Es ist Spätsommer in Berlin, die Sonne wärmt, aber Firas Qassas friert. Sieben Tage sitzt er jetzt schon hier, gegenüber dem Auswärtigen Amt in Berlin-Mitte, und hungert. Es ist Mittagszeit, erst wenn es dunkel wird, wird Qassas seinen Campingstuhl zusammenklappen, ihn in sein Auto legen und sich selbst daneben. Bis dahin sind es noch ein paar Stunden, Qassas zieht seine braune Wolldecke bis zum Kinn. Sieben Tage ohne Essen, »nach drei Tagen habe ich gefühlt, wie sich mein Magen verkrampfte«, sagt Qassas, »das tut verdammt weh«.

Jeden Morgen gegen acht baut er am Werderschen Markt sein Protestlager auf. Das Überbleibsel einer Baustelle, ein hüfthoher Betonklotz, aus dem ein blaues Wasserrohr ragt, ist sein kleiner Infostand. Er heftet die Fahne der syrischen Revolution an das Rohr, dazu ein Schild, das er selbst gemacht hat, die Worte einzeln ausgedruckt und auf Pappe geklebt: »Jeden Tag werden in Syrien die Menschenrechte verletzt. JA zum Militärschlag gegen ASSAD!« Ein anderes Schild hängt er sich mit einem Schnürsenkel um den Hals, »Hungerstreik« steht drauf, auf Deutsch und Arabisch. Er stellt eine Plastiktüte mit Wasserflaschen auf den Betonklotz, legt einen Regenschirm für den Notfall daneben. Dann setzt er sich auf seinen Campingstuhl und wartet.

Firas Qassas ist 40 Jahre alt, Syrer, ein kleiner, pummliger Mann, die dunklen Haare trägt er nach hinten gekämmt. Er hat schon immer Politik gemacht, sagt er. Vor zwölf Jahren, als er noch in Syrien lebte, gründete er eine Partei, liberal und laizistisch, er nannte sie »Partei der Modernität und Demokratie«. Dem Regime gefiel das nicht, Qassas erhielt Morddrohungen. Er floh mit seiner Familie nach Deutschland, bekam Asyl. Im Internet betreibt er einen Elektronikhandel, mit seiner Frau und den drei Kindern wohnt er in Prenzlauer Berg. Seit eineinhalb Jahren engagiert er sich im Syrischen Nationalrat, der Dachorganisation der syrischen Opposition im Ausland. Er wollte kämpfen, gegen Assad. So gut das eben ging, von Berlin aus.

Es ging aber nicht so gut. Seine Partei wurde im Nationalrat aus Proporzgründen zur Fraktion der Muslimbrüder gezählt, dabei sei er Laizist, das könne man doch sehen! Qassas zeigt auf seinen Bart, er lasse ihn wild wachsen, während die Brüder ihre Wangen und die Kanten des Oberlippenbartes akkurat abrasieren. Das wisse doch jeder, er lacht, zieht seine Decke noch ein Stück nach oben. Dann wird er wieder ernst.

Irgendwann hatte er das Gefühl, nicht genug zu tun. Hilflos zu sein. Ende August erfuhr er auf Facebook von dem Massaker, das die syrische Armee in der Stadt Daria anrichtete, mehr als 300 Syrer wurden getötet. Stundenlang habe er geweint, sagt er. Dann beantragte er eine Protestgenehmigung bei der Polizei.

Sein Sohn fleht ihn am Telefon an, seinen Streik zu beenden

Jetzt macht Firas Qassas Politik mit seinem Körper. Er will nichts mehr essen, bis die Bundesregierung eine Flugverbotszone über seiner Heimat errichtet und die Rebellen bewaffnet, »ohne Schützenhilfe können wir Assad nicht stürzen«. Ab und an nimmt er seinen Tablet-Computer, um nachzusehen, wie es den anderen geht. Ungefähr 90 Syrer in Europa und dem Nahen Osten hungern für dasselbe Ziel, die meisten in Jordanien und Frankreich. In Deutschland hat Qassas bereits eine junge Frau inspiriert, sie hungert jetzt auch, in Bielefeld.

Den ganzen Tag blickt Qassas nun über die Straße hinweg auf das Auswärtige Amt. Sieht, wie Diplomaten ein und aus gehen, sieht die Polizisten, die die Sicherheitsschleuse bewachen, starrt auf den Bundesadler auf der Fassade. Dahinter, da ist er sich sicher, wird über die deutsche Position in der Syrienfrage entschieden. Viele Syrer, sagt er, wollten sich seinem Hungerstreik vor dem Ministerium anschließen. Aber momentan bekämen sie keine Genehmigungen. So muss Qassas allein seinen Plan verfolgen. Alle, die an seinem kleinen Protestlager vorbeigehen, will er informieren, sie überzeugen. Und wenn erst genug Bundesbürger seine Forderung unterstützten, dann werde sich hinter der Fassade mit dem Bundesadler schon etwas bewegen.