Die römisch-katholische Kirche ist 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in einer schwierigen Lage. Vor dem Konzil war sie eine Klerikerkirche. Das Volk durfte zuschauen. Gehorchen und zahlen war die fromme Christenpflicht. Das Konzil erkannte auch den Laien einen Glaubenssinn zu und sogar Anteil an einem allgemeinen Priestertum. Die Hierarchie wurde damit bei Weitem nicht abgeschafft, ebenso wenig die Unterscheidung von Klerikern und Laien. In vielen Kantonen ist das Kirchenvolk in einer staatlich anerkannten Körperschaft mit Kirchgemeinden organisiert. Sie sind demokratisch verfasst und verfügen über die Kirchensteuern.

Das ist den Anhängern einer Hierarchiekirche ein Dorn im Auge. Sie sehen darin eine Gegenkirche zu ihrer eigentlichen Kirche. Dabei übersehen diese Hardliner, dass die Körperschaften nach ihrem Selbstverständnis gar nicht Kirche sein wollen, sondern lediglich die Voraussetzungen für die Entfaltung kirchlichen Lebens schaffen. Zu den Mitgliedern der Kantonalkirchen gehören viele, die an ihrer Kirche auch zweifeln und manchmal verzweifeln. Festtagschristen, die vielleicht aus Nostalgie oder purer Gewohnheit dabei sind. Sie eignen sich schlecht als Objekt hierarchischer Anordnung. Deshalb wünscht sich der Churer Bischof Huonder ein Gottesvolk, das hundertprozentig dabei ist und freudig allen seinen von Rom eingegebenen Anweisungen folgt.

Die Frage lautet also: Volkskirche oder Entscheidungskirche? Darum dreht sich der innerkirchliche Streit. Dem Staat könnte das eigentlich egal sein. Nur wenn aus der Entscheidungskirche eine Sektenkirche wird, dann wird es ungemütlich. Das kann den religiösen Frieden gefährden. Religionsgemeinschaften ohne Zweifler waren schon immer gefährlich.