Der Jahreskalender eines global agierenden Kunstsammlers ist schon voll, ehe er ihn im Schreibwarenladen gekauft hat. Am vergangenen Wochenende etwa musste der Sammler nach Köln und Düsseldorf, wo die dortigen Galerien alle synchron für die DC Open ihre schönsten Ausstellungen eröffneten. Mitte Oktober muss er nach London, wo die Kunstmesse Frieze und gleichzeitig auch eine unüberschaubare Zahl an Ausstellungen und Auktionen abgehalten werden. Im November geht es zur Vienna Art Week nach Österreich und immer so weiter. Schuld daran ist nicht zuletzt das, was die Stadtforscher die Festivalisierung der Städte nennen. Die öffentlichen und privaten Institutionen scheinen nur noch im Ausnahmezustand des Festivals, der Kunst-, Film- oder Buchwoche die Menschen in ihren Bann zu ziehen.

Seit Dienstag findet nun zum ersten Mal die Berlin Art Week statt. Der Senat hat dazu seinen Teil beigetragen, indem er 250.000 Euro in die Gründung gesteckt hat. Es ist auch hier der Versuch, jedes Jahr zur gleichen Zeit möglichst viele Interessierte nach Berlin zu locken – und so der Konkurrenz anderer Städte mit einer starken Marke zu begegnen. Zu den Partnern gehören neben der Kunstverkaufsausstellung Art Berlin Contemporary (ABC) und der jungen Kunstmesse Preview etwa die Nationalgalerie, die Akademie der Künste, die Berlinische Galerie und die Kunstvereine; es werden viele kleine und einige große Ausstellungen koordiniert eröffnet, Sammler wie Axel Haubrok und Christian Boros präsentieren ihre Sammlungen neu, an jeder Ecke werden Feste gefeiert, und es gibt eine überall gültige Eintrittskarte für 28 Euro. Berlin versucht sich in neuer Geschlossenheit.

Auch auf der ABC am Gleisdreieck lässt sich das beobachten, die diesmal noch mehr Teilnehmer eingeladen hat, 129 Galeristen aus aller Welt, davon immerhin 66 aus Berlin. Sie kommt jetzt anders als in den letzten Jahren wie eine traditionelle Kunstmesse daher, es gibt zwar keine Messekojen, aber die Galeristen werden an Tischen vor den Werken ihrer Künstler sitzen, vor Werken, die sie selbst ausgesucht haben. Einen übergeordneten Kurator wie bisher gibt es nicht mehr. Und das ist wohl auch gut so, denn die ABC-Kuratoren hatten schließlich auch keine wirklich freie Hand bei ihrer Auswahl, sie mussten mischen, was ihnen die Galerien zur Verfügung stellten.

Jetzt zeigt jeder das, was er gerne verkaufen möchte: der Galerist Guido Baudach Arbeiten seiner in Berlin lebenden Künstler Thilo Heinzmann und Björn Dahlem, die in Chicago und Berlin ansässige Galerie Kavi Gupta Skulpturen des auf der diesjährigen Documenta gefeierten Künstlers Theaster Gates und die Galerie Johnen eine mehrteilige neue Fotoarbeit von Jeff Wall. Johann König vertritt mit seiner Galerie nun auch die Malerin Corinne Wasmuht, was er mit der Hängung eines neuen großformatigen Gemäldes der Künstlerin (120.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer) kundtut.

Im vergangenen Jahr klagten einige Teilnehmer der ABC über das schleppende Geschäft. Ob die Berlin Art Week aber schon in ihrem ersten Jahr einen großen Sog erzeugen kann und nicht nur Kunstbetrachter, sondern auch Kunstkäufer in die Stadt zieht? So recht scheinen die Veranstalter selbst noch nicht daran zu glauben. Damit spätestens im nächsten Jahr alle zufrieden sind, wird die ABC dann eine offizielle Direktorin haben: Maike Cruse hat in Berlin das Forgotten Bar Project, eine anarchische, aber einflussreiche Künstlerausstellungshalle, mitorganisiert und war zudem mehrere Jahre lang die Pressesprecherin der seriösen Art Basel, der wichtigsten Kunstmesse der Welt. Sie ist schon längst da, wo die Kunststadt Berlin gerne hinwill. Dort, wo wilde Kunstverliebte auf nachdenkliche Künstler treffen – und dann auch noch wagemutige Sammler bereitstehen, das alles zu bezahlen.