DIE ZEIT: Herr Colditz, Sie hatten einen Posten, der Ihnen wichtig war. Sie waren bildungspolitischer Sprecher der sächsischen CDU . Ihren Rücktritt hat die Fraktion nachts um 21.39 Uhr bekannt gegeben – warum zu so später Stunde?

Thomas Colditz: Ich habe lange über meine Entscheidung gegrübelt, am Ende aber sehr kurzfristig die Kraft aufgebracht, zu sagen: Es reicht. Ich kann nicht mehr. Deshalb habe ich meinem Fraktionsvorsitzenden Steffen Flath am Freitagnachmittag in einer Mail mitgeteilt, dass das, was hier passiert, für mich persönliche und gesundheitliche Belastungen bedeutet, die ich leid bin. Mein Herzblut hängt an der Bildungspolitik, ich bin seit 1990 dabei. Aber wenn man nicht ernst genommen wird, ignoriert wird, öffentlich erniedrigt wird, dann muss man die Notbremse ziehen.

ZEIT: Gib es Menschen, die Sie jetzt aufbauen?

Colditz: Ich habe unheimlich viele Mails und Anrufe bekommen. Das ging mir richtig an die Nieren und war mir fast ein bisschen peinlich. Ich habe mich furchtbar gefreut. Aber gleichzeitig schuldig gefühlt, all die Hoffnungen zu enttäuschen, die offenbar in mich gesetzt wurden. Es wird nicht leicht für mich, nur noch Zuschauer zu sein in einem Bereich, den ich seit zwei Jahrzehnten begleitet habe. Aber der Rücktritt ist eine Befreiung.

ZEIT: Die harten Auseinandersetzungen der vergangenen Monate um Sachsens Schulpolitik haben Ihnen zugesetzt.

Colditz: Ja, vor allem psychisch. Ich habe zunehmend gespürt, dass ich in Debatten die Beherrschung verliere. Das gehört zwar zu meiner Mentalität, ich bin ein aufbrausender Mensch. Aber es wurde immer schlimmer. Ich leide an völliger Erschöpfung. Es ist kein Burn-out. Aber das Gefühl, grundlegend ausgelaugt zu sein, ist es schon. Das hat eine Ursache: dass ich Kämpfe um eine bessere Schule führe, obwohl das von meiner Fraktion nicht gewollt ist. Wenn man Tag und Nacht arbeitet, aber mit seinem Fachwissen kein Gehör mehr findet – dann gerät man als Politiker an die Grenzen der Belastbarkeit. Man braucht Wertschätzung. Die erlebe ich nicht, auch nicht vom Fraktionschef.

ZEIT: Wann haben Sie erstmals gespürt, dass der Druck, der auf Ihnen lastet, zu groß wird?

Colditz: Im Frühjahr dieses Jahres: Ich fuhr durch die Stadt, vor mir hielt ein Auto an der Ampel. Ich nahm das bewusst wahr – und habe trotzdem nicht gebremst. Auffahrunfall, ein großer Schreck. Ich weiß noch genau, was ich in diesen Sekunden gedacht habe: Es war die Zeit, in der der Kultusminister zurückgetreten ist, darüber habe ich gegrübelt. Der Unfall war ein Signal, fast eine Rettung: Achtung, du überschreitest die Grenze deiner Belastbarkeit. Du übernimmst dich. Beim nächsten Mal passiert dir das auf der Autobahn, dann stehst du nicht mehr auf.

ZEIT: Wird in der Politik mit zu harten Bandagen gekämpft?

Colditz: Ja, und das wird immer schlimmer. Natürlich habe auch ich ordentlich ausgeteilt in all den Jahren. Aber man darf die Grenzen des Anstands nicht überschreiten. Steffen Flath hat jetzt gesagt: Rücktritte gehören zum Geschäft. Das war ein harter Satz für mich. Ich habe in den vergangenen Wochen auch Anfeindungen erlebt, die man von der Opposition erwarten würde, aber nicht aus den eigenen Reihen. Wenn die Opposition einen besser behandelt als die eigenen Leute es tun, fragt man sich: Ist das ein neuer Politikstil, diese Brutalität?

ZEIT: Es heißt, Sie hätten Steffen Flath, einen besonnenen Mann, aus der Fassung gebracht.

Colditz: Er hat eine stoische Ruhe. Die neide ich ihm manchmal. Ich bin mitunter ein Choleriker, auch ein nerviger Typ. Aber Menschen, die immer nur leise sind, werden mir auch schnell unheimlich. Ein Fraktionsvorsitzender hat eigentlich große Macht. Er könnte ein Gegengewicht zum Ministerpräsidenten sein. Er könnte ihm Grenzen aufzeigen. Flath tut das nicht. Die Fraktion ist zur bloßen Erfüllungsgehilfin der Regierung geworden. Es gibt keine Streitkultur mehr! Steffen Flaths Aufgabe ist es, die Fraktion ruhig zu halten, den tollen Koalitionsfrieden zu bewahren. Dabei gefährden nicht wir den Koalitionsfrieden, sondern die FDP , der Koalitionspartner, tut es. Wir wehren uns aber nicht. Am Tag vor ihrer Vereidigung hat Brunhild Kurth, die neue Kultusministerin, zu mir gesagt: »Mit Politik, Herr Colditz, will ich gar nichts zu tun haben. Ich bin Fachfrau.« Ein Satz, der mich vom Stuhl gehauen hat. Wie soll man da zusammenarbeiten? 

ZEIT: Brunhild Kurth ist die Nachfolgerin Roland Wöllers, des CDU-Ministers, der im März zurückgetreten ist. Nun geben Sie auf. Die Union hat ihre wichtigsten Bildungspolitiker verloren.

Colditz: Die Bildungspolitik der CDU ist in der Krise. Die FDP treibt uns vor sich her. Mit ihrem unbedingten Willen, die Mittelschule in eine »Oberschule« umzuwandeln, ohne das tatsächliche Problem zu lösen – den Lehrermangel. Ein verzweifelter kleiner Koalitionspartner will sich profilieren, und wir gebieten dem keinen Einhalt! Wir wollen groß »Oberschule« über den Eingang der Mittelschulen schreiben, aber drinnen fehlen immer noch die Lehrkräfte. Ich weigere mich, so einen Etikettenschwindel mit zu verantworten. Was die FDP versucht, ist ein Projekt für Hochglanzbroschüren. Ein Vergehen am Wähler.