auch bereit, dafür etwas zu tun." Offensichtlich sei, dass katholische und evangelische Christen viel mehr verbinde als unterscheide, heißt die zentrale Passage des Appells. Und, ja, es gebe Unterschiede zwischen beiden Kirchen. "Entscheidend ist jedoch, dass diese Unterschiede die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen."

Wem das noch nicht deutlich genug ist, der muss nur Lammerts Vize als Parlamentspräsident fragen. "Das ist ein Dokument unserer Ungeduld!", ruft Wolfgang Thierse, auch er Katholik. "Wir sind ungeduldig mit den Befriedungsformeln, dem lärmenden Stillstand, den gegenseitigen Schuldzuweisungen." Lammert sekundiert: "Mich nervt, wie erkennbar viele Anläufe zu mehr Ökumene ewig neu und ewig folgenlos bleiben." Und Frank-Walter Steinmeier, Protestant und SPD-Fraktionschef, ergänzt: "Ökumene muss den Ort der Inszenierung verlassen." Und so nahmen die Initiatoren ein kleines katholisches und ein großes evangelisches Jubiläum zum Anlass für ihre Forderung "Ökumene Jetzt!": 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil im Jahr 2012 und 500 Jahre Reformation im Jahr 2017. "Zwei Haupteinwände gab es gegen den Text", erzählt Lammert: "Er sei zu katholisch. Und: Er sei zu evangelisch."

Was aber fordern die versammelten Christen genau? "Ich weiß, dass das Manko dieses Manifests ist, dass es nicht konkret sagt, was die nächsten Schritte sind", gesteht einer der Unterzeichner. Und in der Tat fehlt in dem Text jede Forderung, die Anstoß erregen könnte. Sollten sich die Katholiken zum gemeinsamen Abendmahl durchringen, wie es viele Gläubige wünschen? Könnten die Protestanten nicht den Papst als geistiges Oberhaupt der Christenheit anerkennen (wenn er denn im Gegenzug auf seine hierarchische Macht verzichtete), wie es schon mancher evangelische Theologe angedacht hat? Keine dieser wechselseitigen Zumutungen findet sich in dem Appell. Das ist umso erstaunlicher, als die Adressaten nicht Bischöfe oder der Papst sein sollen, sondern die kirchlich engagierte Öffentlichkeit.

Allenfalls eine Art verschleierter Aufruf zum innerkirchlichen Wagemut lässt sich aus den Zeilen herauslesen. "Ökumene muss Teil des Alltagsbewusstseins tätiger Christen werden", fordert Steinmeier. Soll da diskret die Freude an der Rebellion angestachelt werden? "Vor Ort in den Gemeinden ist vieles möglich, ohne dass es dafür die ausdrückliche Zustimmung der Kirchenleitungen geben muss", formuliert Norbert Lammert listig. Doch zum großen U-Wort, dem demonstrativen Ungehorsam, dem sich eine stetig wachsende Schar katholischer Pfarrer verschrieben hat, hält man sorgsam Distanz. "Eine Attacke auf die verfasste Kirche, das bringt doch nichts", meint ein Unterzeichner. Lammert und Co. zählen lieber auf die Gläubigen, die sich unter www.oekumene-jetzt.de dem Appell anschließen können. Deutlicher zu werden bleibt den einzelnen Unterzeichnern überlassen. "Ich wünsche mir einen gnädigeren Umgang mit gemischt konfessionellen Ehen und mit Geschiedenen", sagt etwa der Protestant de Maizière.

"Was dem einen schon zu weit geht, ist dem anderen noch lange nicht deutlich genug", rechtfertigt Lammert die diplomatische Zurückhaltung. Der Mann weiß, wovon er spricht. Anfang 2011 hatte er gemeinsam mit CDU-Honoratioren von Bernhard Vogel bis Erwin Teufel ein Überdenken des Zölibats gefordert – und war von seiner Kirche zum Teil rüde in die Schranken gewiesen worden. Wenn Laien aktiv werden, ist eben das Risiko immer asymmetrisch verteilt: Den Protestanten ist oft ein anerkennendes Schulterklopfen ihrer Kirche sicher, den Katholiken klopft dagegen rasch der Bischofsstab aufs Haupt. Was werden die Bischöfe diesmal sagen, Herr Lammert? "Dem sehe ich mit Demut entgegen."