Über zwei große Fragen muss in den kommenden Jahren gestritten werden, wenn es um die Schulen und Hochschulen geht. Erstens: Streben wir Studienanfängerquoten von 70 Prozent an, wie sie etwa Finnland und Schweden vorweisen – oder bauen wir weiterhin auf die (viele sagen: bewährte) duale Berufsausbildung zur Qualifizierung des Nachwuchses? Zweitens: Wie viel Paternalismus ist angemessen, um Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten den Bildungsaufstieg zu ermöglichen?

Zwei Studien, die Anfang der Woche veröffentlicht wurden, ermuntern zum Nachdenken. Einen überraschenden Befund liefert der diesjährige Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Bildung auf einen Blick: Deutschland produziere über die Generationen mehr Bildungsabsteiger als -aufsteiger – die Eltern seien also gebildeter als ihre Nachkommen. Deutsche Experten widersprechen dem Befund, aber nehmen wir ihn für den Moment einmal als bare Münze. Der Mannheimer Soziologe Steffen Schindler wiederum hat herausgefunden, dass zwar viel mehr Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern studieren könnten als früher (33 Prozent statt 15 Prozent im Jahre 1976), aber nur rund 50 Prozent von ihnen ein Studium aufnähmen – bei Akademikerkindern liege die Quote bei 80 Prozent. In der Summe, so die Studie, trügen Schule und Hochschule noch immer zum Abbau der Bildungsungleichheit bei. Wenn der Übergang zur Hochschule sozial weniger selektiv wäre, könnte dieser Beitrag jedoch deutlich größer sein.

"Schuld" an beiden Effekten ist die beliebte duale Berufsausbildung. Ein "Bildungsabstieg" liegt laut OECD nämlich vor, wenn von den zwei Kindern eines Akademikerpaars eines studiert, das andere aber "nur" eine Lehre macht. Ist aber ein BWL-Bachelor einer Fachhochschule tatsächlich wertvoller als eine Ausbildung zum Bankkaufmann? Sollten wir uns die Mittelmeerländer zum Vorbild nehmen, die formal mehr "Bildungsaufsteiger" aufweisen, von denen aber viele trotz ihrer Hochschulzertifikate arbeitslos sind? Man darf sich die Antwort nicht zu leicht machen. Denn andererseits kann man hierzulande mit einem Hochschulstudium – im Durchschnitt – besser Karriere machen als mit einer Ausbildung.

Außerdem lohnt es sich sicher, begabte Arbeiterkinder frühzeitig zu bestärken, ein Studium aufzunehmen. Aber nicht von oben herab; der Impuls zum Bildungsaufstieg muss aus den Familien selbst kommen. Wie es so schön im linken Liedgut heißt: "Es kann die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter sein." Die Tür zur Bildung ist weit geöffnet. Durchgehen muss man allein.