Zihad ist der erste Syrer, den ich in meinem Leben treffe. Ich bin für ihn die erste Israelin. Als Israelin höre ich von Syrien nur in Verbindung mit Terror und Gewalt. Wir freuten uns, jemanden aus unserer neuen Wohngegend kennenzulernen: Schöppingen im Münsterland, wo ich für zwei Monate ein Künstlerstipendium erhalten hatte.

An jenem Abend hatte ich eine Mission: Alkohol für eine Party besorgen. Auf dem Weg zum Dönerladen traf ich Zihad und seinen Freund Diyar. Zihad sagte mir, dass es im Dönerladen keinen Alkohol gebe, weil die Besitzer gläubige Muslime seien. In der nächsten Pizzeria, dort müsse es Bier und Zigaretten geben. Als wir gemeinsam zur Pizzeria am Ende der Straße liefen, erzählten mir Zihad und Diyar, dass sie erst vor zwei Wochen in Deutschland angekommen seien und im Asylbewerberheim in Schöppingen wohnten. Er sei Kurde, betonte Zihad, »kein Araber«.

»Woher kommst du?«, fragte er dann. Jeder Israeli kennt das: Soll ich sagen, dass ich Israelin bin, oder nicht? Das gilt besonders, wenn man auf Muslime trifft. Es kann hitzige Diskussionen auslösen. Manchmal sage ich einfach, dass ich Russin sei, da meine Eltern nach Israel auswanderten, als ich fünf Jahre alt war. Dieses Mal aber entschied ich mich, die Wahrheit zu sagen. »Israelin«, sagte ich und ging vom Schlimmsten aus.

Es geschah nichts. Zihad war nur neugierig und hatte viele, sehr viele Fragen.

Noch vor einem Jahr war Zihad offiziell staatenlos, obwohl seine gesamte Familie über Generationen in Syrien lebt. Als Hafis al-Assad 1970 an die Macht kam, entschied er, einige Kurden aus dem Melderegister zu streichen. Als der syrische Aufstand vor einem Jahr begann, versuchte nun sein Sohn Baschar, die Unterstützung der Kurden zu bekommen, indem er ihnen Personalausweise und damit eine Identität gab. Dieser Personalausweis hat es Zihad ermöglicht, Syrien zu verlassen.

Die Geschichte seiner Flucht ist lang und kompliziert. Er hatte Glück, schaffte es schnell nach Deutschland. Andere, die er kennt, brauchten mehr als ein Jahr, um aus Syrien zu entkommen. Nur Gott weiß, wie viele Menschen auf dem Weg zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken sind.

Zihad erzählt mir von seinem Volk, den Kurden, ihren iranischen Wurzeln, ihrer Sprache, der Diaspora, dem historischen Kurdistan zwischen der Türkei, Iran, Irak und Syrien und den dort vorkommenden Religionen. Er erzählt mir von Muslimen, Sufis, Jesiden, Parsen und Christen. »Und Juden«, ergänze ich. Über 200000 jüdische Kurden kamen nach 1948 nach Israel. Juden und Kurden haben viele Gemeinsamkeiten. Sie teilen die Erfahrung der Verfolgung; beide kämpfen für einen unabhängigen Staat. Dann müssen Zihad und Diyar zurück in ihr Asylbewerberheim.