Ich bin Sohn eines beschnittenen Vaters, Vater eines beschnittenen Sohnes und natürlich selber beschnitten. Ich bin Jude, ich bin Deutscher, ich bin qualifiziert, hier mitzureden. Allen neunmalklugen Leserbriefen zum Trotz – ich glaube nicht an das Wiederaufflackern des Antisemitismus in Deutschland über das auch in anderen europäischen Ländern bekannte Maß hinaus. Ich möchte weiterhin als Jude in Deutschland leben, mich gesellschaftlich leidenschaftlich engagieren und meine Kinder hier aufwachsen sehen. Ich sehe keinen Grund dafür, dass dieser Plan bedroht wäre. Allerdings ärgere ich mich über Säkularfundamentalisten und die plötzlich auftauchenden, selbst ernannten Retter der Unversehrtheit unserer jüdischen Kinder. Vor allem die Gleichsetzung der bestialischen, funktionsvernichtenden Genitalverstümmelungen bei Mädchen mit der rituellen Beschneidung bei jüdischen Jungen ist unerträglich. Sie hat es in Talkshows tatsächlich gegeben. Bis vor wenigen Wochen hat kein Hahn nach der abgeschnittenen jüdischen Vorhaut gekräht. Jetzt haben plötzlich ein paar selbstgefällige, mediengeile Urologen und Rechtsprofessoren in der unerschöpflichen nachkriegsdeutschen Harmonie- und Friedenssehnsucht den richtigen Resonanzboden für ihre spitzfindigen Argumentationen gegen eines unserer bedeutsamsten Rituale gefunden. Zusätzlich animiert von einer Handvoll gnadenlos polemisierender Damen und Herren aus der Politik, ausgestattet mit diesem urdeutschen Gerechtigkeitswahn, fühlt sich prompt eine Armada von Leserbriefschreibern berufen, ihr Unwissen zu vergessen und eine rechthaberische Gutmenschenethik zu verbreiten, die eine harmlose, friedliche, Jahrtausende währende Tradition an den Pranger stellt. Das kann ich nicht ernst nehmen. Nein, wegen solcher Leute verlasse ich ganz sicher nicht mein Heimatland.

Selbstverständlich kann ich all jene verstehen, die zutiefst erschrocken sind über so viel veröffentlichtes Vorhaut-Gebrabbel. Nur bitte: Überlasst den unwissenden Besserwissern nicht die Deutungshoheit. Im Übrigen, jedes Gerichtsurteil in Deutschland, auch das der Kölner Richter , die die Beschneidung eines muslimischen Jungen als strafbar erachteten, ist ein Einzelfall.

Um es ganz klarzumachen: Jüdische Eltern lassen ihre Jungen seit vielen Tausend Jahren beschneiden, und sie werden dies auch noch in vielen Tausend Jahren tun. Am achten Tag nach der Geburt, medizinisch bedenkenlos, hygienisch einwandfrei und ohne Risiko für Wohl, Wehe und Lust des Jungen.

Die dramatische jüdische Geschichte hat jüdische Eltern die Notwendigkeit gelehrt, ihre Kinder zu unabhängigen, gebildeten Freigeistern zu erziehen. Jüdische Kinder sollen auf dem Boden ihrer jüdischen Tradition, verbunden mit ihrer jüdischen Geschichte, über die wichtigen Fragen in ihrem Leben unabhängig und eigenständig entscheiden können. Die Frage nach ihrer Beschneidung gehört nicht dazu. Die Beschneidung ist für jüdische Familien so selbstverständlich wie die Trennung der Nabelschnur. Meine Frau und ich haben in Deutschland eine Familie gegründet. Wir sind nicht fromm, aber wir lieben die jüdischen Feiertage, unsere Familienfeste und das ganze Drumherum. Die Beschneidung unseres Sohnes stand nie infrage (obwohl wir, wie in allen jüdischen Familien üblich, nichts mehr lieben als das Debattieren). Und selbst wenn wir es gewollt hätten – es wäre nicht herauszufinden gewesen, wie unser Sohn darüber denkt. Dafür war er einfach noch zu klein. Es gibt eben Dinge, die Eltern allein entscheiden müssen. Und diese Entscheidung treffen jüdische Eltern freiwillig und gemeinsam, in Einklang mit ihrer Tradition und auf Basis eines gemeinsamen Wertekanons mit der aufgeklärten modernen Gesellschaft. Jüdische Eltern lieben ihre Kinder. Genauso wie nichtjüdische Eltern. Das ist ein Naturgesetz. Deswegen lassen aufgeklärte Gesellschaften die Eltern überall auf der Welt ihre Kinder eigenverantwortlich erziehen. Ausnahmen gibt es überall. Es gibt ja auch Arschlöcher unter Gutmenschen.

Für meine nichtjüdischen Freunde ist die Beschneidung ein jüdisches Ritual, das sie ohne Einwände respektieren. Manche wollen die Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak hören, den er Gott opfern sollte. Der Thora nach war es in Wirklichkeit aber nur eine dramatische biblische Prüfung für Abraham, die er mit Bravour meisterte. Isaak verlor dabei ein kleines Stück seiner Vorhaut. Dies war wohl die allererste Beschneidung. Hier also bereits liegt unsere Tradition begründet – die Tradition der Beschneidung als Zeichen des Bundes mit Gott. Wer die Beschneidung von jüdischen Jungen als barbarischen Akt der Verstümmelung darstellt, kennt einfach keine jüdischen Familien.

Diese Tatsache ist eine Antwort auf die Frage, warum diese Debatte so ausgerechnet in Deutschland geführt wird. Es gibt kaum Juden hier. Gefühlt mögen es zwar mehrere Millionen sein, in Wahrheit sind es nur etwas mehr als 100000. Die meisten Leute kennen deshalb einfach keine jüdischen Traditionen.