Armen Ländern Ratschläge erteilen: Das war früher mal ein Monopol des Westens. An Universitäten, in Denkfabriken, bei der Weltbank und beim Internationalen Währungsfonds in Washington entstanden alle paar Jahre neue Patentrezepte, mit deren Hilfe die Entwicklungs- und Schwellenländer endlich mehr Wohlstand erlangen sollten.

Es hieß: Verschließt eure Grenzen, und ersetzt Importe durch eigene Produktion! Leiht euch riesige Mengen Geld, und renoviert damit in einem "großen Schub" die gesamte Infrastruktur! Halt, nein: Öffnet alle Tore, und lasst den Markt walten! Stopp, doch verkehrt: Baut zunächst Institutionen aus, etabliert die Herrschaft des Rechts, und werft eure korrupten Beamten raus!

Im Laufe der vergangenen 20 Jahre sind die Ratgeber zunehmend bescheidener aufgetreten, schon weil die Ratschläge unterschiedlich wirkten: Manches war nützlich – aber einige der spektakulärsten Erfolgsgeschichten von Entwicklungsländern, die wohlhabend wurden, hatten ausgerechnet mit eklatanten Verstößen gegen solche Regeln zu tun.

Die asiatischen Tigerstaaten wie Südkorea und Taiwan etwa, die bis in die neunziger Jahre hinein sagenhaft boomten, wurden zeitweise als Erfolge des "Washingtoner Konsenses" gefeiert, einer äußerst marktliberalen Doktrin bei Weltbank und Währungsfonds. Aber bei genauerem Hinsehen spielten Staatsdirigismus und marktverzerrende Exportsubventionen ebenfalls eine große Rolle. Bis heute zeigt der Aufstieg Chinas, dass Staatsdirigismus mit dauerhaft schnellem Wachstum einhergehen kann.

Spannend also, dass im Augenblick eine neue Theorie zur Belehrung ärmerer Länder die Runde macht – geschrieben von einem Chinesen.

Justin Yifu Lin lehrt Volkswirtschaftslehre in Peking. Allerdings ist er ein Wanderer zwischen den Welten. Neben seiner Ausbildung zum marxistischen Politökonomen ging er auch bei konservativen Volkswirten an der Universität Chicago in die Lehre – und von 2008 bis Mai 2012 war er gar Chefökonom bei der Weltbank in Washington.

Die Entwicklungsempfehlung des Herrn Lin – die er gerade in einem Buch namens The Quest for Prosperity ("Die Suche nach dem Wohlstand") beschrieben hat – läuft teilweise darauf hinaus, dass einer mit lauter klassisch-ökonomischen Argumenten erklärt, warum China es richtig macht. Und wie andere es auch so machen könnten.

Lin glaubt einerseits, dass man den Märkten viel Freiraum geben sollte. Die Weisheit dieser Märkte reiche aber nicht, um auch den besten und schnellsten Entwicklungspfad für ein Schwellenland zu identifizieren. Die schrittweise Verbesserung der Infrastruktur und sogar die Förderung der erfolgversprechendsten Zukunftsbranchen solle stattdessen vom Staat "koordiniert" werden.

Lin begründet das so: Wenn der Erfolg eines bestimmten Konzerns nebenbei auch Vorzüge für die Entwicklung des gesamten Landes mit sich bringe, dann schlage sich das in den Firmenbilanzen und in den Kapitalkosten nicht richtig nieder. Da funktioniere der Markt nicht. Da brauche man den Staat.

Man merkt, der Mann war eine eher ungewöhnliche Besetzung als volkswirtschaftlicher Chefdenker bei der Weltbank. Er räumt auch selber ein, dass viele Kollegen seine Thesen nicht teilen, selbst wenn sie sie für plausibel halten. Es ist ja auch nicht erwiesen, dass der Staat besser in die Zukunft schaut.

Yifu Lin traut sich was: Er liefert ganz konkrete Empfehlungen ab. Speziell für ärmere Länder, die noch aufholen müssen. Die Lenker solcher Staaten müssten sich keine Kristallkugeln kaufen, um in die Zukunft zu schauen. Sie könnten auch einfach die "dynamisch wachsenden reifen Branchen in einem Land anschauen, das ähnlich ausgestattet ist, aber ein höheres Einkommen hat". Nach diesem Rezept hätten auch die Briten einst von den Niederländern gelernt, wie wichtig die Textilwirtschaft zu jener Zeit war, und so hätten etwa Deutschland und die USA die Entwicklung ihrer Schwerindustrie am erfolgreichen Großbritannien des 19. Jahrhunderts orientiert.

Über Lins Theorien kann man lange streiten, aber dieser Teil ist wirklich erfrischend und bis ins Detail von ihm aufgearbeitet: Ein aufholendes Land könne durch einfaches Abkupfern von Wachstumserfolgen an anderen Orten der Welt erfolgreich sein.