Es gibt ja einige Sehnsuchtsorte in Deutschland: den Starnberger See, die Ostseeküste – und seit einigen Jahren gehört auch das brandenburgische Land dazu. Biobauern wollen hier leben, Stadtneurotiker aus Berlin, auch Schriftsteller. Jedes Jahr erscheinen Bücher von Autoren, die mit ihrer Familie aufs Dorf gezogen sind und die nun aufschreiben, wie das so ist. Was sie eint, ist die Verwunderung über das eigene Ich. "Ich zwangsverschicke mich selber an einen Ort, vor dem mich jeder vernünftige Mensch gewarnt hat", so schreibt es der Moderator Dieter Moor. "Höchste Arbeitslosigkeit Deutschlands, dumpfe Ossis. Alkoholiker und Neonazis. Die gesunde Bevölkerung flieht. Zurück bleiben die Loser, die Alten, die Gescheiterten, die Kaputten." Moor ist das Vorzeigebeispiel der brandenburgischen Medienbauern. Seine und die Bücher der anderen Land-Romantiker scheinen auf den ersten Blick eine Verklärung der Provinz zu sein, auf den zweiten Blick sind sie eine gnadenlose Abrechnung mit ihr. In Brandenburg mischen sich Frust und Hype. Das ist es, was diese Provinz zu einem besonderen Flecken Erde macht.

Ulrike Plaß lebt hier seit 20 Jahren. Die 49-Jährige wollte immer schon Entwicklungshilfe leisten, in Afrika vielleicht. Als Schülerin hatte sie im Münsterland einen Eine-Welt-Laden gegründet, dann Landwirtschaft studiert. Nun sitzt sie auf einer hölzernen Bank, es ist ihre Bank. Hinter ihr der Schafstall, links die Melkanlage und rechts die kleinen weißen Ställe, in denen sich eine Sau auf dem Boden langmacht, weil sich die Ferkel um sie drängeln.

Die weißen Ställe gehörten früher offiziell dem Volk. Dem Volk, zu dem Ulrike Plaß damals nicht gehörte. Sie waren Bestand des örtlichen VEB, des Volkseigenen Betriebes. Das Stück Land, das Plaß und ihr Mann heute pachten, liegt im kleinen Ort Ogrosen im Spreewald. Die Bäuerin hat ihren Traum von der Entwicklungshilfe nicht aufgegeben. "Ich habe nur gelernt, dass ich nicht nach Afrika fliegen muss, weil es auch in Deutschland genug zu tun gibt", sagt sie. Plaß hatte noch in der Ausbildung gelernt, Mastschweinen die Schwänze abzukneifen. Sie wollte das nicht mehr tun. Und weil im Osten die Flächen neu verteilt wurden, fanden sie und ihr Mann hier ein Stück Land.

Heute gehören sie zu den Öko-Idealisten, die die Brandenburger Landwirtschaft zu verändern versuchen. Nirgendwo sonst ist der Anteil der ökologisch genutzten Flächen größer. Und schon jeder achte Betrieb darf seine Produkte mit dem Bio-Siegel schmücken. Auch die Fernsehköchin Sarah Wiener darf das. Seit diesem Sommer wächst ein Großteil des Gemüses, das in ihren drei Berliner Restaurants serviert wird, auf ihrem eigenen Acker. Wiener ist eine jener Prominenten, die die brandenburgische Bio-Mentalität verkörpern. Öffentlich propagieren sie: Es gibt eine Alternative zur konventionellen Landwirtschaft – und wir leben sie vor. Markieren sie den Anfang eines besseren Agrarsystems für die neuen Länder – oder sind sie nicht mehr als Idealisten, die an erster Stelle von ihrer Medienpräsenz und erst an zweiter von ihren Öko-Erzeugnissen leben?

Sarah Wiener träumte im vergangenen Jahr noch davon, mit einem Acker im kleinen Dorf Hasenfelde Geld zu sparen beim Einkauf für ihre Restaurants. Sie engagierte Stephanie Kratzsch, eine Bäuerin, die alte, seltene Gemüsesorten anpflanzen sollte. Kratzschs Schultern sind breit, in schwarzen Zimmermannshosen steht sie auf dem Land, das vieles abwirft, nur noch keinen Gewinn. "Gucken Sie sich das an", sagt die 43-Jährige und rupft den von Fliegen durchlöcherten Lauch auf. "Das ist nicht erntbar." Sie wischt mit den Füßen über einen roten Spitzkohl. "Den Köchen kann ich maximal jeden zweiten davon überhaupt liefern", sagt sie. Im Unkraut neben ihr versteckt sich Sellerie.

Die Samen der alten Gemüsesorten zieht die Bäuerin von Hand im Gewächshaus auf – und setzt sie später, Stück für Stück, ins Feld ein. Kratzsch benutzt dafür keine Maschinen, nur ihre Hände und ein paar einfache Werkzeuge. Außerdem besitzt sie ein Pferd, das ihr den Pflug zieht. Rentabel ist diese Arbeit nicht. "Ich subventioniere mich selbst, aber ich mache das gern, weil ich in meinem Restaurant Salate anbieten will, die es im Handel nicht gibt", sagt Sarah Wiener. "Und ich will ein Statement abgeben: dass ich mit dem landwirtschaftlichen System nicht einverstanden bin." Wiener hatte mal den Traum, alles Gemüse, alle Kräuter selbst anzupflanzen, nichts einzukaufen. Die Wirklichkeit in Hasenfelde sieht anders aus: Mal reicht das Gemüse nicht, mal sind viel zu viele Zucchini zeitgleich reif, mal blüht der Spargel, mal kriechen die Schnecken über die Radieschen. Rechnet man alle Kosten zusammen, dann bezahlt Wiener für eine Möhre von ihrem Acker deutlich mehr als im Bioladen; für ein Ei ihrer Hühner 80 Cent. "Wir verrühren sie nicht in Kuchen, denn dafür sind sie zu kostbar", sagt die Köchin. Trotz der Verluste soll Stephanie Kratzsch auch zukünftig für sie anbauen – weil die Radieschen so scharf schmecken, wie Wiener das lange nicht erlebt hat. Weil jedes Ei anders aussieht: eines cremefarben, eines rosa, eines grünlich. Und weil sie ihren Gästen sagen kann, dass die zum Saibling servierten Fingermöhrchen auf dem eigenen Acker gewachsen sind.