Besteht zwischen dem Verschwinden der Schmetterlinge und der wachsenden Zahl Tätowierter ein Zusammenhang? Jedenfalls fällt auf, dass die Falter im Berliner Stadtbild selten geworden sind, während es von Tätowierten wimmelt. In Anlehnung an Loriot möchte man sagen: Früher war mehr Schmetterling. Mit etwas Glück konnte man in der Stadt Schwalbenschwänze, Bläulinge und Tagpfauenaugen sehen. Hin und wieder gaukelte ein Trauermantel über Rabatten und Hecken. Zitronenfalter schwebten über Bahnböschungen, und der Admiral schlief auf einer Rose am Neptunbrunnen. Sie alle, so scheint es, sind ins Exil gegangen. Nur der gute alte treue Kohlweißling ist hiergeblieben und führt seine Tänze wie eh und je auf.

Ein Tätowierter kann mit seiner Zeichnung natürlich nicht in Konkurrenz zu einem Falter treten. Was wäre das für eine Hochstapelei. Aber man kann auf den möglicherweise dummen Gedanken kommen, dass die Schmetterlinge ob so viel bemalter Haut sich aus dem städtischen Staub gemacht haben. Wenn nicht neid-, so vielleicht gramerfüllt.

Bemalte Flügel sind schön, so viel steht fest. Der Mensch hat keine. Also malt er auf Brust oder Keule, auf Arm und Fuß, sogar auf Glatzen, und manchmal schreibt sich einer auch etwas hinter die Ohren. 61 Tätowierstuben gibt es in Berlin. Stube klingt gemütlich, nach Tee, Keksen und einer Omi, die stickt. Und gestickt wird ja auch. Die Haut ist wie ein großes Tischtuch, es passt viel drauf. Viele dieser Stuben haben auch nachts geöffnet. Wenn man keinen Schlaf findet, weil man sich nach dem Gesicht von Angelina Jolie auf seiner Kniescheibe sehnt, kann man in die Notaufnahme gehen. Steht die Tür in warmen Sommernächten offen, dringt das Surren der Tätowiermaschine nach draußen, sodass man glauben könnte, hier probe ein ängstlicher Zahnarzt den Ernstfall.

Das ist der Nachteil des Berliner Sommers: Man geht durch die Stadt wie durch eine Mischung aus Gemäldegalerie, Comic und dem Malkurs einer Volkshochschule. Wohin das Auge blickt, bemalte Haut. Als Untätowierter fühlt man sich wie ein Nacktmull, der in einen Papierkorb voller Kinderzeichnungen, Geschenkpapier und Aktfotos gefallen ist. Der Mensch ist seine eigene Litfaßsäule geworden, die Bilder und Nachrichten werden mit ihm alt, Blumen welken mit der Haut, Fabelwesen und Außerirdische bekommen Falten, das Antlitz des Liebsten versinkt zwischen Speckröllchen, und das »Arschgeweih« ragt über das Schlüpfergummi.

Wenn er könnte, der Mensch, würde er sich auch noch etwas auf Herz und Nieren stechen lassen. Andererseits: Der Mensch, der sich bemalt, muss sich seiner Unvollkommenheit bewusst sein. Das ist schon wieder rührend.

Viel rührender ist aber der Admiral auf der Rose, und wenn man ihn nur lange genug anschaut, kann man sich auch schon ganz vollkommen fühlen. Vorerst müssen wir uns in Berlin am Kohlweißling ergötzen. Weiß wie ein Bettlaken, mit ein paar dunklen Einsprengseln, wie sie eine Zigarette nicht schöner hinterlassen kann, ist wenigstens er in diesem Sommer ein treuer Begleiter.