Manchmal scheint es, als könne man den Konflikt zwischen Kopf und Bauch, der in Volker Kauder toben muss, förmlich sehen. Dann zuckt die Nase des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU auf so einzigartige Art, dass sie Harald Schmidt zur Erfindung von "Kauders Nasenballett" beflügelt hat. Dann fahren die Kauderschen Hände abwechselnd hinten in den Hemdkragen, als ob er sich dringend Luft verschaffen müsse, um kurz darauf am Jackett auf und ab zu reiben, als wolle er sich selbst bei den Rockschößen packen. So wie kürzlich, als Kauder an seinem 63. Geburtstag in der Ruhrfestspielhalle bei der Seniorenunion am Pult steht und feststellt: "Ich bin so alt wie unser Land."

Sie haben einiges mitgemacht, das Land und Volker Kauder, sie haben sich verändert und mussten lieb gewonnene Überzeugungen über Bord werfen. Als Fraktionschef muss Kauder die immer schwerer zu rechtfertigenden Mehrheiten für den Kurs der Regierung organisieren. Er muss dabei Entscheidungen vertreten, die er nicht getroffen hat, weil sie in Brüssel, Rom oder Madrid fallen. Er muss bei seinen Abgeordneten Zweifel zerstreuen, von denen er selbst nicht frei ist. Er muss seine Welt, wie sie war, zerstören, um etwas davon retten zu können. Er muss das Grundübel überwinden, an dem die Konservativen seiner Partei so leiden: Kopf und Bauch versöhnen.

Sein Wahlkreis ist die heile Welt – und dann ist da noch die Berliner Welt

Er kenne keinen Politiker, der Entscheidungen so sehr aus seinem Erleben im Wahlkreis heraus treffe wie Volker Kauder, hat sein früherer Kollege Peter Struck von der SPD gesagt, bis zur Verbohrtheit gehe das bei seinem Freund Volker. In Rottweil-Tuttlingen, Kauders Wahlkreis, liegt die Jugendarbeitslosigkeit unter einem und die Arbeitslosigkeit unter drei Prozent. Wenn Kauder einkaufen geht, was er gerne tut, kennen ihn die Kassiererinnen beim Namen. Ob Quote, Mindestlohn, Abwrackprämie – der Wahlkreis ist der Ort, an dem Kauder feststellt, was funktioniert, was die Leute interessiert.

Volker Kauder ist aufgewachsen in Baden-Württemberg, als Sohn deutschstämmiger Heimatvertriebener aus dem damaligen Jugoslawien, ein strammer Konservativer, der mit 17 in die Junge Union eintrat und als Gymnasiast das "Jugendkuratorium unteilbares Deutschland" gründete. Seine Ehe blieb kinderlos, seine Frau arbeitet als Ärztin oft wochenweise im Ausland – die Brüche in den Biografien, die Veränderungen der Welt, von denen in den Politikerreden so oft die Rede ist, haben nicht mal vor dem Traditionalisten Kauder haltgemacht. Seine Frau Elisabeth erwähnt er oft, auch, um zu signalisieren, dass er kein Gestriger ist. Kauders Wahlkreis ist kein Heimatfilm, aber immer noch eine vergleichsweise heile Welt, in der die Dinge funktionieren. Es ist Kauders Bauchwelt.

Kauders andere Welt ist die Berliner Welt, die Kopfwelt, da gibt es nicht nur Brüche, da klaffen die Widersprüche manchmal grabenweit auseinander. Hier arbeiten die Frauen nicht nur, hier ist der Chef eine Frau, Angela Merkel. Der Flughafen funktioniert nicht, die S-Bahn immerhin meistens. Der Außenminister bringt zu Staatsbesuchen seinen Ehegatten mit, und die 620 Bundestagsabgeordneten betrachten sich alle als Individualisten und simsen aus den Sitzungen, was das Zeug hält. Auf die Frage, ob er sich in Berlin heimisch fühle, sagt Kauder einfach: "Nein." An Erscheinungen wie den Piraten interessiert ihn, wenn er ehrlich ist: Nichts.

Ein Betonkopf ist er trotzdem nicht. Kauder geht gerne ins "Sprechtheater", wie er sagt, ist im Förderkreis des Deutschen Theaters, vor allem die Thalheimer-Inszenierungen haben es ihm angetan. Er glaubt nicht, dass Kinder in homosexuellen Partnerschaften aufwachsen wollen, aber er hört gerne Musik von der Schwulen-Ikone Freddy Mercury. Er legt Wert darauf, dass er für das Betreuungsgeld eintrete, weil er für Wahlfreiheit sei und nicht aus ideologischen Gründen, aber man geht vermutlich nicht total falsch in der Annahme, dass der Spitzname "Krippenursel" für Arbeitsministerin von der Leyen von ihm stammt.

Parteifreunde beschreiben Kauder als Pflichtmensch, er selbst sagt, er schätze nichts so sehr wie Loyalität. Kompliziert wird es immer dann, wenn Loyalität, Ideologie und Machterhalt in Konflikt geraten. Die Atompolitik zum Beispiel war für die CDU lange mehr als nur ein Sachthema, sie war ein Symbol der Überlegenheit als Regierungspartei: da die Anwälte des Wünschenswerten, die Linken, hier die Vertreter des Machbaren, die CDU. Kauder als Baden-Württemberger war einer der herausragendsten Vertreter dieser Ideologie. Mit Fukushima drehte sich die Sichtweise um 180 Grad, und gleichzeitig drehte sich auch die Kanzlerin. Ein Linker wäre vielleicht an dem Konflikt verzweifelt, Kauder schaltete den konservativen Turbo ein: Machterhalt geht im Zweifel vor Ideologie, und an erster Stelle steht das Selbstverständnis als Regierungspartei.