In Abwandlung des heiligen Augustin: "Karlsruhe hat gesprochen, der Fall ist erledigt." Welcher? Für die Kläger ist die letzte Hoffnung geschwunden, das Desaster der "Schuldenunion" abzuwehren – Deutschland als Zahlmeister Europas. Die Welt gegen uns, und wir haben verloren. Das Gespenst von 1923 dräut – als zum Schluss ein Dollar 4,2 Milliarden Reichsmark wert war.

Nichts dergleichen. Das Verfassungsgericht macht keine Außen- und Wirtschaftspolitik; es hat geurteilt wie eh und je: mit richterlicher Selbstbeschränkung. Wie in allen Fällen, wenn es um Euro und Europa ging, hat Karlsruhe die Selbsterhöhung zur letzten politischen Instanz verweigert. Die Botschaft: Politik gehört in den politischen Raum; wir können ihr die quälende Wahl zwischen verschiedenen Übeln nicht abnehmen. Das ist nicht unser Job.

Folglich hat das Gericht den Rettungsfonds ESM und den Fiskalpakt nicht gestoppt, aber auch die Oberhoheit der Legislative nicht beschnitten. Der Weg ist frei, obwohl mit den üblichen Kautelen gepflastert. Nur der Bundestag darf einen größeren deutschen Anteil bewilligen; er muss zudem stets erfahren, was der Rettungsfonds vorhat. Geheimhaltung ist out.

So viel zum Juristischen. Und das Politisch-Ökonomische? Die Voraussage ist einfach: Nach dem Wegfall der Karlsruher Bremse wird der Euro gerettet, soweit das Geld reicht. Zu den Problemen schweigen die Richter weise. Das jüngste und hässlichste gelangte erst gar nicht in die Senatskammer: die EZB-Entscheidung, "unbegrenzt" Schuldscheine der Krisenstaaten aufzukaufen, um ihnen die Zinslast zu erleichtern – gegen das Votum des Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann. Er hatte recht, weil ihre Statuten der EZB nicht die Macht geben, Geld zu drucken, geschweige denn Staaten vor der Pleite zu retten. Ihr "vorrangiges Ziel" ist die "Preisstabilität".

Leider ist das Schnee von gestern. Seit Ausbruch der Euro-Krise hat die Bank immer wieder Wackel-Bonds aufgekauft, also Geld in den Kreislauf gepumpt. Jetzt gibt es kein Halten mehr; was der Markt nicht aufnimmt, landet in der Bilanz der Bank. Das klang noch vor einer Woche ganz anders. "Staatsfinanzierung", dozierte unser Finanzminister, "ist nicht die Aufgabe der Zentralbank." Noch deutlicher: "Staatsverschuldung mit der Notenbankpresse zu finanzieren", das sei die "schiefe Ebene". Das Volk war beruhigt.

Was morgen sein wird, soll uns heute nicht bekümmern

Der ökonomische Preis ist Inflation, das Gegenteil von "Preisstabilität". Warum also will Mario Draghi sich versündigen? Weil die alten Wahrheiten seit 2008 nicht greifen. Die wundersame Geldvermehrung im Billionen-Format, zumal durch Zentralbanken Amerikas und Englands, hat kaum die Preise getrieben. Warum nicht? Weil in der Rezession genug Kapazität brachliegt, um die Nachfrage locker aufzusaugen. Noch freundlicher: Der gewaltige Geldüberhang gerät nicht ins Rutschen, weil die Liquidität nicht beim Konsumenten ankommt. Die verängstigten Banken parken ihr Geld lieber bei der EZB, als es auszuleihen. Mehr Benzin, kein Feuer. Was morgen sein wird, soll uns heute nicht bekümmern. "Fly now, pay later" , lautet der alte Werbespruch.

Das nächste Problem ist das politische. Wieso hatte die Kanzlerin noch im Juni dekretiert, "Eurobonds", also Staatsanleihen, die von allen garantiert werden, seien der "falsche Weg"? Gemeinsame Haftung nur bei "ausreichender Kontrolle". Der schnöde Ökonom nennt das "moral hazard": Reichlich Billig-Geld erspart sauberes Haushalten; warum mit erneuerter Kraft Einkünfte steigern, wenn das Geld praktisch für lau zu haben ist?