Vor ihm stand eine graue Mauer. Er sah nicht die Farbe des Himmels, ob der blau war, sah nicht die Farbe des Bodens, ob da Gras wuchs, Omar sah nur die graue Mauer.

Es war noch ein Mann da, und der drehte sich jetzt um. Der Mann war der letzte in einer Reihe von Schleppern, die Omar für 7.000 Dollar vom Irak zur grauen Mauer gebracht hatten, auf Motorrädern, Lastwagen, Schiffen und zu Fuß. Der Mann wünschte Glück und ging weg. Omar schaute ihm nicht nach, er schaute die Mauer hoch, diese letzte Hürde.

Auf der anderen Seite war die Schweiz. "Wie ein Dieb kletterte ich in den Frieden und den Reichtum."

Jenseits der Mauer warteten auf Omar keine glänzenden Autos, keine glitzernden Bürotürme und keine Frauen in cremeweißen Abendkleidern, wie er sich das vorgestellt hatte. Stattdessen warteten sieben Franken als tägliches Geschenk der Schweizer Bevölkerung, es warteten Schuldgefühle, und es wartete die psychiatrische Klinik Königsfelden.

Wärst du geklettert, wenn du das gewusst hättest, Omar? "Nein."

Zwei Tage irrte er durch die Schweiz auf der Suche nach der Asyl-Empfangsstelle Kreuzlingen. Der Schlepper hatte gesagt, Omar solle sich dort melden. Am 2. Juli 2007 kam er an, eine warme Nacht, trocken, die Tür war verschlossen, ein Nachtwächter stand dort. Omar hatte seit der grauen Mauer nicht gegessen. Der Nachtwächter zog einen Apfel aus der Tasche. "Der erste Schweizer, den ich traf, gab mir ein Geschenk."

Am nächsten Tag schloss der Nachtwächter die Tür auf, und Omar trat ein; er wurde in ein Zimmer geführt, wo ein Mann hinter einem Computer saß. Daneben ein Übersetzer. Omar erzählte von seiner Zeit in der irakischen Armee, zog das rechte Hosenbein hoch, zeigte das vernarbte Knie, zeigte auf den Punkt, wo die Kugel eingetreten und wo sie ausgetreten war. Er zeigte auf sein zernarbtes Gesicht, die rechte Schläfe, die ihm ein Gewehrkolben zertrümmert hatte. Er sagte, er habe alles hinter sich gelassen, um Vater und Schwestern einen Gefallen zu tun. Stolz sollen sie sein auf Omar, der in die Ferne aufgebrochen war, um es zu etwas zu bringen.

Der Mann hinter dem Computer sagte: "Dann schreiben wir das doch alles mal auf." Omar hörte das Klackern der Tastatur. Als das vorbei war, bekam er eine blaue Plastikhülle, etwas größer als eine Kreditkarte, der Ausweis F für vorläufig aufgenommene Ausländer. Er bekam auch ein paar Blätter Papier und ein Kuvert mit Faltboden. Omar reiste mit dem Kuvert unterm Arm in den Kanton Aargau, in ein Asylheim. Fortan bekam er von der Gemeinde sieben Franken pro Tag für Essen und Kleider. Omar hörte auf zu rauchen, er konnte es sich nicht mehr leisten. Er sparte Geld für ein Fahrrad. Er versuchte Arbeit zu finden, wusste aber nicht, wie. Er fragte die Kurden im Asylheim, einer war schon seit 16 Jahren da, aber die Kurden konnten nicht helfen.

Die Kurden sprachen Kurdisch, Omar Arabisch. Damit sie miteinander reden konnten, lernte Omar Schweizer Mundart. Er lernte schnell. Manchmal fuhr er im Zug nach Aarau, er löste kein Ticket, er brauchte ein Fahrrad, irgendwann kam die Polizei. Er hatte kein Geld. Er hatte keinen Ausweis dabei. Omar wurde auf den Polizeiposten gebracht. Er erklärte die Sache mit den sieben Franken und dem Fahrrad. Der Polizist sagte: "Das muss jetzt alles ins Protokoll." Omar musste seine Aussagen unterschreiben. Er setzte einen Schlenker auf das Papier, nein, lesen müsse er das nicht, es sei sicher korrekt, er bekam eine Kopie, fuhr zurück ins Asylheim, legte das Papier ins Kuvert mit dem Faltboden.

Die Sozialarbeiterin der Gemeinde entschied, Omar müsse richtig Deutsch lernen, und schickte ihn in eine Schule namens Social Input in Aarau. Dort, wo ich damals als Lehrer unterrichtete, trafen wir uns zum ersten Mal. Ein Flüchtiger in einem fremden Land und ein Journalist in einem fremden Beruf.

Im Schulzimmer saßen eine kosovarische Hausfrau, ein spanischer Bauarbeiter, eine portugiesische Putzfrau und ein italienischer Fabrikarbeiter, alle um die fünfzig, alle mit wenig Deutschkenntnissen. Zwischen ihnen saß Omar, 27-jährig, vornübergebeugt, fast ein bisschen bucklig. Die Narben in seinem Gesicht ließen ihn grimmig aussehen, auch wenn er lächelte. Dann stand er auf, trat mit kräftigen Schritten nach vorne und flüsterte: "Chef, ich kann nicht schreiben. Lesen auch nicht."

Am ersten Kurstag schrieb das Sekretariat für alle Kursteilnehmer einen Lebenslauf, für die zukünftige Arbeitssuche. Omar erzählte von einer Handvoll Schuljahren im Irak, von den Jahren beim Militär, von den paar Monaten, die er danach als Taxifahrer verbracht hatte. Er redete von seiner anschließenden Reise, die ein ganzes Jahr gedauert hatte, da Omar, ohne Pass, die meiste Zeit in Gefängnissen in der Türkei verbrachte. Der Sekretär: "Notieren wir das doch mal, schön der Reihe nach." Omar kam ins Schulzimmer zurück und fragte: "Chef, warum schreibt ihr die Menschen auf? Warum redet ihr nicht mit ihnen?" Die Portugiesin: "Bei uns zu Hause haben sie das auch angefangen." Die Kosovarin: "Ist normal." Der Spanier: "Geht halt nicht anders."

Jede Woche verschickte Omar Lebensläufe an Fabriken, Werkstätten, Reinigungsfirmen. Die Absagen waren stets dieselben: Hätte er Ausweis B oder C, könnte er arbeiten. Ausweis F sei zu umständlich, bedinge zu viele Bewilligungen, Formulare, Papiere. Er lernte jede Woche fünf Buchstaben schreiben. Er war langsam. Während der Pause saß er alleine im Zimmer und kratzte Farbe vom Bleistift. Er hielt sich den Finger an die zertrümmerte Schläfe: "Chef, dieser Kopf ist kaputt."

Als er 16 war, sei seine Mutter gestorben, sie habe ein schwaches Herz gehabt. In diesem Moment sei sein Kopf krank geworden, er könne sich nicht so recht erklären, warum. Aggressiv sei er gewesen, gegen andere und sich selber. Der Vater habe auf dem Markt amerikanische Medikamente gekauft, welchen Namen die hatten, wisse er nicht, er habe es nicht lesen können, irgendetwas Englisches. Die Medikamente halfen nicht, sie verwirrten nur. "Der Vater sagte, das Militär würde mir den Kopf heilen." Er ging in den Krieg, sagte er, sei sechs Jahre geblieben, da und dort, wisse aber nicht mehr genau, wo.