Said Nashif und Yadin Kaufmann müssten eigentlich Feinde sein. Doch der Palästinenser und der Israeli haben gemeinsam einen Private-Equity-Fonds namens Sadara Ventures gegründet. Ziel und Zweck: Er soll palästinensische IT-Firmen mit Startkapital versorgen. Beziehungsweise, wie Nashif es mit einem Augenzwinkern zusammenfasst: »Rendite und Weltfrieden« bringen. Der Plan könnte aufgehen.

Private-Equity-Fonds sind hierzulande schon als »Heuschrecken« beschimpft worden. Für solche Finanzvehikel wird abseits der Börsen Kapital bei Investoren eingeworben und dieses dann in Unternehmen investiert. Die Fonds sichern sich ein Mitspracherecht im Management – und peitschen die Unternehmen aggressiv in Richtung Wachstum. Gelingt das Investment, werden die Anteile später renditeträchtig verkauft. Glaubt man Nashif, ist das genau das richtige Konzept, um Palästinas Wirtschaft vom Entwicklungshilfe-Tropf der internationalen Gemeinschaft abzunabeln.

Die Zuschuss-Politik sei einer der Hauptgründe, warum die Misere in den Palästinensergebieten anhält, glaubt Nashif. Zwar wurden Milliardensummen in die wirtschaftlich abgeschlagene Krisenregion gepumpt, gleichzeitig seien aber keinerlei unternehmerische Forderungen an die Empfänger gestellt worden. »Dieser Ansatz ist gescheitert«, sagt der 42-Jährige.

Und sein eigener Ansatz? Ein Investmentfonds, der ausgerechnet zwei verfeindete Nachbarn zusammenzubringen versucht? Nashif gibt zu, da seien Menschen, die aus Prinzip nicht mit einem Israeli zusammenarbeiten würden. »Es gibt auch Unternehmer, die gern mit uns zusammenarbeiten würden, sich aber nicht trauen, weil sie um ihre Reputation fürchten.« Das Freund-Feind-Denken ist tief verankert in der Region.

Nashif hat das lange Zeit schulterzuckend hingenommen: »Dir wird von klein auf eingeimpft, mit wem du sprechen, mit wem du Geschäfte machen darfst und mit wem nicht.« Punkt. Aus. Widerstand zwecklos.

1987 aber erweckte die erste Intifada, der palästinensische Aufstand gegen die israelische Besatzung, Nashif aus seinem Fatalismus. Mehr als zweitausend Menschen starben damals. Nashif jobbte zu der Zeit in einem Hotel in Jerusalem, hatte täglich Kontakt zu Muslimen, Juden und Christen. Hin- und hergerissen zwischen der Solidarität zu Freunden und Familie und der Erkenntnis, dass dies nicht sein Konflikt sei. Der junge Araber zog in die USA.

Sein Partner Kaufmann kam zu diesem Zeitpunkt gerade erst im Nahen Osten an. Der Sohn jüdischer Eltern aus New York suchte nach einem Abenteuer. Er wurde Teilhaber an Israels erstem Wagniskapitalfonds, mehr als ein Dutzend Firmen begleitete Kaufmann in den folgenden Jahren von der ersten Idee bis zum Börsengang an der US-Technologiebörse Nasdaq. Einige von Kaufmanns frühen Investments notieren mittlerweile mit einem Börsenwert von über einer Milliarde Dollar.

Nach einigen Jahren im US-Exil – einem Tankstellenjob, einem Informatikstudium, einer kurzen Episode bei Microsoft und zwei kleinen Firmengründungen – kehrte Nashif im Jahr 2006 in seine Heimat zurück. Er war überrascht: Hunderte von Kleinunternehmen waren in der Zwischenzeit im Westjordanland entstanden. Nashif stieg ein: Er warb Aufträge von US-Firmen ein, die eigentlich nach Osteuropa gehen sollten, und ließ sie von palästinensischen Programmierern bearbeiten. »Das lief in den ersten Monaten holprig«, erinnert er sich. Aber dann kamen die Erfolge. Im Vergleich zu den entwickelten Märkten könne in Palästina tatsächlich für ein Drittel der Kosten programmiert werden, sagt er.

Ein gemeinsamer Bekannter führte die beiden Unternehmer 2008 schließlich zusammen. Den israelischen Finanzexperten und den arabischen Start-up-Unternehmer.

Knapp 30 Millionen Dollar hat der Fonds eingesammelt. Und in wenigen Wochen sollen die ersten beiden Deals abgeschlossen werden: Eine Internetfirma und ein Unternehmen, das Anwendungen für Mobiltelefone programmiert, sollen vom palästinensisch-israelischen Fonds mit Wagniskapital ausgestattet werden.

Kaufmann hofft sogar schon, dass sich der Aufstieg Israels zur IT-Macht, nur wenige Kilometer weiter westlich, in Palästina wiederholen könne. »Wir haben hier gut ausgebildete junge Menschen, die darauf brennen, etwas zu verändern.« Die palästinensischen Entwickler profitierten von der Nähe zu den israelischen Entwicklern. Und der Markt für IT-Dienstleistungen aus dem Westjordanland wachse stetig: Eine Reihe großer IT-Konzerne habe schon Aufträge von Indien und China hierher verlagert, sagt Kaufmann.

Neben Branchenschwergewichten wie Google, Microsoft oder Cisco sind darunter auch diverse israelische Unternehmen. 5.000 Jobs seien in den vergangenen fünf Jahren in dem Sektor geschaffen worden, erklärt Muhammad Resa, ein Sprecher der palästinensischen Wirtschaftsbehörde.

Die Fortsetzung des Friedensprozesses mit anderen Mitteln also? Bloß nicht: »Wir setzen keine politische Agenda um, und unser Fonds ist kein politisches Statement«, sagt Kaufmann. Nashif sagt: »Yadin bringt die DNA eines Investors ins Unternehmen, ich habe 16 Jahre in der Softwarewelt verbracht und verstehe sehr gut, wie ein Technologiekonzern tickt.« Das sei es auch, was die Investoren interessiert. Das – und die Rendite. Nicht, dass der eine Israeli und der andere Palästinenser sei.