Kevin Pezzoni, Defensivspieler des Fußball-Zweitligisten 1. FC Köln, macht jetzt Urlaub vom Psychoterror. Auf einer Facebook-Seite "Kevin Pezzoni und Co. aufmischen" ergötzten sich angebliche Vereinsfreunde an Gewaltfantasien. Die "Ratte" gehöre in den "Steinbruch", schrieb einer, ein anderer forderte, man solle ihm die "Beine brechen", alles in der Anonymität des Internets, versteht sich. Tatsächlich wurde Pezzoni das Nasenbein gebrochen, im Karneval. Vor Kurzem klingelten Fans an seiner Wohnungstür und kündigten ihm Prügel an. An seinem Auto hingen Zettel mit Drohungen.

Am vergangenen Samstag hat sich der 1. FC Köln offiziell von ihm getrennt – es ging nicht mehr. Pezzoni konnte für Köln nicht mehr spielen. Damit er sich einen neuen Arbeitgeber suchen kann, musste sein Vertrag vor Ablauf der Transferfrist aufgelöst werden. Die Trennung war unumgänglich; so sahen es offenbar alle Beteiligten.

Die Hetzjagd eskalierte in einer Phase, in der viele FC-Fans schon wieder ihren Frieden mit dem Team geschlossen hatten, das zuletzt aus der Ersten Liga abgestiegen war. Die neue Saison begann mit einem Fehlstart, und doch hörten die meisten Spieler am Zaun aufmunternde Worte.

"Zumindest galt das für zehn von elf", berichtet ein Spieler. "Kevin wurde wüst beschimpft und einmal am Zaun sogar angespuckt." Besagter Spieler möchte nicht namentlich zitiert werden, zu groß ist die Angst vor dem Mob, der in der vergangenen Saison nach Niederlagen noch in den Morgenstunden am Kölner Vereinsheim auf die Rückkehr des Mannschaftsbusses wartete, um den vermeintlichen Versagern die Hölle heiß zu machen.

Gut möglich, sagt der Spieler, dass die Wüteriche Helfershelfer innerhalb des Vereins haben: "Letzte Saison stand vier Wochen lang die Polizei vor meiner Wohnungstür. Aus der Geschäftsstelle sei die Liste mit den Privatadressen der Spieler verschwunden und in die Hände gewaltbereiter Fans gelangt."

In Köln, sagt der Spieler, kenne man nur Extreme: "Lukas Podolski war heiliger als der Dom, die anderen wurden so sehr beschimpft, wie Lukas vergöttert wurde." Am heftigsten traf es Pezzoni, von dem neutrale Beobachter sagen, dass er weder außerordentlich schnell noch außerordentlich gut sei – ein grundsolider Spieler eben.

Die Täter, heißt es in Köln, seien im Umfeld der Ultras zu suchen. Als Ultras gelten Anhänger, die ihre Hingabe an den Verein als Lebensaufgabe begreifen. Meist sind sie friedlich, vielerorts haben sie den Stadionalltag belebt. Allerdings sehen sie sich gern als einzig wahre Hüter der Klub-Tradition. Sie sind stolz darauf, jeden Euro in die Unterstützung des Vereins zu investieren. Ihre Liebe zum Klub lasse sich von immateriellen Werten leiten, nicht von Kommerz- und Karrieredenken. Genau das unterstellen sie den Spielern, den Offiziellen, dem Trainer. Für sie sind die Angestellten "Söldner", die heute hier und morgen dort Dienst tun und nicht wie sie selbst "unser ganzes Leben, unsere ganze Kraft" (Fan-Gesang) dem Verein verschrieben haben. Daraus erklärt sich ihre verächtliche Sicht auf die eigenen Spieler.

Und so vollzieht sich Spieltag für Spieltag ein unwürdiges Ritual. Spieler der unterlegenen Mannschaft schleichen mit gesenkten Köpfen in Richtung jener Stadionkurve, in der die eigenen Fans stehen. Wenn die Fans der Ansicht sind, dass die Mannschaft nicht genug gezeigt habe, feuern sie ein Arsenal an Beschimpfungen, Verwünschungen und Flüchen ab. Zuweilen fliegt Spucke. Vae victis – in vielen Kurven herrscht eine Mentalität wie im Circus Maximus.

Wer als Spieler nichts bringt, wird mancherorts bestraft: 2008 hoben Dresdner Fans elf Gräber aus und garnierten sie mit Holzkreuzen. In Berlin stürmten in der vergangenen Saison 200 schwarz gekleidete Ultra-Fans das Trainingsgelände von Hertha BSC und beschimpften die Spieler. In Köln blickten die Spieler eines Morgens auf Werbebanden, die über Nacht besprüht worden waren: "Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot."

Grotesk ist eine Anekdote aus Italien. Nach einer Niederlage gegen den AC Siena forderten Ultras des CFC Genua am 22. April 2012 die eigenen Spieler dazu auf, ihre Trikots auszuziehen und ihrer Kurve als Tribut zu übergeben. Die Kurve fand, dass die Spieler es nicht wert seien, das Vereinswappen zu tragen. Die CFC-Spieler taten wie befohlen.

"Eine vergleichbare Geste der Unterwerfung unter das Diktat gewaltbereiter Fans ist aus dem europäischen Fußballbetrieb nicht bekannt", schrieb die FAZ damals.

Das hat sich vergangene Woche geändert.